Berlin, Deutschland

Merz nach CSD-Anschlag: «HÀtte man das verhindern können?»

Veröffentlicht am: 27.07.2026 um 14:12 Uhr | dpa.de

Der tödliche Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin entfacht eine neue politische Debatte - ĂŒber RechtsverschĂ€rfung und die Rolle der Justiz. Der Zentralrat der Muslime verurteilt die Tat.

  • Das Brandenburger Tor wurde nach dem Anschlag in Regenbogenfarben angestrahlt. - Bild: Christoph Soeder/dpa
    Das Brandenburger Tor wurde nach dem Anschlag in Regenbogenfarben angestrahlt. - Bild: Christoph Soeder/dpa
  • Der mutmaßliche TĂ€ter starb bei einem Polizeieinsatz in Berlin-Spandau. - Bild: Michael Kappeler/dpa
    Der mutmaßliche TĂ€ter starb bei einem Polizeieinsatz in Berlin-Spandau. - Bild: Michael Kappeler/dpa
  • Das Tatfahrzeug war ein weißer Van. - Bild: Sebastian Gollnow/dpa
    Das Tatfahrzeug war ein weißer Van. - Bild: Sebastian Gollnow/dpa
  • In einer Kleingartensiedlung in Berlin-Spandau lief der TatverdĂ€chtige laut Polizei mit einer Stichwaffe auf die EinsatzkrĂ€fte zu. - Bild: Michael Kappeler/dpa
    In einer Kleingartensiedlung in Berlin-Spandau lief der TatverdÀchtige laut Polizei mit einer Stichwaffe auf die EinsatzkrÀfte zu. - Bild: Michael Kappeler/dpa
  • Allein auf Deradikalisierung zu setzen, «wĂ€re sicherlich naiv», sagt Innenminister Dobrindt. - Bild: Sebastian Gollnow/dpa
    Allein auf Deradikalisierung zu setzen, «wÀre sicherlich naiv», sagt Innenminister Dobrindt. - Bild: Sebastian Gollnow/dpa
  • Bundeskanzler Merz will die Bewegungsfreiheit von GefĂ€hrdern einschrĂ€nken lassen.  - Bild: Christoph Soeder/dpa
    Bundeskanzler Merz will die Bewegungsfreiheit von GefÀhrdern einschrÀnken lassen. - Bild: Christoph Soeder/dpa
Das Brandenburger Tor wurde nach dem Anschlag in Regenbogenfarben angestrahlt. - Bild: Christoph Soeder/dpa Der mutmaßliche TĂ€ter starb bei einem Polizeieinsatz in Berlin-Spandau. - Bild: Michael Kappeler/dpa Das Tatfahrzeug war ein weißer Van. - Bild: Sebastian Gollnow/dpa In einer Kleingartensiedlung in Berlin-Spandau lief der TatverdĂ€chtige laut Polizei mit einer Stichwaffe auf die EinsatzkrĂ€fte zu. - Bild: Michael Kappeler/dpa Allein auf Deradikalisierung zu setzen, «wĂ€re sicherlich naiv», sagt Innenminister Dobrindt. - Bild: Sebastian Gollnow/dpa Bundeskanzler Merz will die Bewegungsfreiheit von GefĂ€hrdern einschrĂ€nken lassen.  - Bild: Christoph Soeder/dpa

Nach dem mutmaßlich islamistischen Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin lĂ€sst Bundeskanzler Friedrich Merz prĂŒfen, wie die Bewegungsfreiheit potenzieller GefĂ€hrder beschrĂ€nkt werden kann. Das Bundesinnenministerium erarbeite dazu eine Stellungnahme, die in den nĂ€chsten Tagen vorliegen solle, sagte der CDU-Chef in Berlin. Er warf die Frage auf: «HĂ€tte man das verhindern können?»

Ein 21-jĂ€hriger Deutscher mit libanesischen Wurzeln und Verbindungen zum islamistischen Terror soll am Rande des CSD am Samstagabend Menschen mit einem Van angefahren und mit einer Stichwaffe - laut Innenminister Alexander Dobrindt mutmaßlich eine Machete - angegriffen haben. Eine Frau aus Polen wurde tödlich und weitere 29 Menschen teils lebensgefĂ€hrlich verletzt. Bei seiner Festnahme am Sonntagabend wurde Abdul B. von EinsatzkrĂ€ften erschossen. 

TatverdÀchtiger war verurteilt

Laut Generalstaatsanwaltschaft hatte der Mann zeitweise vergeblich versucht, sich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) in Syrien anzuschließen. Nach VerbĂŒĂŸen einer dreimonatigen Haftstrafe im Libanon war er im November 2025 in Berlin in Untersuchungshaft genommen. 

Im Mai verurteilte ihn ein Jugendschöffengericht am Amtsgericht Tiergarten zu 22 Monaten Jugendstrafe - unter anderem wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefĂ€hrdenden Gewalttat. Die Entscheidung ĂŒber eine Aussetzung dieser Jugendstrafe zur BewĂ€hrung wurde fĂŒr die Dauer von sechs Monaten zurĂŒckgestellt. Das Urteil war noch nicht rechtskrĂ€ftig, weil die Generalstaatsstaatsanwaltschaft Berlin Rechtsmittel einlegte. Das Gericht hob einen Haftbefehl aber auf und der Mann kam frei. 

Merz fĂŒr Konsequenzen

Merz sagte: «FĂŒr eine Antwort auf die Frage, welche politischen Konsequenzen wir aus diesem brutalen Anschlag ziehen, ist es noch zu frĂŒh. Klar ist aber auch, es darf nicht nur bei Bekundungen bleiben. Wir werden mit Besonnenheit, aber auch mit Entschlossenheit reagieren mĂŒssen.»

Es gehe darum, wie es sein könne, dass der TatverdĂ€chtige sich am Samstagabend unbehelligt in die NĂ€he des CSD habe begeben und den Anschlag habe verĂŒben können. «Nach meinem VerstĂ€ndnis mĂŒssen wir alles tun, um die Bewegungsfreiheit solcher potenzieller StraftĂ€ter einzugrenzen, wenn wir sie nicht in Haft nehmen können», sagte Merz. Er bekrĂ€ftigte seine Sicht, dass der Angriff gezielt nicht nur die queere Community, sondern die freiheitliche Gesellschaft als Ganzes habe treffen sollen.

Hubig prĂŒft Handlungsbedarf

Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) will nach Angaben eines Sprechers noch nicht abschließend bewerten, welcher Handlungsbedarf besteht. Ihr Sprecher verwies darauf, dass das Strafrecht zur Verfolgung von Terrorismus im April verschĂ€rft und StraflĂŒcken geschlossen worden seien. Der mutmaßliche CSD-AttentĂ€ter sei nach altem Strafrecht verurteilt worden, was zeige, dass es dort mit Blick auf seinen Fall keine LĂŒcken gegeben habe. Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums unterstrich, dass es den Behörden in den letzten zehn Jahren gelungen sei, fast 30 islamistische AnschlĂ€ge zu verhindern.

«TÀter hÀrter bestrafen»

Dennoch stellten mehrere Unionspolitiker konkrete politische Forderungen auf. Die Berliner Justizsenatorin Felor Badenberg sagte im ARD-«Morgenmagazin», man mĂŒsse prĂŒfen, ob die gesetzlichen MaßstĂ€be zur Anwendung des Jugendstrafrechts noch zeitgemĂ€ĂŸ seien: «Nach diesem Anschlag ziehe ich die Konsequenz, dass genau in solchen FĂ€llen in der Tat die TĂ€ter hĂ€rter zu bestrafen sind.» HĂ€rtere Strafen wĂ€ren nach dem Erwachsenenstrafrecht möglich. 

Bayerns Innenminister Joachim Hermann (CSU) Ă€ußerte im Bayerischen Rundfunk UnverstĂ€ndnis ĂŒber die Entscheidung des Berliner Gerichts und sagte: «Im Ergebnis war das auf jeden Fall eine Katastrophe.» Den Richtern mĂŒsse ihre Verantwortung fĂŒr die Sicherheit der Menschen bewusst sein.

Söder will «ZĂŒgel anziehen»

CSU-Chef Markus Söder forderte grundlegende VerĂ€nderungen im Umgang mit islamistischen GefĂ€hrdern. «Wir mĂŒssen die ZĂŒgel anziehen», sagte Söder im frĂ€nkischen Kloster Banz. Es sei zu prĂŒfen, ob bei GefĂ€hrdern nicht grundsĂ€tzlich frĂŒher das Erwachsenenstrafrecht angewendet werden mĂŒsse. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann forderte noch mehr Befugnisse fĂŒr Bundespolizei und Nachrichtendienste bei der Verfolgung von Islamisten.

Sachsen-Anhalts MinisterprĂ€sident Sven Schulze sagte im Deutschlandfunk: «Wir dĂŒrfen nicht zulassen, dass hier Menschen leben, die unsere Kultur nicht akzeptieren.» Dass ein Mensch deutscher StaatsbĂŒrger sei, rechtfertige in diesen FĂ€llen keinen milderen Umgang. «Das reicht mir ehrlich gesagt nicht mehr», sagte Schulze. Schulze steht in Sachsen-Anhalt im Landtagswahlkampf. In Umfragen liegt die AfD mit weitem Abstand vorn. 

Zentralrat der Muslime

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland verurteilte den CSD-Anschlag. «Wo Menschen aufgrund ihrer IdentitÀt oder ihrer Lebensweise zur Zielscheibe von Gewalt werden, werden die Grundwerte unseres Zusammenlebens angegriffen», teilte der ZMD in Köln mit. «Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Opfern, ihren Angehörigen sowie allen Menschen, die diese schreckliche Tat miterleben mussten.»

Sollte sich der Verdacht der Behörden bestĂ€tigen, dass der Anschlag islamistisch motiviert war, «wĂ€re dies ein weiterer Fall, in dem eine extremistische Ideologie religiöse BezĂŒge missbraucht, um Hass und Gewalt zu rechtfertigen sowie Menschen gegeneinander aufzubringen», erklĂ€rte der ZMD. Der Schutz des menschlichen Lebens gehöre zu den grundlegenden Prinzipien des Islam. Gewalt gegen Unschuldige finde dort keine Rechtfertigung.

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