Schulze und die Linke - oder HĂ€ngepartie nach der Wahl?
Veröffentlicht: 08.07.2026 um 11:52 Uhr, dpa.de
Es ist die eine Frage, die Sachsen-Anhalts MinisterprĂ€sident Sven Schulze (CDU) immer wieder gestellt wird: LĂ€sst er sich nach der Landtagswahl am 6. September mit Hilfe der Linken erneut zum Regierungschef wĂ€hlen, wenn die AfD eine absolute Mehrheit im Parlament verpasst? Eine Koalition mit der Linken lehnt er ab, das hat Schulze immer wieder deutlich gemacht. Doch was ist mit der Tolerierung einer CDU-gefĂŒhrten Minderheitsregierung?
Eine glasklare Antwort vermeidet Schulze bisher. In der ZDF-Sendung «Markus Lanz» wurde er erneut energisch befragt. «Ich werde nicht zur AfD und nicht zur Linkspartei gehen und um Stimmen bitten», sagte er. «Ich werde mich nicht abhÀngig machen von der AfD und auch nicht von der Linkspartei.»
Erst mal keine Wahl des MinisterprÀsidenten?
Die Landtagswahl findet am 6. September statt. Nach den jĂŒngsten Umfragen könnte die Koalition aus CDU, SPD und FDP ihre Mehrheit verlieren. Die AfD liegt deutlich vorn und strebt eine Alleinregierung an. Alternativ kommt eine CDU-gefĂŒhrte Minderheitsregierung in Betracht, die gegebenenfalls punktuell mit den Linken zusammenarbeiten mĂŒsste - so wie in Sachsen.
Auf Nachfrage, ob er im Parlament eine Wahl durch die Linke tolerieren wĂŒrde, sagte Schulze in der Sendung: «Ich habe nicht vor, jetzt mich mit solchen Themen zu beschĂ€ftigen.» ZunĂ€chst mĂŒsse man die Wahl am 6. September abwarten. Wenn es aus der Mitte heraus keine Mehrheit gebe, «dann wird es wahrscheinlich ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum erst mal keine Wahl des MinisterprĂ€sidenten in Sachsen-Anhalt geben».
BSW wirft Schulze Arroganz vor
Anders als in anderen BundeslĂ€ndern gibt es in Sachsen-Anhalt keine Frist mehr, bis wann ein MinisterprĂ€sident gewĂ€hlt werden muss. FrĂŒher musste dies innerhalb von 14 Tagen nach der konstituierenden Sitzung des Landtags geschehen. Doch diese Frist wurde mit der Parlamentsreform 2020 gestrichen. Deshalb könnte nach der Landtagswahl im September eine Situation entstehen, in der die aktuelle Landesregierung unter Schulze lĂ€nger geschĂ€ftsfĂŒhrend im Amt bleibt als ĂŒblich.
Das BSW kritisiert solche Gedankenspiele und wirft Schulze Arroganz vor. «Hier vereinen sich Machtgier und ein fragwĂŒrdiges DemokratieverstĂ€ndnis, wenn er Ă€uĂert, dass er MinisterprĂ€sident bleibt, egal, wie die BĂŒrger wĂ€hlen und die MehrheitsverhĂ€ltnisse aussehen. Wo lebt Sven Schulze?», sagte BSW-Spitzenkandidatin Claudia Wittig.
Wie viele kleine Parteien schaffen den Einzug ins Parlament?
In anderen LĂ€ndern gibt es klare Fristen. So wird etwa in Bayern der MinisterprĂ€sident spĂ€testens innerhalb einer Woche nach seinem Zusammentritt gewĂ€hlt. In Brandenburg heiĂt es in der Landesverfassung: Kommt die Wahl innerhalb von drei Monaten nach der Konstituierung des Landtags nicht zustande, so gilt der Landtag als aufgelöst.
Schulze hat immer wieder deutlich gemacht, dass er ein BĂŒndnis aus der Mitte anstrebt. Doch es ist nicht absehbar, wie viele kleinere Parteien den Einzug ins Parlament schaffen werden. Die strategische Botschaft von SPD, GrĂŒnen und FDP ist deshalb vor allem: Je mehr kleine Parteien einziehen, desto höher die Chance fĂŒr eine stabile Regierung. Wer eine von den Linken abhĂ€ngige Regierung verhindern wolle, habe eine klare Option, sagt etwa FDP-Spitzenkandidatin Lydia HĂŒskens. «Die Zweitstimme entscheidet ĂŒber die KrĂ€fteverhĂ€ltnisse im Landtag und letztlich darĂŒber, welche Regierung am Ende ĂŒberhaupt möglich ist.»
Ehemalige CDU-Landeschefs warnen Schulze
Aus den eigenen Reihen bekommt der MinisterprĂ€sident nun auch Druck von der Basis. Dort wird die Tolerierung einer CDU-gefĂŒhrten Minderheitsregierung teils sehr kritisch gesehen. In einem offenen Brief an Schulze warnen die zwei ehemaligen CDU-Landeschefs Karl-Heinz Daehre und Gerd Gies, die CDU werde in einem solchen Fall «in der Bedeutungslosigkeit versinken».
Gies war Sachsen-Anhalts erster MinisterprĂ€sident nach der Wiedervereinigung, Daehre war viele Jahre Verkehrsminister. Eine Zusammenarbeit mit der Linken wĂŒrde die CDU zerreiĂen, sagte Daehre der Deutschen Presse-Agentur. «Wir sind doch 1989 nicht auf die StraĂe gegangen, damit die Linken jetzt wieder an die Macht kommen.»
Gies und Daehre verweisen auf das «Magdeburger Modell», eine SPD-gefĂŒhrte Minderheitsregierung von 1994 bis 2002 in Sachsen-Anhalt, die sich von «der alten SED» tolerieren lieĂ. Diese Zeit sei verheerend gewesen, heiĂt es in dem Brief an Schulze. WĂ€hrenddessen sei das Land bundesweit zum TrĂ€ger der «roten Laterne» geworden.
Am GĂ€ngelband radikaler Parteien?
Die beiden frĂŒheren CDU-Landeschefs warnen vor einer Neuauflage. «Wieder wird das Land in seiner Entwicklung Schaden nehmen.» Die CDU könne ihre Ziele «nicht am GĂ€ngelband der sich stĂ€ndig radikalisieren Parteien des rechten und linken Spektrums» erreichen.
Linken-Spitzenkandidatin Eva von Angern ist dagegen offen fĂŒr eine Zusammenarbeit mit der CDU. «Es gibt zu uns keine Alternative, wenn man rechte Mehrheiten in Sachsen-Anhalt verhindern will», sagte sie. Von Angern betont zwar, dass beide Parteien nicht zueinander gehörten. «Bei Migration und Sozialstaat sind wir weit auseinander. Wir arbeiten aber, wo möglich, vertrauensvoll zusammen.»
