Neuer Verteidigungsplan fĂŒr Deutschland - Bundeswehr stellt Weichen
25.01.2024 - 07:05:06 | dpa.deDazu werde ein neuer Operationsplan Deutschland (OPLAN) erstellt, der festlege, wie im Spannungs- und Verteidigungsfall gemeinsam vorgegangen werde solle, sagte der Befehlshaber des Territorialen FĂŒhrungskommandos, Generalleutnant AndrĂ© Bodemann, der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.
"Der Operationsplan Deutschland leitet sich von der aktuellen Sicherheits- und Bedrohungslage in Deutschland und in Europa insgesamt ab", sagte Bodemann. "Das soll ein Plan sein, der ausfĂŒhrbar und durchfĂŒhrbar ist, also nicht ein Hirngespinst, ein Gedankenkonzept, sondern tatsĂ€chlich etwas Handfestes, was am Ende auch funktionieren kann."
Ăber das in den Details streng geheime und hunderte Seiten umfassende Dokument soll am Donnerstag auf einem Symposium in Berlin mit Polizeibehörden, BevölkerungsschĂŒtzern, dem THW, Wissenschaftlern, der Energie- und Logistikbranche sowie Alliierten beraten werden. Der Plan soll bis Ende MĂ€rz fertig sein und fortgeschrieben werden. Deutschland hat dann erstmals seit dem Kalten Krieg wieder einen aktuellen und umfassenden Verteidigungsplan.
Doch die Lage in Europa ist anders als vor 30 Jahren, als Deutschland Frontstaat war. Nun ist Deutschland in der "rear area", wie die Nato sagt, also im hinteren Bereich. "Das bedeutet, ich erwarte jetzt nicht die Panzerschlacht in der norddeutschen Tiefebene, hoffentlich auch keine Luftlandung von russischen FallschirmjĂ€gern", so der General. "Aber unsere kritischen Infrastrukturen, die HĂ€fen, die BrĂŒcken, die Energieunternehmen, die werden natĂŒrlich bedroht durch Sabotageakte, vielleicht auch durch SpezialkrĂ€fte, die eingesickert sind und versuchen, hier genau diese kritischen Infrastrukturen zu stören."
Die MilitÀrs erwarten vier Bedrohungen, die teils schon jetzt zu beobachten seien, darunter Fake News und Desinformation. Der Gegner werde versuchen, Regierungsentscheidungen, die Meinung der Bevölkerung und vielleicht auch der Medien zu beeinflussen. Zudem werden Angriffe im Cyberraum erwartet gegen Energieunternehmen und die Telekommunikation.
Das Dritte sind gezielte AusspĂ€hungen. "Und der vierte Teil, gegen den wir uns jetzt schon wappnen mĂŒssen, ist ganz klar Sabotage auch durch beispielsweise SpezialkrĂ€fte, durch irregulĂ€re KrĂ€fte, die versuchen, das ein oder andere unbrauchbar zu machen, um damit den Aufmarsch zu behindern oder zu verhindern", sagte der General. Zudem könne die kritische Infrastruktur Ziel von ballistischen Raketen der anderen Seite sein. An einem Schutzschirm werde gearbeitet.
Wie solche Angriffe auf die Infrastruktur ablaufen können, beobachten die westlichen VerbĂŒndeten in der Ukraine. Dabei gehen die Bundeswehrplaner davon aus, dass ein gröĂerer Teil der eigenen KrĂ€fte von der Nato zur Abschreckung und Verteidigung an der Ostflanke des BĂŒndnisses gebraucht werde und in Deutschland selbst nicht eingeplant werden könne. "Ich muss diesen Schutz aber sicherstellen. Das mache ich mit den neu aufzustellenden HeimatschutzkrĂ€ften. Wir bauen gerade sechs Regimenter auf, aber in der Ableitung aus dem Operationsplan Deutschland wollen wir klar feststellen, wie viel brauchen wir tatsĂ€chlich", sagte Bodemann.
Die Aufgabe Deutschlands werde es sein, die Aufmarschwege fĂŒr VerbĂŒndete zu unterhalten und die Konvois zu versorgen ("Host Nation Support"). Dazu laufen bereits jetzt verstĂ€rkte Ăbungen. Die seit dem Kalten Krieg deutlich verkleinerte Bundeswehr wird also verstĂ€rkt zivile Unternehmen einbinden oder einbinden mĂŒssen und setzt dabei auf sogenannte VorhaltevertrĂ€ge fĂŒr eine maximale zivile Leistungserbringung. Konkret bringen dann die Tanklaster ziviler Unternehmen den Diesel an die Fahrstrecken.
"Wir hatten das in den 80er Jahren nicht nur bei der Versorgung mit Betriebsstoffen", erinnert sich Bodemann. "Logistikunternehmen, Transportunternehmen, Bauunternehmen hatten Fahrzeuge, die hatten einen extra Fahrzeugschein. Die wussten, wenn es zu einem Krieg kommt, dann gehören dieser Lkw, diese Planierraupe, dieser Bagger der Bundeswehr und da gibt es einen Fahrer, der das auch fahren kann. All das ist wieder neu zu denken."
Die MilitĂ€rplaner, die vor knapp einem Jahr mit den Arbeiten an dem OPLAN begonnen haben, könnten sich dabei nur begrenzt auf frĂŒhere Konzepte stĂŒtzen. "Wo noch verfĂŒgbar, haben wir auch zurĂŒckgegriffen auf alte Ăberlegungen aus dem Kalten Krieg, aus den 80er Jahren. Was hat man getan? Wie hat man es getan? Warum hat man es getan?", sagte der General. "Aber die Welt hat sich verĂ€ndert. Das heiĂt, die alten VerteidigungsplĂ€ne Deutschlands sind nicht eins zu eins ĂŒbertragbar. Das ist keine Blaupause mehr."
Es gebe Entwicklungen der Waffentechnik, die Digitalisierung, die gesamte Cyberthematik und damit verbunden auch neue Bedrohungen. Und: "Die Trennung zwischen Ă€uĂerer und innerer Sicherheit ist nicht mehr so eindeutig, wie sie noch vor etlichen Jahren war", sagte der General. "Wir mĂŒssen uns viel mehr vernetzen, wir mĂŒssen viel mehr austauschen."
Dabei steht die Gesamtverteidigung auf zwei SĂ€ulen. Bevölkerungs- und Zivilschutz sind die Aufgabe des Bundes, des Bundesinnenministeriums sowie der BundeslĂ€nder. Die Bundeswehr ĂŒbernimmt den militĂ€rischen Anteil. Belastungstaugliche Arbeitsweisen zu finden, ist Teil der Aufgabe. Dass viele Szenarien unterhalb von Artikel 5 ("BĂŒndnisfall") liegen, macht es nicht einfacher. Vielfach ist nicht mal der Bund zustĂ€ndig, sondern womöglich zunĂ€chst die BundeslĂ€nder - und der Föderalismus hat sich bei letzten Krisen nicht als besonders schnell und handlungsfĂ€hig erwiesen.
Was Bodemann betont: "Diese Verteidigungsplanung ist in erster Linie auf Abschreckung ausgerichtet. Wir tun etwas, damit erst gar nicht ein Konflikt, ein Krieg entsteht."
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