Bundestag nimmt «Sicherheitspaket» an, Bundesrat teils nicht
18.10.2024 - 15:07:12 | dpa.deNach kontroverser Debatte hat der Bundestag das sogenannte Sicherheitspaket angenommen - doch wenig spĂ€ter stoppte der Bundesrat einen Teil davon. WĂ€hrend VerschĂ€rfungen im Aufenthalts- und Waffenrecht damit auf den Weg gebracht sind, liegen PlĂ€ne fĂŒr mehr Internet-Befugnisse der Sicherheitsbehörden vorerst auf Eis.
Die Koalition aus SPD, GrĂŒnen und FDP hatte das Paket nach dem Messeranschlag von Solingen auf den Weg gebracht. Sie stimmten den Neuregelungen auch weitgehend zu, wĂ€hrend CDU/CSU, AfD, Linke und BSW dagegen votierten.
Was der Bundesrat ablehnte
In dem Gesetz, das der Bundesrat jetzt abgelehnt hat, geht es um mehr Möglichkeiten fĂŒr die Sicherheitsbehörden. Sie sollten die Befugnis erhalten, in bestimmten FĂ€llen biometrische Daten im Internet abzugleichen. Die Suche nach Gesichtern und Stimmen mittels einer automatisierten Anwendung sollte aber nur dann erlaubt sein, wenn dies der PrĂ€sident des Bundeskriminalamtes (BKA) oder seine Vertretung von einem Gericht genehmigen lĂ€sst. Bei Gefahr im Verzug hĂ€tten der BKA-Chef oder einer der drei Vize selbst die Anordnung fĂŒr maximal drei Tage treffen mĂŒssen.
Bundesinnenministerin Nancy Faeser reagierte entgeistert und nannte die Ablehnung «völlig unverstÀndlich und verantwortungslos». Die SPD-Politikerin erklÀrte: «Die Union verweigert unseren Ermittlungsbehörden Befugnisse, die angesichts der aktuellen Bedrohungen absolut notwendig sind.»
Baden-WĂŒrttembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) kritisierte bei «Bild» (Samstag): «Von den harten AnkĂŒndigungen ist besonders im Bereich Terrorismus-BekĂ€mpfung und Befugnissen fĂŒr unsere Sicherheitsbehörden nicht mehr als ein StĂ€ubchen ĂŒbriggeblieben.» Mit dem Paket werde die Bevölkerung getĂ€uscht. Im Bundesrat enthielt sich sein grĂŒn-schwarz regiertes Land.
Was beschlossen ist
Asylbewerber, fĂŒr deren Schutzersuchen nach den sogenannten Dublin-Regeln ein anderes europĂ€isches Land die Verantwortung trĂ€gt, sollen von staatlichen Leistungen ausgeschlossen werden - wenn die Ausreise fĂŒr sie rechtlich und tatsĂ€chlich möglich ist. Ausnahmen soll es hier geben, wenn Kinder betroffen sind.
Zudem sollen Migranten kĂŒnftig leichter vom Schutz in Deutschland ausgeschlossen werden können, wenn sie Straftaten begangen haben - und zwar Straftaten «mit einem antisemitischen, rassistischen, fremdenfeindlichen, geschlechtsspezifischen, gegen die sexuelle Orientierung gerichteten oder sonstigen menschenverachtender Beweggrund».Â
AuĂerdem soll das Waffenrecht verschĂ€rft werden. So wird nun deutlich gemacht, dass das Verbot, Waffen bei Volksfesten oder Sportveranstaltungen mitzufĂŒhren, auch fĂŒr Messer gilt, die an dieser Stelle im Waffengesetz kĂŒnftig ausdrĂŒcklich erwĂ€hnt werden sollen. Es soll aber Ausnahmen geben, zum Beispiel fĂŒr bestimmte Berufsgruppen.
«Wir verbieten Messer auf öffentlichen Veranstaltungen und ermöglichen den LÀndern, weitergehende Messerverbote zu erlassen. Und das kann auch anlasslos kontrolliert werden», sagte Faeser.
Wie es weitergeht
Damit sie in Kraft treten können, mĂŒssen alle Gesetze vom BundesprĂ€sidenten unterzeichnet werden - was dieser in der Regel auch tut. Dieser Schritt steht noch aus, auch fĂŒr jene Regelungen, die den Bundesrat passiert haben.
Bei dem nun gescheiterten «Gesetz zur Verbesserung der TerrorismusbekÀmpfung» könnten Bundestag und Bundesregierung noch einen Rettungsversuch machen und den Vermittlungsausschuss anrufen. Das Gremium ist mit Vertretern von Bundestag und Bundesrat besetzt und kann in solchen FÀllen nach Lösungen suchen.
Einige Kritik auch im Bundestag
Die Unionsfraktion hĂ€tte sich weiterreichende Regelungen gewĂŒnscht. «Dieses sogenannte Sicherheitspaket ist weitgehend wirkungslos», sagte der innenpolitische Sprecher Alexander Throm (CDU). Die AfD beklagte eine aus ihrer Sicht verfehlte Migrationspolitik. Clara BĂŒnger (Linke) sprach hingegen von ineffektiven Scheinlösungen gegen Extremismus und Islamismus.
FDP-Fraktionsvize Konstantin Kuhle rĂ€umte ein, das Paket gehe nicht weit genug, sei aber ein Schritt in die richtige Richtung. GrĂŒnen-Fraktionsvize Konstantin von Notz verteidigte die Neuerungen als sinnvoll und angemessen. Die Forderungen der Union in der Migrationspolitik nach pauschalen ZurĂŒckweisungen an den deutschen Grenzen gefĂ€hrdeten Europa.
Die FlĂŒchtlingsorganisation Pro Asyl verurteilte die PlĂ€ne. «Dieses Gesetzesvorhaben fĂŒhrt zu vorsĂ€tzlich herbeigefĂŒhrter Wohnungslosigkeit und Verelendung bei Schutzsuchenden», erklĂ€rte sie. Vorgesehen ist unter anderem, dass Menschen, fĂŒr deren Asylverfahren ein anderer europĂ€ischer Staat zustĂ€ndig wĂ€re, leichter dorthin zurĂŒckgebracht werden können.
Der Auslöser
Der mutmaĂlich islamistisch motivierte Messeranschlag auf einem Stadtfest am 23. August in Solingen löste eine heftige Debatte aus. Drei Menschen wurden getötet, acht weitere verletzt. Der tatverdĂ€chtige Syrer hĂ€tte eigentlich 2023 nach Bulgarien abgeschoben werden sollen, was aber scheiterte.
Nach dem Anschlag verstĂ€ndigte sich die Bundesregierung auf VerschĂ€rfungen im Migrations- und Waffenrecht sowie auf mehr Befugnisse fĂŒr Ermittler. Nach einer Expertenanhörung machten die KoalitionĂ€re Abstriche an den PlĂ€nen. Hinter dem Paket stehen die Ampel-Fraktionen SPD, GrĂŒne und FDP - jedenfalls mehr oder weniger.
Wie viele Stimmen gab es von SPD und GrĂŒnen?
Bei SPD und GrĂŒnen gab es Bedenken, dass das Vorhaben zu weit geht. Die drei Ampel-Fraktionen stellen zusammen 415 von 733 Bundestagsabgeordneten. Sie haben also 48 Stimmen mehr als die absolute Mehrheit.
Jene Regelungen zu mehr Befugnissen fĂŒr Sicherheitsbehörden, die kurz darauf im Bundesrat scheiterten, wurden aus den Reihen der Ampel-Fraktionen weitgehend unterstĂŒtzt. Bei der SPD gab es 178 Ja-Stimmen, 7 Nein-Stimmen und 22 nicht abgegebene Stimmen. Auch bei GrĂŒnen und FDP gab es klare Mehrheiten, bei je 3 Nein-Stimmen und je 2 Enthaltungen sowie einigen nicht abgegebenen Stimmen.
Beim zweiten Teil des Pakets zu Migration und Messerverboten sah es Ă€hnlich aus, allerdings mit 15 Nein-Stimmen bei der SPD gegenĂŒber 171 Ja-Stimmen. Bei den GrĂŒnen stimmten 101 Abgeordnete zu, 6 dagegen. Die FDP votierte mit 85 Abgeordneten dafĂŒr. In allen drei Fraktionen gab es Enthaltungen.
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