Deutschland schiebt erneut nach Afghanistan ab
Veröffentlicht am: 28.07.2026 um 13:51 Uhr | dpa.de
Deutschland hat erneut Afghanen per Charterflug in ihr Heimatland abgeschoben. Nach dpa-Informationen startete der Flieger in der Nacht zum Dienstag vom Flughafen Leipzig/Halle. Das sĂ€chsische Innenministerium bestĂ€tigte eine Abschiebung. Das zustĂ€ndige Bundesinnenministerium war zunĂ€chst fĂŒr eine Stellungnahme nicht zu erreichen.Â
Augenzeugen am Flughafen in Kabul berichten von mehreren Familien, die auf ihre Angehörigen warteten. Wie Beamte den Wartenden vor Ort erklĂ€rten, wĂŒrden die Abgeschobenen nach ihrer Ankunft Verfahren durch die regierenden Taliban durchlaufen â darunter Verhöre. Danach könnten sie gegebenenfalls nach Zusicherungen durch die Familien freigelassen werden.
Grundlage fĂŒr die Abschiebung ist eine direkte Vereinbarung mit den in Afghanistan herrschenden islamistischen Taliban, die der Bundesregierung regelmĂ€Ăige Abschiebungen nach Afghanistan ohne Vermittlerstaaten ermöglicht.
Kritiker bemÀngeln Kooperation mit Taliban
Anfang Juni war eine ursprĂŒnglich fĂŒr Ende Mai vorbereitete Sammelabschiebung von ausreisepflichtigen MĂ€nnern nach Afghanistan abgesagt worden, weil die Taliban-Machthaber nicht kooperierten. Nach dpa-Informationen wurde der Flug abgesagt, nachdem sich die islamistischen Herrscher in Kabul unzufrieden gezeigt hatten ĂŒber die aus ihrer Sicht mangelnde GesprĂ€chsbereitschaft von Vertretern des AuswĂ€rtigen Amts. Die Taliban sind vor allem daran interessiert, mehr Diplomaten an die afghanischen Vertretungen in Deutschland zu entsenden.
Kritiker bemĂ€ngeln, dass die Bundesregierung die Taliban einerseits wegen deren Menschenrechtsverletzungen â insbesondere was Frauen betrifft â nicht anerkennt, gleichzeitig aber, um Abschiebungen zu ermöglichen, praktische ZugestĂ€ndnisse macht. Dazu zĂ€hlt die Erlaubnis zur Entsendung einzelner Diplomaten an die afghanischen Vertretungen in Deutschland, an denen zuvor ausschlieĂlich Diplomaten gearbeitet hatten, die noch von der VorgĂ€ngerregierung dorthin entsandt worden waren.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hatte am Freitag eine Ausweitung der Abschiebepraxis nach Afghanistan gegen Kritik verteidigt. «Wer ein Asylverfahren negativ durchlaufen hat, verpflichtend ausreisepflichtig ist, der muss natĂŒrlich auch damit rechnen, dass diese Ausreise dann auch erwirkt wird, wenn sie nicht freiwillig vollzogen wird», sagte der CSU-Politiker.
Details zu den diesmal Abgeschobenen wurden zunÀchst nicht bekannt.
Schwere humanitÀre Krise in Afghanistan
Afghanistan durchlĂ€uft derzeit eine schwere humanitĂ€re Krise. Mindestens 3,7 Millionen Kleinkinder und 1,2 Millionen schwangere oder stillende MĂŒtter gelten als akut mangelernĂ€hrt. In fast allen Provinzen des Landes sehen Experten kritischen Hunger. Jahrelange DĂŒrren und Erdbeben verschĂ€rfen die Situation.
Zudem erschwert massive Immigration die Lage: Allein aus den NachbarlĂ€ndern Iran und Pakistan sind seit Sommer 2021 nach Angaben des UN-FlĂŒchtlingswerks (UNHCR) insgesamt knapp 3,9 Millionen Menschen nach Afghanistan zurĂŒckgekehrt. Mehr als 90 Prozent der RĂŒckkehrer leben nach Angaben des UNHCR von weniger als 5 US-Dollar am Tag.
