Antisemitismus, Deutschland

Antisemitismus im Alltag knapp 2500 mal erfasst

27.06.2023 - 13:49:03

Nicht nur Stereotype und Vorurteile begegnen Juden in Deutschland stÀndig. Die Jahresstatistik weist auch FÀlle extremer Gewalt aus. Und Feindseligkeit unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit.

Als der Mann mit der Kippa im CafĂ© bezahlen will, sagt die Bedienung ĂŒber seinen Kopf hinweg: «Ja, dass er Geld hat, sieht man schon an der MĂŒtze, die haben immer genug Geld.» Kippa ist gleich Jude, Jude ist gleich Geld ist gleich Anlass fĂŒr einen abfĂ€lligen Kommentar: Alltag in Deutschland - so zeigt es der am Dienstag vorgestellte Jahresbericht des Netzwerks Rias zu antisemitischen VorfĂ€llen 2022.

Insgesamt weniger VorfÀlle

Die Zahl der erfassten FĂ€lle ist insgesamt zurĂŒckgegangen - von 2738 im Jahr 2021 auf 2480 im vergangenen Jahr. Das seien aber immer noch sieben pro Tag, sagte Bianca Loy, wissenschaftliche Referentin bei Rias, dem Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus. Dieser unterhĂ€lt Meldestellen in elf BundeslĂ€ndern und stellt sie regelmĂ€ĂŸig in Jahresberichten zusammen. Antisemitismus habe «einen alltagsprĂ€genden Charakter fĂŒr Betroffene», sagte Loy.

Darauf verwies auch Josef Schuster, der PrÀsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Antisemitismus sei bedauerlicherweise ein AlltagsphÀnomen, erklÀrte er zu den Rias-Zahlen. «Der Kampf gegen Antisemitismus ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.»

Dass weniger FĂ€lle erfasst wurden als 2021, liege daran, dass es weniger «Gelegenheitsstrukturen» gegeben habe, erlĂ€uterte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein. Gemeint ist damit: WĂ€hrend der Corona-Pandemie wurden bei Demonstrationen zum Beispiel Gelbe Sterne gezeigt, mit denen sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer als Opfer inszenierten und quasi mit verfolgten Juden auf eine Stufe stellten. Mit dem Ende der BeschrĂ€nkungen wurden es weniger Demos, damit fehlte die BĂŒhne fĂŒr solche antisemitischen Inszenierungen.

Dasselbe gilt fĂŒr Proteste zum israelisch-arabischen Konflikt, die teils Anlass fĂŒr antisemitische Parolen sind und 2022 seltener waren. «Das Fehlen genau dieser Strukturen macht antisemitisch denkende Menschen aber nicht antisemitismuskritisch, im Gegenteil: Sie finden neue Gelegenheiten fĂŒr ihren Judenhass», sagte Klein. 2022 waren das laut Rias zum Beispiel Demos zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, mit denen elf Prozent der antisemitischen VorfĂ€lle in Zusammenhang standen.

Vorfall bei documenta

Klein wies auch auf den Kulturbetrieb und nannte nicht nur den Streit ĂŒber die documenta fifteen und um die Konzerte des Rockmusikers Roger Waters. 2022 seien 170 antisemitische VorfĂ€lle in Kultur- und Bildungseinrichtungen gemeldet worden, 70 mehr als ein Jahr zuvor.

«Die documenta ist damit bei weitem nicht das einzige Kulturevent, bei dem unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit gegen Juden gehetzt und judenfeindliche Vorurteile verbreitet werden», sagte Klein. Die meisten VorfĂ€lle hĂ€tten nicht so viel Aufmerksamkeit. «Wie in so vielen Teilen des gesellschaftlichen Lebens gehören sie gerade fĂŒr JĂŒdinnen und Juden praktisch zum Alltag.»

Trauriger Rekord

Alarmiert zeigte sich Rias-Expertin Loy von den neun fĂŒr 2022 dokumentierten FĂ€llen «extremer Gewalt» gegen Juden, also potenziell tödliche oder schwere Gewalttaten. «Dies ist die höchste Anzahl solcher FĂ€lle seit Beginn der bundesweiten Erfassung in 2017.» Dazu zĂ€hlte Rias die SchĂŒsse auf das ehemalige Rabbinerhaus in Essen, einen Brandanschlag in Bochum und einen vereitelten Anschlag auf die Synagoge in Dortmund.

Der Bundesgerichtshof habe bestÀtigt, dass diese drei FÀlle in Zusammenarbeit mit den iranischen Revolutionsgarden von einem VerdÀchtigen im Iran koordiniert worden seien, sagte Rias-Vorstand Benjamin Steinitz. Der Generalbundesanwalt gehe von einer antisemitischen Motivlage aus. Steinitz forderte die Bundesregierung auf, gegen den «staatlich koordinierten Terrorismus des Iran» anzugehen.

Die VorwĂŒrfe zeigen, dass die TĂ€ter hinter antisemitischen VorfĂ€llen sehr unterschiedlich sein können. Mehr als die HĂ€lfte der erfassten VorfĂ€lle - 53 Prozent - seien keinem politischen Hintergrund klar zuzuordnen, hielt Rias fest. 13 Prozent hĂ€tten einen rechtsextremen Hintergrund.

Jeder fĂŒnfte Vorfall habe einen verschwörungsideologischen Hintergrund. Dieses Spektrum sei teilweise, aber nicht nur rechtsextrem und speise auch das WĂ€hlerpotenzial der AfD, sagte Steinitz.

Klein lobte die Dokumentationsarbeit von Rias und setzte sich dafĂŒr ein, dass das Netzwerk und seine Meldestellen dauerhaft finanziert werden. Nach Angaben von Steinitz drohen KĂŒrzungen in mehreren BundeslĂ€ndern.

@ dpa.de