Kassen-Gutachter: Rund 2700 SchÀden durch Behandlungsfehler
17.08.2023 - 12:32:53Im Vergleich zur Gesamtzahl aller Arzt- und Krankenhausbehandlungen im Jahr klingt die Zahl klein, aber hinter jedem Fall steckt ein Einzelschicksal und die Dunkelziffer ist womöglich deutlich höher: Gutachter der gesetzlichen Krankenkassen haben im vergangenen Jahr in 2696 FĂ€llen Ă€rztliche Behandlungsfehler festgestellt, die zu gesundheitlichen SchĂ€den bei Patienten gefĂŒhrt haben. In 84 FĂ€llen fĂŒhrten diese sogar zum Tod oder trugen wesentlich dazu bei.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes und der KassenÀrztlichen Bundesvereinigung behandeln die KrankenhÀuser in Deutschland pro Jahr knapp 17 Millionen FÀlle, in Arztpraxen sind es mehr als 550 Millionen BehandlungsfÀlle pro Jahr.
Der Medizinische Dienst - eine Art PrĂŒf- und Gutachterabteilung der Krankenkassen - legte am Donnerstag in Berlin seine jĂ€hrliche Statistik zu Behandlungsfehlern vor. Demnach erstellten Experten des Dienstes im vergangenen Jahr 13.059 fachĂ€rztliche Gutachten, nachdem Patientinnen und Patienten sich wegen vermuteter Behandlungsfehler beschwert hatten.
In der Mehrzahl der FĂ€lle wurde kein Fehler festgestellt, jedes vierte Gutachten (3221) kam aber zu dem Schluss, dass ein Behandlungsfehler mit einem Gesundheitsschaden vorlag. In fast jedem fĂŒnften Fall (2696) war der Fehler auch die Ursache fĂŒr den gesundheitlichen Schaden. Die Zahlen bewegen sich in etwa auf dem Niveau der Vorjahre.
Fehler bei OPs leichter erkennbar
In den meisten FĂ€llen ging es um Klinik-Aufenthalte und Operationen, Behandlungsfehler in Arztpraxen machten etwa ein Drittel aus. Bei Operationen seien Fehler fĂŒr Patienten leichter zu erkennen und wĂŒrden daher auch eher gemeldet als beispielsweise Medikationsfehler, hieĂ es vom Medizinischen Dienst.
Die stellvertretende Chefin des Medizinischen Dienstes, Christine Adolph, schilderte am Donnerstag einige Beispiele von Behandlungsfehlern aus dem vergangenen Jahr:Â
- Ein Mann bekommt nach einer Bauch-Operation eine Drainage, die FlĂŒssigkeit und Blut aus dem Bauch ableiten soll. FĂ€lschlicherweise wird ihm Nahrung ĂŒber die Drainage zugeleitet, wie bei einer Magensonde. Der Patient bekommt eine BauchfellentzĂŒndung, an der er stirbt.
- Eine schwangere Patientin bekommt ein Blutdruckmedikament, das Schwangere nicht nehmen sollen. Bei ihrem ungeborenen Kind kommt es zu schweren bleibenden SchÀden.
- Eine Frau kommt mit Allergiesymptomen zum Arzt - brennende und juckende Augen. Der Arzt gibt ihr eine Kortisonspritze. An der Einstichstelle bildet sich eine abgekapselte EntzĂŒndung (Abszess), die eine weitere Behandlung nach sich zieht. Es hĂ€tte gereicht, Augentropfen zu verabreichen.
Der Medizinische Dienst wies darauf hin, dass die Zahlen lediglich seine Begutachtungsergebnisse zeigten, die auch von Patienten bei den Kassen angezeigt wurden. Die Dunkelziffer liege deutlich höher, sagte der Vorstandsvorsitzende, Stefan Gronemeyer. «Experten gehen davon aus, dass etwa 1 Prozent der KrankenhausfĂ€lle von Behandlungsfehlern betroffen ist. Nur etwa 3 Prozent aller unerwĂŒnschten Ereignisse werden nachverfolgt.»
Hohe Dunkelziffer vermutet
Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze (SPD), sieht das Àhnlich. «Ich glaube, die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher, und die Kontakte, die ich zu Patientinnen und Patienten habe und auch zu Betroffenen von Behandlungsfehlern, zeigen deutlich, es ist unglaublich schwierig, einen Fehler nachzuweisen. Das lÀsst die Zahlen jetzt so klein aussehen», sagte er im Sender hr-iNFO.
AnlĂ€sslich der Vorstellung der Behandlungsfehlerstatistik wird seit Jahren immer wieder auch eine zentrale Datenbank gefordert, in der die FĂ€lle erfasst werden. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisierte, dass bisher der Medizinische Dienst der Kassen, Gerichte und BundesĂ€rztekammer jeweils eigene Statistiken ĂŒber Behandlungsfehler fĂŒhrten. Patienten können sich bei Verdacht auf eine falsche Behandlung zum Beispiel neben den Krankenkassen auch an Schlichtungsstellen der Ărztekammern wenden, andere gehen direkt den juristischen Weg.
MissstĂ€nde lieĂen sich nur erkennen, wenn eine lĂŒckenlose Dokumentation erfolge, sagte der Vorstand der Stiftung, Eugen Brysch, der «Neuen OsnabrĂŒcker Zeitung». Ein zentrales Register könnte seiner Ansicht nach alle Fakten sammeln, um besser aus Fehlern zu lernen.
Online zu mehr Transparenz
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach plant unterdessen ab dem 1. April 2024 ein «Transparenzverzeichnis» der Kliniken, um QualitĂ€tsverbesserungen zu erreichen. Dieses soll im Internet einen Ăberblick ĂŒber Leistungen, Angebote und QualitĂ€t der rund 1900 KrankenhĂ€user in Deutschland ermöglichen. Ein Gesetzentwurf dafĂŒr wird derzeit innerhalb der Regierung abgestimmt, wie das Nachrichtenportal «The Pioneer» und das Redaktionsnetzwerk Deutschland zuerst berichteten.
In dem Verzeichnis sollen BĂŒrgerinnen und BĂŒrger nachlesen können, welche Leistungen in einer Klinik angeboten werden und wie sie dafĂŒr personell ausgestattet ist. Auch die Veröffentlichung von QualitĂ€tsdaten ist geplant, etwa zu Komplikationen oder TodesfĂ€llen. «Die Veröffentlichung dieser Daten trĂ€gt neben der Förderung selbstbestimmter Auswahlentscheidungen von Patientinnen und Patienten auch dazu bei, dass KrankenhĂ€user zu einem Wettbewerb um die bestmögliche QualitĂ€t angeregt werden», heiĂt es in dem Gesetzentwurf.


