Pflegereform, SozialkĂŒrzungen

Pflegereform: SozialbĂŒndnis fordert Stopp geplanter KĂŒrzungen

Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 11:31 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Ein BĂŒndnis aus Gewerkschaften und SozialverbĂ€nden fordert die Bundesregierung auf, geplante KĂŒrzungen in der Pflege und weiteren Sozialbereichen zurĂŒckzunehmen. Die VerbĂ€nde warnen vor erschwertem Leistungszugang und Folgen fĂŒr den sozialen Zusammenhalt.
Im September demonstrierten Zehntausende auf DGB-Demos gegen Sozialabbau, nun warnen DGB und andere VerbĂ€nde vor konkreten KĂŒrzungsplĂ€nen. (Archivbild) - Bild: Christophe Gateau/dpa

Ein breites BĂŒndnis aus Gewerkschaften, WohlfahrtsverbĂ€nden und Sozialorganisationen fordert die Bundesregierung auf, geplante KĂŒrzungen in der Pflege und anderen Sozialbereichen zu stoppen.

VerbÀnde warnen vor Folgen

Dem Aufruf gehören unter anderem der Deutsche Gewerkschaftsbund, IG Metall, Verdi, Caritas, Diakonie und der Sozialverband VdK an. Auch der Sozialverband Deutschland, der ParitĂ€tische Gesamtverband, der BUND und der Deutsche Frauenrat zĂ€hlen zu dem BĂŒndnis.

Die Organisationen begrĂŒnden ihren Appell mit der Bedeutung sozialer Sicherung fĂŒr die demokratische StabilitĂ€t. Sie fordern verlĂ€ssliche und solidarisch finanzierte Systeme und sprechen sich dafĂŒr aus, hohe Vermögen und Erbschaften angemessen zu besteuern.

Kritik an Pflegereform

Besonders wenden sich die VerbĂ€nde gegen die am Mittwoch vom Kabinett beschlossenen PlĂ€ne fĂŒr die Pflegeversicherung. Die geplante VerĂ€nderung bei der Einstufung in Pflegegrade könne dazu fĂŒhren, dass Betroffene Leistungen spĂ€ter oder gar nicht in Anspruch nehmen könnten.

Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) will mit strengeren Kriterien auf den Anstieg der Zahl der PflegebedĂŒrftigen reagieren. FĂŒr Pflegegrad 1 soll der Entlastungsbetrag von 131 Euro fĂŒr Alltagshilfen wie Putzen entfallen. DafĂŒr ist ein neuer Anspruch auf Pflegebegleitung vorgesehen.

Streit um Pflegekommission

Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz kritisierte, Linnemann schließe zentrale Themen fĂŒr die geplante Pflegekommission vorab aus. Dazu zĂ€hlten auch verfassungsgemĂ€ĂŸe Modelle fĂŒr eine ZusammenfĂŒhrung der gesetzlichen und privaten Pflegeversicherung.

Linnemann hatte angekĂŒndigt, dass die Kommission Modelle fĂŒr soziale Ausgleichsmechanismen zwischen den Kassen prĂŒfen solle. Eine von der SPD geforderte Deckelung der Eigenanteile fĂŒr Pflegekosten im Heim soll nach seinen Angaben jedoch nicht Teil der Beratungen sein.

Weitere Sozialbereiche betroffen

Das BĂŒndnis warnt auch vor KĂŒrzungen bei Wohngeld, Kinderzuschlag, Unterhaltsvorschuss sowie in der Kinder-, Jugend- und Eingliederungshilfe. Die VerbĂ€nde sehen dadurch neben PflegebedĂŒrftigen auch Familien, Menschen mit Behinderungen und Kommunen unter Druck.

Der Gesetzentwurf zur Pflege wird nun im Bundestag beraten. Die Organisationen fordern, die Versorgung PflegebedĂŒrftiger und die Personalbemessung in den Einrichtungen nicht durch Änderungen bei der Zusammensetzung der Pflegegrade zu gefĂ€hrden.

Finanzdruck trifft auf steigenden Pflegebedarf

Die ReformplĂ€ne stehen im Spannungsfeld zwischen der finanziellen Stabilisierung der Pflegeversicherung und dem wachsenden UnterstĂŒtzungsbedarf einer alternden Gesellschaft. Nach den vorliegenden RegierungsplĂ€nen sollen höhere Einnahmen und Einsparungen die Kassen kurzfristig entlasten. Zugleich bleibt die langfristige Finanzierung offen.

Besonders folgenreich ist die geplante Änderung der Zugangsschwellen fĂŒr die Pflegegrade 1 bis 3. Wer kĂŒnftig mehr Punkte fĂŒr eine Einstufung benötigt, könnte spĂ€ter Leistungen erhalten. FĂŒr bereits eingestufte PflegebedĂŒrftige ist Bestandsschutz vorgesehen. Der Entlastungsbetrag von 131 Euro fĂŒr Pflegegrad 1 soll entfallen; an seine Stelle soll ein Anspruch auf Pflegebegleitung treten.

Konflikt ĂŒber Kosten und Verantwortung

Die Debatte reicht ĂŒber die Pflegeversicherung hinaus. Gewerkschaften und SozialverbĂ€nde warnen davor, dass KĂŒrzungen bei Pflege, Wohngeld, Kinderzuschlag und weiteren Hilfen soziale Risiken auf Betroffene, Familien, Kommunen und Einrichtungen verlagern könnten. Kommunen tragen bereits dann Kosten, wenn Einkommen, Vermögen und Versicherungsleistungen fĂŒr Pflege nicht ausreichen.

Politisch umstritten bleibt zudem, ob die Eigenanteile im Pflegeheim gedeckelt werden sollen. Die SPD unterstĂŒtzt eine Begrenzung, wĂ€hrend sie in den aktuellen PlĂ€nen nicht vorgesehen ist. Eine Expertenkommission soll weitere Modelle prĂŒfen, darunter einen möglichen Finanzausgleich zwischen gesetzlichen und privaten Kassen. FĂŒr Betroffene ist entscheidend, wann die neuen Kriterien gelten und wie AntrĂ€ge im parlamentarischen Verfahren ausgestaltet werden.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

FOCUS online: „Wirtschaftsweise Monika Schnitzer kritisiert Pflegereform und fordert mehr Eigenverantwortung – wer Vermögen hat, soll selbst zahlen“ (04.10.2026)

Der Bericht bestĂ€tige die geplanten Änderungen bei den Pflegegraden und beim Entlastungsbetrag. Er setze jedoch einen anderen Schwerpunkt und gebe die Position der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer wieder, die stĂ€rkere Eigenbeteiligung von Menschen mit ausreichendem Einkommen und Vermögen fordere. Offen bleibe damit insbesondere, wie soziale Absicherung und finanzielle Eigenverantwortung kĂŒnftig austariert werden sollten.

Deutschlandfunk: „Pflegereform wird Kommunen zusĂ€tzlich belasten“ (02.10.2026)

Der Beitrag bestĂ€tige den Kabinettsbeschluss und stelle die kommunalen Folgen in den Mittelpunkt. Nach Darstellung des Artikels kritisiere der PrĂ€sident des Deutschen StĂ€dtetags insbesondere, dass kein Deckel fĂŒr Eigenanteile vorgesehen sei. Damit ergĂ€nze der Bericht die Kritik des SozialbĂŒndnisses um die Perspektive der StĂ€dte und Gemeinden.

MedienĂŒbergreifend werde der Reformbedarf wegen des Finanzdrucks auf die Pflegeversicherung bestĂ€tigt. Unterschiede bestĂŒnden vor allem bei der Bewertung von Einsparungen, Eigenbeteiligung und kommunaler Belastung; die langfristige Finanzierungsentscheidung bleibe der weiteren Reformarbeit vorbehalten.

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