Pflegereform: SPD lehnt Leistungskürzungen ab und fordert Pflegedeckel
Veröffentlicht am: 26.09.2026 um 00:02 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie SPD stellt sich kurz vor dem geplanten Kabinettstermin für die Pflegereform gegen Leistungskürzungen und fordert Entlastungen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen.
Koalitionspartner macht Druck
„Wir akzeptieren keine Leistungskürzung in der Pflege“, erklärte SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf am Abend. Er verwies auf drohende massive Kürzungen für Pflegende, Pflegebedürftige und Angehörige und verlangte zugleich eine weitergehende Neuordnung der Finanzierung.
Gesundheitsminister Carsten Linnemann will in der kommenden Woche einen Gesetzentwurf ins Kabinett bringen. Ziel ist, die Finanzen der gesetzlichen Pflegeversicherung im kommenden Jahr zu stabilisieren und allgemeine Beitragserhöhungen zu vermeiden.
SPD will Eigenanteile begrenzen
Klüssendorf sprach sich für einen Pflegedeckel aus, den die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger vorgeschlagen hatte. Danach soll der Eigenanteil für Pflegebedürftige in Heimen auf 1.500 Euro begrenzt werden.
Nach einer Auswertung des Verbandes der Ersatzkassen mussten Pflegebedürftige im ersten Heimjahr zum 1. Juli bundesweit im Schnitt 3.364 Euro monatlich selbst aufbringen. Klüssendorf sagte, die Begrenzung solle verhindern, dass Menschen und ihre Familien durch Pflegekosten finanziell überfordert würden.
Forderung nach Finanzausgleich
Der SPD-Gesundheitspolitiker Christos Pantazis forderte zudem einen systemübergreifenden, risikoorientierten Finanzausgleich zwischen gesetzlicher und privater Pflegeversicherung. Beide Systeme hätten unterschiedliche Risikostrukturen, erklärte er.
Die Pflegeversicherung steht für 2027 vor einem erwarteten Milliardendefizit. Linnemann sagte im Bundestag, bei jährlichen Ausgaben von rund 74 Milliarden Euro müssten im kommenden Jahr acht Milliarden Euro eingespart werden.
Vorgängerentwurf stieß auf Kritik
Linnemann ist seit Ende Juli Gesundheitsminister. Seine Vorgängerin Nina Warken hatte einen Entwurf mit Ausgabenbremsen und Mehreinnahmen vorgelegt. Vorgesehen waren unter anderem ein höherer Beitrag für Kinderlose, Einschränkungen bei der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern und strengere Voraussetzungen für Pflegegrade.
Zudem sollten Zuschläge für Heimbewohner später steigen. Auch eine Kürzung der Rentenbeitragszahlungen für pflegende Angehörige war vorgesehen. Linnemann hatte angekündigt, auf diesen Schritt möglichst zu verzichten.
Strukturkommission geplant
Über die kurzfristige Stabilisierung hinaus plant Linnemann eine umfassende Reform. Dazu soll eine Expertenkommission eingesetzt werden, die Vorschläge für einen grundlegenden Umbau des Pflegesystems erarbeitet.
Pantazis räumte ein, dass die Pflegeversicherung finanziell und strukturell unter erheblichem Druck stehe. Veränderungen würden aber nur dauerhaft akzeptiert, wenn die Lasten gerecht verteilt würden.
Finanzdruck trifft auf Schutzversprechen
Die Pflegeversicherung steht vor einem strukturellen Finanzproblem: Steigende Ausgaben, eine wachsende Zahl pflegebedürftiger Menschen und die begrenzte Einnahmebasis erhöhen den Druck auf Beiträge und Leistungen. Für 2027 wird in der dpa-Meldung ein Finanzloch von acht Milliarden Euro genannt. Damit geht es nicht nur um kurzfristige Einsparungen, sondern um die langfristige Tragfähigkeit der sozialen Pflegeversicherung.
Besonders sichtbar wird der Konflikt bei der stationären Pflege. Pflegebedürftige und ihre Familien tragen neben den Versicherungsleistungen erhebliche Eigenanteile. Der in der dpa-Meldung genannte bundesweite Durchschnitt von 3.364 Euro monatlich im ersten Heimjahr zeigt, warum eine Deckelung der Kosten für viele Haushalte eine zentrale Entlastungsforderung ist.
Koalition sucht Reihenfolge der Reform
Der politische Streit betrifft deshalb auch die Reihenfolge: Zunächst Einsparungen zu beschließen, könnte die Finanzlage kurzfristig stabilisieren, würde aber Leistungen und Angehörige unmittelbar belasten. Eine umfassende Neuordnung müsste dagegen klären, wie gesetzliche und private Pflegeversicherung, Steuerfinanzierung und Eigenbeteiligungen dauerhaft zusammenwirken.
Für Betroffene bleibt entscheidend, ob die angekündigte Reform konkrete Änderungen bei Pflegegraden, Heimzuschüssen, Beiträgen oder der Absicherung pflegender Angehöriger bringt. Die geplante Strukturkommission soll über die kurzfristige Stabilisierung hinaus Vorschläge für einen grundlegenden Umbau erarbeiten.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
BR24: „Pflegereform verzögert sich offenbar“ (25.09.2026)
Der Bericht habe die SPD als treibende Kraft hinter einer möglichen Verzögerung des Kabinettstermins dargestellt. Nach Darstellung des Beitrags halte die SPD es für falsch, zunächst Einsparungen zu beschließen und erst danach strukturelle Verbesserungen anzugehen. Damit bestätige der Artikel den koalitionsinternen Widerstand gegen eine reine Ausgabenbremse, setze den Schwerpunkt aber auf die mögliche Verschiebung des Zeitplans.
Offen bleibe, wann der Gesetzentwurf tatsächlich im Kabinett behandelt werde und ob sich die Koalitionspartner auf eine gemeinsame Reihenfolge von kurzfristiger Stabilisierung und struktureller Reform verständigten.
