Physik-Nobelpreis für Francis Halzen: Eiswürfel fängt kosmische Geisterteilchen
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 13:45 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDer belgisch-amerikanische Forscher Francis Halzen erhält den Nobelpreis für Physik für seine entscheidenden Beiträge zum Neutrino-Observatorium IceCube in der Antarktis.
Ein Kubikkilometer Eis als Detektor
IceCube besteht aus einem Kubikkilometer Gletschereis, in dem mehrere tausend Lichtsensoren installiert sind. Die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften würdigte damit Halzens wissenschaftliche Vision und seine maßgebliche Rolle beim Aufbau des Observatoriums.
Halzen, Professor an der University of Wisconsin in Madison, hatte bereits 1988 erkannt, dass sich das Eis am Südpol für die Suche nach Neutrinos eignet. Der inzwischen 82-Jährige wurde 1944 im belgischen Tienen geboren und besitzt die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.
Nachweis kosmischer Geisterteilchen
Neutrinos entstehen unter anderem bei Sternexplosionen und in der Umgebung supermassereicher Schwarzer Löcher. Weil sie elektrisch neutral sind und nur sehr selten mit gewöhnlicher Materie wechselwirken, können sie große Entfernungen zurücklegen und sind schwer nachzuweisen.
Reagiert ein Neutrino im Eis mit einem Wassermolekül, entstehen geladene Teilchen. Diese erzeugen beim Durchqueren des Eises Tscherenkow-Licht, das die Sensoren registrieren. Mit dem 2011 vollständig in Betrieb genommenen IceCube gelang der erste Nachweis hochenergetischer kosmischer Neutrinos.
Deutsche Forschung stark beteiligt
Deutschland stellt nach den USA das zweitgrößte nationale Kontingent der IceCube-Kollaboration. Neben DESY ist auch das Karlsruher Institut für Technologie beteiligt; deutsche Forschungsgruppen entwickelten zentrale Komponenten des Detektors.
Christopher Wiebusch von der RWTH Aachen, der am Projekt mitarbeitet, bezeichnete Halzen als charismatisch, klug und zugleich nahbar. Halzen hielt sich am Dienstag in Italien auf und sagte nach der Bekanntgabe, die Auszeichnung sei eine große Überraschung gewesen.
Ausbau soll mehr Neutrinos erfassen
Die Forschung soll Erkenntnisse über Dunkle Materie, den Urknall und eine mögliche Physik jenseits des Standardmodells liefern. Nach Angaben der IceCube-Kollaboration soll IceCube-Gen2 den Detektor auf acht Kubikkilometer vergrößern und die Nachweisrate kosmischer Neutrinos verzehnfachen.
Der Physik-Nobelpreis ist in diesem Jahr mit zwölf Millionen schwedischen Kronen dotiert, umgerechnet rund eine Million Euro. Die Bekanntgabe erfolgte erstmals durch Ellen Moons, die seit Jahresbeginn Generalsekretärin der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften ist.
Ein neues Fenster zum Universum
Der Physik-Nobelpreis würdigt eine Methode, die Teilchen aus kosmischen Extremereignissen messbar macht. Neutrinos tragen keine elektrische Ladung und wechselwirken nur äußerst selten mit Materie. Dadurch können sie aus Regionen entkommen, die für Licht und andere elektromagnetische Strahlung schwer zugänglich sind.
IceCube nutzt das antarktische Eis als Detektormedium. Entsteht bei einer seltenen Reaktion eines Neutrinos mit einem Wassermolekül ein geladenes Teilchen, erzeugt dieses auf seinem Weg durch das Eis Tscherenkow-Licht. Tausende Sensoren registrieren die Lichtblitze und erlauben Rückschlüsse auf Richtung und Energie des ursprünglichen Neutrinos.
Bedeutung für die Astrophysik
Die Beobachtungen ergänzen klassische Teleskope um Informationen über besonders energiereiche Vorgänge, etwa in der Umgebung supermassereicher Schwarzer Löcher oder bei Sternexplosionen. Damit lassen sich Fragen zur Entstehung kosmischer Teilchen, zur Entwicklung des Universums und möglicherweise zu bislang unbekannter Physik untersuchen.
Die bisher erfassten Ereignisse bilden erst einen kleinen Ausschnitt des Neutrino-Himmels. Eine geplante Erweiterung auf mehrere Kubikkilometer soll die Nachweisrate deutlich erhöhen. Für Deutschland ist der Preis auch deshalb relevant, weil Forschungsgruppen von DESY und KIT sowie weitere Einrichtungen zentrale Beiträge zur IceCube-Kollaboration leisten.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
ntv: „Physik-Nobelpreis an Geisterteilchen-Forscher aus den USA“ (06.10.2026)
Der Bericht bestätige die Auszeichnung für Francis Halzen und hebe seine wissenschaftliche Vision sowie seine Führungsrolle beim Aufbau von IceCube hervor. Anders als die dpa-Meldung konzentriere er sich stärker auf die Eigenschaften der Neutrinos und erkläre, warum deren Nachweis besonders schwierig sei.
Deutschlandfunk: „Belgischer Physiker Francis Halzen erhält Preis für Physik“ (06.10.2026)
Der Beitrag bestätige, dass der in den USA lehrende belgische Wissenschaftler für wesentliche Erkenntnisse zum IceCube-Observatorium ausgezeichnet worden sei. Er setze den Schwerpunkt auf die Bekanntgabe in Stockholm und fasse die Begründung des Nobelkomitees knapp zusammen, während technische Details und die deutsche Beteiligung offenblieben.
Medienübergreifend bestehe Einigkeit über den Preisträger und den Zusammenhang mit IceCube. Unterschiede lägen vor allem in der Gewichtung: Während die dpa-Meldung die Funktionsweise, internationale Beteiligung und geplante Erweiterung ausführlich darstelle, legten die anderen Berichte den Schwerpunkt auf Auszeichnung, wissenschaftliche Führungsleistung und die grundsätzliche Bedeutung der Neutrino-Forschung.
