Corona, Covid-19

Tandler in Masken-Prozess: «Ging niemals darum, zu betrĂŒgen»

04.10.2023 - 16:40:06

Politikertochter Andrea Tandler verdiente mit Masken-GeschÀften in der Corona-Pandemie spektakulÀre Summen. Dreieinhalb Jahre danach steht sie vor Gericht - aber nicht wegen der Provisionen selbst.

Im Steuerprozess gegen zwei SchlĂŒsselfiguren der Corona-MaskenaffĂ€re in Bayern hat die Angeklagte Andrea Tandler den Vorwurf zurĂŒckgewiesen, gezielt Steuern in Millionenhöhe hinterzogen zu haben. «Es ging mir niemals darum zu betrĂŒgen», sagte die Tochter des frĂŒheren CSU-GeneralsekretĂ€rs und ehemaligen bayerischen Finanz-, Wirtschafts- und Innenministers, Gerold Tandler, vor dem Landgericht MĂŒnchen I.

Sie habe GeschÀfte machen wollen, «bei denen alles korrekt gehandhabt wird», und habe immer «nach bestem Wissen und Gewissen» gehandelt. Sie sprach allerdings von «Fehlern», die in der damaligen sehr hektischen Zeit passiert sein könnten.

Tandler und ihr GeschĂ€ftspartner N. mĂŒssen sich in dem Verfahren wegen steuerrechtlicher VorwĂŒrfe verantworten. Tandler wird Steuerhinterziehung in drei FĂ€llen sowie ein Subventionsbetrug vorgeworfen, dem Angeklagten N. Beihilfe zur Steuerhinterziehung und Steuerhinterziehung in MittĂ€terschaft.

Auch N. wies ĂŒber seine RechtsanwĂ€lte zurĂŒck, gezielt Steuern hinterzogen zu haben. Beide verwiesen darauf, dass sie sich an Steuerrechtsexperten gewandt und eine Steuerberatungsgesellschaft in MĂŒnchen mandatiert hĂ€tten.

Ausgangspunkt waren immense Provisionszahlungen, die Tandler zu Beginn der Corona-Pandemie im Jahr 2020 erhielt - wogegen jedenfalls rechtlich nichts einzuwenden ist. Die Unternehmerin hatte LiefervertrĂ€ge ĂŒber persönliche SchutzausrĂŒstung, insbesondere Masken, zwischen einem Schweizer Unternehmen und verschiedenen Behörden des Bundes und der LĂ€nder vermittelt.

Insgesamt flossen dafĂŒr laut Anklage Provisionen von mehr als 48 Millionen Euro. Die AffĂ€re hatte nach Bekanntwerden bundesweit fĂŒr Schlagzeilen gesorgt.

Anklage: 23,5 Millionen Euro Steuern hinterzogen

Insgesamt soll Tandler dann aber 23,5 Millionen Euro Steuern hinterzogen haben, wie StaatsanwĂ€ltin Susanne Gehrke-Haibl bei der Anklageverlesung ausfĂŒhrte. Konkret geht es demnach um nicht gezahlte Einkommensteuern von 8,7 Millionen Euro, gemeinschaftlich hinterzogene Schenkungssteuern von 6,6 Millionen Euro und Gewerbesteuerhinterziehung von 8,2 Millionen Euro.

Den entstandenen wirtschaftlichen Schaden beziffert die Staatsanwaltschaft MĂŒnchen I letztlich mit 15,2 Millionen Euro. Tandler soll die Provisionen etwa rechtswidrig nicht als Einzelperson, sondern ĂŒber eine Firma versteuert haben, und zwar in GrĂŒnwald bei MĂŒnchen. Dort ist im Vergleich zur Landeshauptstadt nur rund die HĂ€lfte an Gewerbesteuern fĂ€llig.

Tandler sagte, die Steuerkanzlei habe sie nie darauf hingewiesen, dass sie etwas privat versteuern mĂŒsse. In den Akten findet es sich aber beispielsweise ein Hinweis in einer PrĂ€sentation, dass EinkĂŒnfte aus frĂŒheren Vermittlungsleistungen privat zu versteuern seien.

Die Wirtschaftsstrafkammer hat bislang acht Verhandlungstage bis zum 17. November geplant. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, drohen Tandler und ihrem Partner angesichts des hohen Steuerschadens langjĂ€hrige Haftstrafen. Das Verfahren gegen einen dritten Beschuldigten wurde abgetrennt. FĂŒr alle gilt die Unschuldsvermutung.

Es war das erste Mal, das sich Tandler und N. Ă€ußerten. Tandler berichtete dabei vor allem ausfĂŒhrlich von der Anbahnung und Abwicklung der GeschĂ€fte. Mit einem derart großen Volumen habe man nie gerechnet. Vor dem ersten Abschluss sei man lediglich von einer niedrigen sechsstelligen Provision fĂŒr jeden ausgegangen, «auch wenn das aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar sein mag». Mit der GrĂŒndung einer GmbH habe man seriöser wirken wollen, erklĂ€rte sie.

Von ihrem Nachnamen will Tandler damals nicht profitiert und ihn jedenfalls nicht bewusst eingesetzt haben. Sie habe ihren Vater auch nicht um Hilfe gebeten. «Es war uns ĂŒberhaupt nicht klar, dass der Name Tandler wertvoll sein könnte.» Allerdings hĂ€tten anfangs mindestens zwei Ministerien darauf hingewiesen, dass man sich wegen ihres Namens auf sie verlasse, rĂ€umte sie ein. Bestellt worden sei am Ende aber, weil man tatsĂ€chlich geliefert habe, «und nicht, weil ich Tandler heiße».

Zur Kontaktanbahnung hatte sich Tandler damals unter anderem an die CSU-Europaabgeordnete Monika Hohlmeier gewandt. In den Akten findet sich allerdings ein Whatsapp-Chat, in dem Tandler einmal schrieb: «Mein Vater war frĂŒher Finanzminister in Bayern.»

«Es ging tatsÀchlich um gigantische Mengen»

Am Ende bestellte auch der Bund. Tandler berichtete ausfĂŒhrlich, wie sich auch der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) persönlich mit Anforderungslisten bei ihr gemeldet habe. «Es ging tatsĂ€chlich um gigantische Mengen», sagte sie rĂŒckblickend. Einmal habe ihr Spahn geschrieben: «Wir nehmen immer noch von allem alles.» Auch vom bayerischen Gesundheitsministerium, das als erstes Masken bestellte, seien sie und N. unter riesigen Druck gesetzt worden.

SĂ€mtliche Arbeiten und GeschĂ€fte wickelten nach Angaben Tandlers sie selbst und N. gemeinsam ab. «Wir waren GeschĂ€ftspartner fĂŒrs Leben», sagte sie - N. sei aber nicht ihr Lebenspartner, wie die Staatsanwaltschaft behaupte, auch wenn sie ihn manchmal so bezeichnet habe. Die Gewinne habe man auch fĂŒr die Vision einer gemeinsamen geschĂ€ftlichen Zukunft einsetzen wollen.

Als Beispiel nannte sie Idee, hochwertige bayerische Knödel in den USA anzubieten. Zum Vorwurf, N. 13 Millionen Euro geschenkt zu haben, quasi aus Liebe, sagte sie, da wĂ€re sie ja «durchgeknallt». Auch N. wies ĂŒber seine AnwĂ€lte zurĂŒck, eine Lebenspartnerschaft mit Tandler zu fĂŒhren.

Das Gericht stellte aber - mit Blick auf viele Whatsapp-Nachrichten, in denen von N. keine Rede ist - zahlreiche kritische Nachfragen dahingehend, ob dieser wirklich gleichberechtigter Partner war.

Zum Vorwurf der Gewerbesteuerhinterziehung sagte Tandler: «Wir sahen unsere berufliche Zukunft in GrĂŒnwald.» Sie und N. hĂ€tten sich dort «auf ein richtiges BĂŒro» gefreut und deshalb einen BĂŒroraum dort angemietet. Zuvor hatte sie geschildert, wie N. und sie in N.'s Lokalen in MĂŒnchen gearbeitet hĂ€tten. Die Anklage wirft beiden vor, alle Entscheidungen seien damals von MĂŒnchen aus getroffen worden.

Zum Vorwurf des Subventionsbetrugs sagte Tandler, sie habe den Antrag damals fĂŒr ihre Werbeagentur gestellt - sie bedauere dies aber im Nachhinein, und auch dass es viel zu lange gebraucht habe, den Antrag zurĂŒckzunehmen und das Geld zurĂŒckzubezahlen. Dies tue ihr sehr leid.

N. argumentierte in seiner ErklĂ€rung, die seine AnwĂ€lte verlasen, man sei stets der Überzeugung gewesen, einen Beitrag zur Gesundheit der Menschen zu leisten. Man habe quasi hoheitliche Aufgaben ĂŒbernommen «und dadurch Menschenleben gerettet». Man habe einwandfreie, geprĂŒfte und behördlich zugelassene Masken und andere AusrĂŒstung besorgt.

@ dpa.de