Nordsee soll «gröĂter Energie-Hub der Welt» werden
26.01.2026 - 20:00:52Deutschland und andere Anrainerstaaten der Nordsee wollen den Ausbau von Windenergie-Anlagen vor den KĂŒsten vorantreiben. In einer Hamburger ErklĂ€rung von Staats- und Regierungschefs zum Nordsee-Gipfel heiĂt es, die Nordsee solle «zum weltgröĂten Drehkreuz» fĂŒr saubere Energie gemacht werden. Vor allem die grenzĂŒberschreitende Zusammenarbeit bei Windparks soll gestĂ€rkt werden. Das soll den Ausbau effizienter machen und Kosten senken.Â
Bundeskanzler Friedrich Merz sagte: «Die BeschlĂŒsse, die wir heute hier in Hamburg getroffen haben, werden unsere Energieversorgung sicherer, kostengĂŒnstiger und integrierter machen.» Unterzeichnet wurde die ErklĂ€rung von Deutschland, den Niederlanden, Belgien, DĂ€nemark, Norwegen, Frankreich, GroĂbritannien sowie Irland und Luxemburg.Â
Investitionspakt soll Europa unabhÀngiger machen
Der Ausbau der Windkraft in der Nordsee soll Europa auch unabhĂ€ngiger von anderen Energielieferungen machen. In Hamburg schlossen die Nordsee-AnrainerlĂ€nder einen Investitionspakt mit der Windindustrie und den Netzbetreibern. Bedingungen fĂŒr Investitionen sollen verbessert werden. Geplant sind Windparks mit einer Stromanbindung an mehr als ein Land. Die Nordsee-Staaten einigten sich darauf, bis zu 100 Gigawatt Erzeugungsleistung grenzĂŒberschreitend zu vernetzen. «Unser Ziel ist es, den gröĂten Energie-Hub der Welt zu entwickeln», sagte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU).Â
Fast 91.000 zusÀtzliche ArbeitsplÀtze sollen geschaffen werden
In der Investitionsvereinbarung werden der Industrie Ausschreibungen fĂŒr Windkraft-Anlagen in der Nordsee ĂŒber 2030 hinaus zugesichert und damit Planungssicherheit hergestellt. Im Gegenzug verpflichtet sich die Branche, die Gesamtkosten fĂŒr die Stromerzeugung bis 2040 um 30 Prozent zu senken. Zudem sollen bis 2030 in Europa 9,5 Milliarden Euro in neue ProduktionskapazitĂ€ten investiert und 91.000 zusĂ€tzliche ArbeitsplĂ€tze geschaffen werden.
Anteil am Strommix soll deutlich steigen
Im vergangenen Jahr lag der Anteil der Offshore-Windparks an der Deckung des Stromverbrauchs in Deutschland nach Angaben der Energiebranche bei rund 5 Prozent. Insgesamt deckten erneuerbare Energien fast 56 Prozent des Stromverbrauchs - den höchsten Anteil hatten WindrÀder an Land, gefolgt von Solaranlagen. Der Anteil der Windkraft auf See am Strommix könnte bis 2045 Prognosen zufolge auf etwa 20 Prozent steigen.
Nach Angaben des europĂ€ischen Windverbands Wind Europe können derzeit bereits 32 Millionen Haushalte aus Offshore-Windenergie mit Strom versorgt werden. Bei 300 GW im Jahr 2050 könnte die Zahl auf mehr als 330 Millionen wachsen.Â
Zunehmende Angriffe auf Energie-Infrastruktur
Mit dem Ausbau der Windenergie-Gewinnung soll auch die Sicherheit der Energie-Infrastruktur in der Nordsee gestĂ€rkt werden. «Nicht erst seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sehen wir zunehmende Angriffe auf unsere kritische Infrastruktur», sagte Reiche. Stromnetze, Pipelines, wichtige Datenkabel, die fĂŒr die digitale SouverĂ€nitĂ€t des Kontinents von entscheidender Bedeutung seien, wĂŒrden angegriffen.
Gipfel als Reaktion auf russischen Angriff auf Ukraine
Die Gipfel der Nordsee-Anrainer waren 2022 als Reaktion auf die russische Invasion in der Ukraine ins Leben gerufen worden. Beim ersten Treffen 2022 in Esbjerg in DĂ€nemark ging es darum, Gas- und Ăl-Lieferungen aus Russland so schnell wie möglich auch mit Hilfe erneuerbarer Energien zu ersetzen. «Jetzt ist der Zeitpunkt fĂŒr den Aufbruch, und jetzt brechen wir auf», sagte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) damals.Â
Nordsee soll zum «grĂŒnen Kraftwerk Europas» werden
Beim Nordsee-Gipfel 2023 wurde beschlossen, die Nordsee zum «grĂŒnen Kraftwerk fĂŒr Europa» auszubauen. Ziel ist es, bis 2050 gemeinsam bis zu 300 Gigawatt (GW) Leistung in der Nordsee zu installieren. Davon ist man aber noch weit entfernt. Stand Oktober 2025 haben die Anrainerstaaten nach Angaben des Bundesamts fĂŒr Seeschifffahrt und Hydrographie ungefĂ€hr 35 GW Leistung installiert. Das entspricht gut einem Zehntel des Ausbauziels. Die gröĂte KapazitĂ€t hat GroĂbritannien mit rund 15 GW Leistung. Auf Deutschland entfallen 7,3 GW und auf die Niederlande 4,5 GW.Â
An dem Gipfel nahmen zehn Staaten teil - sieben Nordsee-Anrainer sowie Irland, Island und Luxemburg, das zwar keinen Meter KĂŒste hat, sich aber an der Windkraft-Finanzierung beteiligt. Der französische PrĂ€sident Emmanuel Macron hatte nach Angaben aus dem ĂlysĂ©e-Palast aus TermingrĂŒnden abgesagt und auch der britische Premierminister Keir Starmer kam nicht nach Hamburg.Â
Merz findet WindrÀder eigentlich «hÀsslich»
Gastgeber Merz hatte bereits vor dem Gipfel gefordert, die Nordsee solle zum «gröĂten Reservoir fĂŒr saubere Energie weltweit» werden. Im Wahlkampf hatte sich der CDU-Chef aber noch abschĂ€tzig zur Windenergie geĂ€uĂert. «Ich glaube sogar, dass wir, wenn wir was richtig machen, eines Tages die WindkraftrĂ€der wieder abbauen können, weil sie hĂ€sslich sind und weil sie nicht in die Landschaft passen», sagte er im November 2024 im ZDF. Im Koalitionsvertrag mit der SPD wurde der Ausbau der Windkraft und auch die Kooperation mit den anderen Nordseeanrainern dann aber fest verankert.
In Hamburg sagte Merz dazu, er habe immer differenziert zwischen Wind an Land und Wind auf See. Er komme aus einem Wahlkreis, in dem der Ausbau der Windenergie sehr umstritten sei, weil er das Landschaftsbild stark verĂ€ndere. Merz hat seinen Wahlkreis im Sauerland. Der Kanzler bezeichnete die Windkraft erneut als «Ăbergangstechnologie»: «Die wird uns 10 Jahre, 20 Jahre, vielleicht 30 Jahre begleiten.»Â
Merz verwies auf den Koalitionsvertrag, dass Deutschland den ersten Fusionsreaktor der Welt ans Netz nehmen wolle. «Wenn man in der Lage sei, Fusionsenergie zu erzeugen, werde Strom sehr gĂŒnstig, machte Merz deutlich. «Und dann wird es in diesem Umfang andere Energieerzeugungsmethoden wahrscheinlich nicht mehr brauchen.» Dies sei aber Zukunftsmusik.
Kritik der UmweltverbĂ€nde: «Das MaĂ verloren»Â
Die UmweltverbĂ€nde fordern, dass der Ausbau der Windkraft nicht zulasten der Natur gehen darf. «Einige Akteure haben beim Ausbau der Windenergie auf See das MaĂ verloren», sagt der Meeresexperte des Naturschutzbundes (Nabu) Kim Detloff. «Ăkologische Auswirkungen von massiven Lebensraumverlusten vieler Seevögel bis zu irreversiblen VerĂ€nderungen des Ăkosystems Nordsee drohen unbeherrschbar zu werden.» Das Narrativ des «Kraftwerks Nordsee» sei fatal.



















