Sachsen-Anhalt: AfD-Erfolg setzt CDU vor MinisterprÀsidentenwahl unter Druck
Veröffentlicht am: 07.10.2026 um 17:17 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch zum LandtagsprÀsidenten von Sachsen-Anhalt verschÀrft den Streit in der CDU und richtet den Blick auf die MinisterprÀsidentenwahl im Dezember.
Rausch erhĂ€lt vier Stimmen auĂerhalb von AfD und BSW
Rausch bekam in der geheimen Abstimmung 48 Ja-Stimmen, 29 Abgeordnete votierten gegen ihn, fĂŒnf enthielten sich. AfD und BSW verfĂŒgen zusammen ĂŒber 44 Sitze. Damit erhielt Rausch rechnerisch vier Stimmen aus anderen Reihen.
Rausch sagte, die Wahl sei von langer Hand vorbereitet worden. GegenĂŒber dem Sender Nius erklĂ€rte er, er sei auch von CDU-Abgeordneten gewĂ€hlt worden. Auf die Frage, ob Ulrich Siegmund bei der MinisterprĂ€sidentenwahl ebenfalls mit vier CDU-Stimmen rechnen könne, sagte Rausch, dies sei abgesprochen.
CDU-Fraktion gerÀt unter Druck
Die CDU-Fraktionsspitze hatte ihren Abgeordneten empfohlen, sich zu enthalten. WĂ€ren alle 15 Fraktionsmitglieder dieser Empfehlung gefolgt, hĂ€tte es 14 Enthaltungen geben mĂŒssen. Mehrere CDU-Abgeordnete hatten vor der Wahl allerdings angekĂŒndigt, mit Nein zu stimmen.
Fraktionschef und MinisterprĂ€sident Sven Schulze Ă€uĂerte sich nicht zu Rauschs Aussagen. Aus Teilen der Fraktion kommt Kritik an seinem Vorgehen. Einige Abgeordnete werfen Schulze vor, die Nein-Stimmen nicht öffentlich gemacht zu haben; andere bezweifeln, dass er die Fraktion noch zusammenfĂŒhren kann.
Tullner lÀsst Austritt offen
CDU-Landesvize Marco Tullner schlieĂt einen Austritt aus der Fraktion zum Jahresende nicht aus, falls sich die Konflikte nicht verbesserten. In Berlin forderten Politiker von CDU und SPD AufklĂ€rung ĂŒber das Abstimmungsverhalten.
Bundeskanzler Friedrich Merz zeigte sich entsetzt ĂŒber die Wahl. SPD-Chef Lars Klingbeil sprach von einem Tabubruch und verlangte ErklĂ€rungen von CDU und BSW.
Tillschneider ebenfalls gewÀhlt
Hans-Thomas Tillschneider erhielt 44 Ja-Stimmen, 38 Abgeordnete stimmten gegen ihn. Enthaltungen gab es nicht. Die CDU weist zurĂŒck, fĂŒr Tillschneider gestimmt zu haben; das BSW erklĂ€rt ebenfalls, seine fĂŒnf Abgeordneten hĂ€tten ihn nicht gewĂ€hlt.
Im Dezember benötigt Siegmund im ersten Wahlgang 42 Stimmen. Das BSW will sich enthalten, daher fehlen dem AfD-Politiker nach derzeitigem Stand drei Stimmen aus anderen Fraktionen.
Mehrheit ohne klare politische Koalition
Die Wahl Rauschs zeigt, dass die AfD im neuen Landtag ĂŒber ihre eigene FraktionsstĂ€rke hinaus UnterstĂŒtzung mobilisieren kann. AfD und BSW verfĂŒgen zusammen ĂŒber 44 der 82 Sitze; Rausch erhielt 48 Stimmen. Weil geheim abgestimmt wurde, bleibt offen, aus welchen Fraktionen die vier zusĂ€tzlichen Stimmen kamen.
Das Amt des LandtagsprĂ€sidenten ist nicht nur reprĂ€sentativ. Es umfasst unter anderem die Leitung der Plenarsitzungen, das Hausrecht und die Aufsicht ĂŒber die Landtagsverwaltung. Damit erhĂ€lt die AfD erstmals in Deutschland unmittelbaren Einfluss auf zentrale AblĂ€ufe eines Landesparlaments.
Der Blick auf die MinisterprÀsidentenwahl
FĂŒr Ulrich Siegmund ist die Abstimmung deshalb ein wichtiger politischer Test. Im ersten Wahlgang im Dezember wĂ€ren 42 Stimmen erforderlich. Da das BSW eine Enthaltung angekĂŒndigt hat, fehlen der AfD nach dem derzeit bekannten KrĂ€fteverhĂ€ltnis drei Stimmen. Die Wahl Rauschs belegt zwar zusĂ€tzliche UnterstĂŒtzung, beantwortet aber nicht, ob diese auch bei einer offenen politischen Richtungsentscheidung trĂ€gt.
FĂŒr die CDU verschĂ€rft sich damit der interne Konflikt. Ihre Fraktion umfasst 15 Abgeordnete, wĂ€hrend die Partei zugleich eine Zusammenarbeit mit der AfD ausschlieĂt. Bis zur MinisterprĂ€sidentenwahl dĂŒrften daher die innerparteiliche Geschlossenheit, die Aufarbeitung der geheimen Abstimmungen und der CDU-Landesparteitag am 5. Dezember entscheidend werden.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Deutschlandfunk: âErster AfD-LandtagsprĂ€sident: Diese Macht hat Tobias Rausch jetztâ (06.10.2026)
Der Bericht ordne die Wahl als bundespolitisches Novum ein und beschreibe die Befugnisse des neuen LandtagsprĂ€sidenten. Er hebe auĂerdem hervor, dass Rausch vier Stimmen mehr erhalten habe als AfD und BSW zusammen, und stelle die Abstimmung als Test fĂŒr die MinisterprĂ€sidentenwahl im Dezember dar. Anders als die dpa-Meldung richte der Beitrag den Schwerpunkt stĂ€rker auf institutionelle Macht und mögliche Folgen fĂŒr den Parlamentsbetrieb.
Der Liveblog bestĂ€tige die Wahl Rauschs und Tillschneiders und berichte zusĂ€tzlich ĂŒber das Scheitern des SPD-Kandidaten Armin Willingmann. Er gebe die ErklĂ€rung des BSW wieder, nicht fĂŒr Tillschneider gestimmt zu haben, sowie die EinschĂ€tzung, die Herkunft der zusĂ€tzlichen Stimmen fĂŒr Rausch sei wegen der geheimen Wahl nicht feststellbar. Damit setze der Bericht einen stĂ€rkeren Schwerpunkt auf den Sitzungsverlauf und die offenen Zuordnungsfragen.
Beide BeitrĂ€ge stellten die Wahl Rauschs als historischen Einschnitt dar und bestĂ€tigten die zusĂ€tzliche Stimmenzahl jenseits von AfD und BSW. Unterschiede lĂ€gen vor allem in der Perspektive: Der Deutschlandfunk betone Amtsbefugnisse und Folgen, der Tagesspiegel den Ablauf und die Reaktionen. Offen bleibe, welche Abgeordneten Rausch unterstĂŒtzt hĂ€tten und ob sich daraus eine Mehrheit fĂŒr Siegmund ableiten lasse.
