Reporter, Grenzen

Reporter ohne Grenzen: Doppelt so viele Attacken auf Presse

08.04.2025 - 12:34:19

SchlÀge, Tritte, Pfefferspray: Fast 90 tÀtliche Angriffe auf Medienschaffende haben Menschenrechtler im Vorjahr in Deutschland gezÀhlt. Besonders Nahost-Demos waren ein gefÀhrlicher Einsatzort.

Die Zahl der gewaltsamen Übergriffe auf Journalistinnen und Journalisten hat sich in Deutschland im vergangenen Jahr laut einer Auswertung mehr als verdoppelt. Die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) hat 89 tĂ€tliche Angriffe auf Medienschaffende dokumentiert und belegt – die meisten am Rande von Kundgebungen, vor allem zum Nahost-Konflikt, aber auch bei Veranstaltungen der rechten Szene und von Abtreibungsgegnern. 

Im Vorjahr 2023 hatte es bundesweit 41 Attacken gegeben. Nur im Corona-Jahr 2022 war mit 103 Übergriffen ein höherer Wert als 2024 gemessen worden.

Getreten oder mit Pfefferspray attackiert

Bei 75 der dokumentierten VorfĂ€lle handelte es sich um Angriffe gegen Menschen. 14 Angriffe richteten sich gegen RedaktionsgebĂ€ude oder WohnhĂ€user. Am hĂ€ufigsten waren körperliche Attacken in Form von Tritten und SchlĂ€gen, auch mit GegenstĂ€nden wie Fahnenstangen oder TrommelschlĂ€gel. Als Angriff gewertet wurden diese, sofern sie Körper oder AusrĂŒstung tatsĂ€chlich getroffen haben. 

Medienschaffende wurden teils brutal zusammengeschlagen, sie wurden zu Boden gestoßen, in die Genitalien getreten, mit Kaffeebechern oder rohen Eiern beworfen oder mit Pfefferspray attackiert, so die Menschenrechtsorganisation in ihrem Report zur Lage der Pressefreiheit in Deutschland. 

«38 FÀlle körperlicher Gewalt ereigneten sich allein auf Nahost-Demonstrationen in Berlin», so RSF. «21 weitere Angriffe kamen aus dem verschwörungstheoretischen und rechtsextremen Umfeld.»

Gerade mit Blick auf Angriffe aus dem rechtsextremen Lager spricht RSF zudem von einer hohen Dunkelziffer, «da gerade Lokalreporterinnen und -reporter, die immer wieder angegriffen werden, dies nicht jedes Mal melden».

«Ein stark verengter Meinungskorridor»

Generell erleben Reporterinnen und Reporter in Deutschland dem Bericht zufolge «eine zunehmende Pressefeindlichkeit und ein verengtes VerstĂ€ndnis von Pressefreiheit». Viele Leute wĂŒrden Menschen aus der Medienbranche, die nicht ihrem eigenen politischen Spektrum entstammen, mittlerweile als Gegner ansehen, so die Analyse.

Als Beispiel nannte RSF die Berichterstattung ĂŒber den Gaza-Krieg, der 2023 nach einem Angriff der Hamas auf Israel ausgebrochen war. «Vor allem nach dem 7. Oktober 2023 wurde RSF aus mehreren Redaktionen von einem stark verengten Meinungskorridor bei der Arbeit zu Israel und PalĂ€stina berichtet.»

Gewerkschaften entsetzt ĂŒber zunehmende Gewalt

Der Deutsche Journalisten-Verband reagierte besorgt. «Was wir derzeit erleben, ist eine neue QualitĂ€t an Gewalt gegen Kolleginnen und Kollegen», sagte der DJV-Bundesvorsitzende Mika Beuster. «FĂŒr Journalisten wird es leider immer gefĂ€hrlicher, diesen wichtigen Beruf auszuĂŒben. Wir mĂŒssen diese Angriffe daher klar benennen und mĂŒssen uns entschieden entgegenstellen.» Attacken gegen Journalisten seien immer auch ein Angriff auf die Demokratie.

Die Journalisten-Gewerkschaft dju innerhalb von Verdi forderte, wirksame Maßnahmen zum Schutz von Medienschaffenden in den neuen Koalitionsvertrag auf Bundesebene zu schreiben. «Journalistinnen und Journalisten mĂŒssen ohne Angst vor Gewalt arbeiten können», sagte dju-BundesgeschĂ€ftsfĂŒhrerin Danica Bensmail. «Medien, Sicherheitsbehörden und Politik sind in der Pflicht, unverzĂŒglich verlĂ€ssliche Schutzmaßnahmen zu gewĂ€hrleisten.»

Die steigende Zahl an dokumentierten gewaltsamen Übergriffen decke sich mit den RĂŒckmeldungen von der dju-Basis, so Bensmail. «Unsere Kolleginnen und Kollegen berichten von einer zunehmend pressefeindlichen Stimmung. Wir beobachten diese Entwicklung mit großer Sorge», so die Gewerkschafterin.

@ dpa.de