Geiseln, Halle-AttentÀters

Geiseln des Halle-AttentÀters berichten von Todesangst

29.01.2024 - 12:24:43

Sie wussten, mit wem sie es im GefÀngnis zu tun hatten: mit dem Halle-AttentÀter, der seine Waffen einst selbst baute. Zwei Vollzugsbeamte berichten nun, wie sie im Knast zu seinen Geiseln wurden.

  • Justitzbeamte nehmen dem Angeklagten im Gerichtssaal vom Landgericht Magdeburg die Handschellen ab. - Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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  • Justitzbeamte nehmen dem Angeklagten im Gerichtssaal die Handschellen ab. - Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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Justitzbeamte nehmen dem Angeklagten im Gerichtssaal vom Landgericht Magdeburg die Handschellen ab. - Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpaJustitzbeamte nehmen dem Angeklagten im Gerichtssaal die Handschellen ab. - Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Im Prozess gegen den Halle-AttentÀter wegen Geiselnahme im GefÀngnis in Burg haben zwei Vollzugsbeamte von dem Geschehen berichtet. «Ich hatte Todesangst», sagte ein 26 Jahre alter Beamter im Landgericht Magdeburg.

Er beschrieb, wie der Angeklagte warm angezogen und mit auf HĂŒfthöhe vorgehaltener, vermeintlicher Waffe in der ZellentĂŒr stand, als er zur Nacht eingeschlossen werden sollte. Der 32-JĂ€hrige habe gesagt, er wolle jetzt raus. Er habe Alarm ausgelöst und den Gefangenen bis in den Freistundenhof gebracht, so der Vollzugsbeamte. Es sei auch ein Schuss gefallen. Auch ein weiterer Beamter berichtete von Todesangst. Der Fluchtversuch des Halle-AttentĂ€ters scheiterte.

Besondere Sicherheitsvorkehrungen

Weil der bereits zur Höchststrafe verurteilte Stephan Balliet als extremes Sicherheitsrisiko gilt, findet der Prozess unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen statt. Das zustĂ€ndige Landgericht Stendal verhandelt im grĂ¶ĂŸten Justizsaal Sachsen-Anhalts in Magdeburg. Der Zuschauerbereich ist durch Sicherheitsglas abgetrennt. WĂ€hrend der Verhandlung saßen maskierte SpezialkrĂ€fte der Justiz in voller SchutzausrĂŒstung hinter dem Angeklagten. Die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg hat Stephan Balliet wegen Geiselnahme und Verstoßes gegen das Waffengesetz angeklagt.

Der Angeklagte erschien zum zweiten Verhandlungstag mit einem blauen Auge. Das stammt seinem Verteidiger zufolge von einem Unfall. Er verfolgte die Zeugenaussagen scheinbar interessiert. Beim Prozessauftakt am Donnerstag vergangener Woche hatte der 32-JĂ€hrige die Geiselnahme vom 12. Dezember 2022 gestanden. Sein Ziel sei gewesen, frei zu sein.

Aus Schreibmaterialien gebaut

Er beschrieb ausfĂŒhrlich, wie er einen Schussapparat aus Schreibmaterialien baute, damit GefĂ€ngnisbedienstete bedrohte und sie nötigte, ihm diverse TĂŒren zu öffnen. Er habe in die Freiheit gewollt, erklĂ€rte der Angeklagte vor Gericht. Der 32-JĂ€hrige sagte, er sei davon ausgegangen, dass seine selbst gebastelte Waffe tödlich ist.

Laut einem Gutachten des Bundeskriminalamts war das GerÀt waffenÀhnlich und schussfÀhig, allerdings mit vergleichsweise geringer Auftreffenergie. Das wussten die GefÀngnismitarbeiter am Tattag nicht.

Der 26 Jahre alte Vollzugsbedienstete erklÀrte, er sei krankgeschrieben und in psychologischer Behandlung. Er habe viele TrÀume, in denen der Angeklagte auftauche. «Ich habe Angst, dass das nochmal passieren kann und ich meine Familie komplett alleine lasse, dass ich nicht mehr nach Hause komme.»

Ein 40-JÀhriger, der ebenfalls Geisel war, berichtete von erheblichen psychischen und körperlichen Problemen, er habe Panikattacken, leide unter Schlaflosigkeit, seine körperliche LeistungsfÀhigkeit sei eingeschrÀnkt. Beide Beamte sind derzeit nicht mehr aktiv im Dienst. Sie treten im Prozess als NebenklÀger auf.

Der Ă€ltere Vollzugsbeamte kannte den Angeklagten schon aus dem GefĂ€ngnis Halle, wo Balliet einst einen Ausbruchversuch unternahm. Im GefĂ€ngnis Burg sei er am Tattag relativ unauffĂ€llig gewesen. Der Beamte beschrieb, wie gegen 21.00 Uhr der Alarm ausgelöst wurde. Kurz zuvor habe er sich gewundert, warum die ZellentĂŒr noch offen war und zwei Personen durch eine andere TĂŒr gingen.

Mit mehreren Kollegen sei er beiden in Richtung Freistundenhof gefolgt. Dann sei klargeworden, dass der Angeklagte eine Waffe hatte, so der 40-JĂ€hrige. «Ich wusste nur, er hatte eine Waffe und er wĂŒrde schießen.» Balliet habe immer wieder gesagt, er wolle raus, er sei zunehmend hektischer und nervöser geworden, stĂ€ndig in Bewegung. Der Angeklagte habe auch runtergezĂ€hlt. Der Beamte sagte vor Gericht, er habe dem Geiselnehmer versichert, er könne das Tor nicht öffnen, selbst wenn er wolle, so der Vollzugsbeamte.

Kein Bedauern, keine Reue

Die Vorsitzende Richterin gab dem Angeklagten nach den Zeugenvernehmungen der ehemaligen Geiseln jeweils die Gelegenheit, sich zu Ă€ußern - der lehnte ab. Zeichen des Bedauerns oder der Reue gab es nicht.

Balliet war im Dezember 2020 wegen des rassistischen und antisemitischen Anschlags in Halle zu lebenslanger Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Am 9. Oktober 2019, dem höchsten jĂŒdischen Feiertag Jom Kippur, hatte er versucht, die Synagoge von Halle zu stĂŒrmen und ein Massaker anzurichten. Als es ihm nicht gelang, ermordete er nahe der Synagoge zwei Menschen.

@ dpa.de