Wackelt nach dem Ampel-Aus auch das Deutschlandticket?
11.11.2024 - 16:39:34(neu: Details)
STUTTGART/HANNOVER (dpa-AFX) - Das Ampel-Aus gefĂ€hrdet auch die PlĂ€ne fĂŒr die weitere Finanzierung des Deutschlandtickets. Um das Angebot fĂŒr den Bahnverkehr zu sichern, dringen Baden-WĂŒrttemberg und Niedersachsen trotz des Bruchs der Ampel-Koalition auf eine geplante GesetzesĂ€nderung durch den noch bestehenden Bundestag. Mit dem Ticket kann der öffentliche Nahverkehr in ganz Deutschland genutzt werden - unabhĂ€ngig von Bundesland, Verkehrsverbund oder Tarifgebiet. Das Ticket gilt fĂŒr Bus und Bahn. Ausgenommen sind lediglich ZĂŒge des Fernverkehrs wie beispielsweise ICEs, ICs und TGVs.
Zwar habe das Aus fĂŒr die Regierungskoalition und der nicht verabschiedete Haushalt fĂŒr das kommende Jahr keine unmittelbaren Folgen fĂŒr das Deutschlandticket, versicherte das nordrhein-westfĂ€lische Verkehrsministerium, das den Vorsitz der Verkehrsministerkonferenz hat. Der baden-wĂŒrttembergische Ressortchef Winfried Hermann (GrĂŒne) mahnte aber, nicht gebrauchte Mittel mĂŒssten dringend ins nĂ€chste Jahr ĂŒbertragen werden - womöglich wĂŒrde das Ticket sonst teurer. "Das Nachsehen hĂ€tten die FahrgĂ€ste."
Sozialverband warnt
Verkehrsminister Olaf Lies (SPD) aus Niedersachsen sagte: "Ich warne davor, dass das D-Ticket dieser unsicheren Ăbergangszeit im Bund zum Opfer fĂ€llt." In den nĂ€chsten Wochen stĂŒnden Entscheidungen an, die nicht aufgeschoben werden dĂŒrften - dafĂŒr sei gerade dies ein Beispiel.
Auch die Vorstandsvorsitzende des Sozialverbands Deutschland, Michaela Engelmeier, mahnte: "Das Deutschlandticket darf nicht unter die RĂ€der kommen." FĂŒr viele Menschen habe es schon mit der letzten Preiserhöhung an AttraktivitĂ€t verloren. "Umso dringender ist es, den Preis stabil zu halten und ein Sozialticket einzufĂŒhren, das wirklich allen Menschen bezahlbare MobilitĂ€t ermöglicht." Die aktuelle Unsicherheit zeige, wie schnell gerade soziale Projekte ins Wanken geraten können. "Dem muss die Politik Einhalt gebieten."
Muss der Preis sonst steigen?
Konkret geht es um eine Ănderung des Regionalisierungsgesetzes, das der Bundestag noch nicht beschlossen hat. Das Gesetz regelt, ob und wie nicht eingesetzte Mittel auch in Folgejahren verwendet werden können.
Das Bundesverkehrsministerium stellte mit Blick darauf die groĂe Einigkeit heraus, dass das Ticket "ein tolles Projekt" sei, das fortgefĂŒhrt werden solle. "Vor diesem Hintergrund appellieren wir an alle handelnden Akteure, dass man sich bei offenen Finanzfragen einig wird", sagte ein Sprecher. GĂŒltig sei weiter die generelle Vereinbarung, nach der Bund und LĂ€nder bis 2025 jeweils 1,5 Milliarden Euro im Jahr beisteuern.
Die Verkehrsministerkonferenz hatte im September entschieden, dass das derzeit 49 Euro teure Deutschlandticket von 2025 an 58 Euro pro Monat kosten soll. FĂŒr wie lange, ist offen. In Baden-WĂŒrttemberg nutzen Hunderttausende Menschen im Nah- und Regionalverkehr das Deutschlandticket. Nach Angaben des Verkehrsministeriums lag die Zahl der Nutzer im vergangenen MĂ€rz bei mehr als 1,5 Millionen Menschen, jĂŒngere Angaben gibt es nicht. Die Zahl dĂŒrfte aber noch höhere liegen: Die Abonnenten, die das Ticket beispielsweise direkt bei der Deutschen Bahn kaufen, sind in der Erhebung des Verkehrsministeriums nicht enthalten.
Hermann: "FahrgÀste erwarten VerlÀsslichkeit"
"Nach monatelangem Hin und Her erwarten die FahrgĂ€ste VerlĂ€sslichkeit der politischen Entscheidungen", sagte Hermann der Deutschen Presse-Agentur. "Es wĂ€re fatal, wenn zur Rettung des Tickets der Preis nochmals erhöht werden mĂŒsste, nur weil im allgemeinen Streit anhĂ€ngige Gesetze nicht mehr umgesetzt wĂŒrden." Aus dem NRW-Ministerium hieĂ es dazu: "Im Zweifelsfall mĂŒsste eine neue Bundesregierung ein Gesetz mit gleicher Zielsetzung einbringen." Das gelte auch fĂŒr die Perspektive des Deutschlandtickets ab 2026. "Eine neue Bundesregierung mĂŒsste die hĂ€lftige Finanzierung per Gesetz langfristig sichern."
Der parlamentarische GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Unionsfraktion, Thorsten Frei, lehnt eine UnterstĂŒtzung rot-grĂŒner Gesetzesinitiativen wie dem Deutschland-Ticket ab. "Ich kann mir das nicht vorstellen. Ich glaube, da mĂŒssen wir den Schwerpunkt setzen bei Investitionen in die Infrastruktur", sagte der CDU-Politiker dem Nachrichtenmagazin Politico.
Zukunft offen
Verkehrsminister Hermann sieht im Verbleib des inzwischen parteilosen Volker Wissing als Bundesverkehrsminister eine Chance zur Umsetzung von Verkehrsthemen, die im Bund noch vor Neuwahlen unbedingt geregelt werden mĂŒssen. Er zollt Wissing Respekt fĂŒr dessen Bereitschaft, trotz der Regierungskrise an den drĂ€ngenden Problemen der Verkehrspolitik auch im Ăbergang fĂŒr Lösungen zu kĂ€mpfen. "Es erfordert Mut, sich so eindeutig fĂŒr die Sache zu entscheiden und gegen die eigene Partei. Das verdient Anerkennung", sagte Hermann.

