Tobias Rausch ist erster AfD-LandtagsprĂ€sident â vier Stimmen sorgen fĂŒr RĂ€tsel
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 17:35 Uhr | dpa, AD HOC NEWSTobias Rausch ist zum ersten AfD-LandtagsprĂ€sidenten in Deutschland gewĂ€hlt worden und erhielt im Landtag von Sachsen-Anhalt vier Stimmen mehr, als AfD und BSW zusammen verfĂŒgen.
48 Stimmen fĂŒr Rausch
Der 35-JĂ€hrige bekam in geheimer Abstimmung 48 von 82 abgegebenen Stimmen. 29 Abgeordnete stimmten gegen ihn, fĂŒnf enthielten sich. Rausch gehört dem Landtag seit 2016 an.
AfD und BSW kommen zusammen auf 44 Sitze. Woher die vier zusĂ€tzlichen Stimmen stammen, blieb zunĂ€chst offen. Der CDU-Fraktionschef Sven Schulze sagte, dies lasse sich nicht nachvollziehen. SPD-GeneralsekretĂ€r Tim KlĂŒssendorf forderte die CDU mit Blick auf die Brandmauer zur AfD auf, zu klĂ€ren, wer die Entscheidung aus ihren Reihen womöglich unterstĂŒtzt habe.
CDU hatte Enthaltung empfohlen
SPD, GrĂŒne und Linke hatten angekĂŒndigt, gegen Rausch zu stimmen. Die CDU-Fraktionsspitze hatte ihren 14 Abgeordneten empfohlen, sich geschlossen zu enthalten. TatsĂ€chlich gab es fĂŒnf Enthaltungen.
Auch der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider wurde zum VizeprĂ€sidenten gewĂ€hlt. Er erhielt 44 Ja-Stimmen, 38 Abgeordnete stimmten gegen ihn. Das BSW erklĂ€rte, seine fĂŒnf Abgeordneten hĂ€tten Tillschneider nicht gewĂ€hlt. CDU-Fraktionschef Sven Schulze sagte, die CDU habe gegen ihn gestimmt.
Siegmund will nur einmal antreten
Die Wahl Rauschs befeuerte die Debatte ĂŒber eine mögliche Mehrheit fĂŒr AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Er hatte die Landtagswahl vor einem Monat gewonnen und will sich im Dezember zum MinisterprĂ€sidenten wĂ€hlen lassen. Nach eigener Aussage tritt er nur in einem Wahlgang an.
Die AfD strebt eine Zusammenarbeit mit dem BSW an. Siegmund sagte zudem, GesprĂ€che mit dem BSW und einzelnen Abgeordneten anderer Fraktionen zu fĂŒhren. Sahra Wagenknecht erklĂ€rte dem âSternâ, Siegmunds Wahl sei nun wahrscheinlich geworden. Die Brandmauer sei krachend gescheitert.
AfD beansprucht Platz in der Mitte
Die AfD setzte durch, kĂŒnftig nicht mehr am rechten Rand des Plenarsaals zu sitzen, sondern in der Mitte. GrĂŒnen-Fraktionschefin Susan Sziborra-Seidlitz kĂŒndigte an, man werde die AfD dort âdemokratisch in die Zange nehmenâ. Aus den Reihen der AfD gab es GelĂ€chter.
Rausch versprach in seiner ersten Rede, das Amt ĂŒberparteilich und fair auszuĂŒben. âFĂŒr jeden werden dieselben Regeln geltenâ, sagte er. Der LandtagsprĂ€sident leitet die Sitzungen, reprĂ€sentiert das Parlament und ist protokollarisch der ranghöchste Politiker des Landes.
Proteste vor dem Landtag
Die konstituierende Sitzung wurde von Protesten begleitet. Auf dem Domplatz in Magdeburg versammelten sich Hunderte Menschen. Zivilgesellschaftliche BĂŒndnisse lasen aus dem Grundgesetz vor und forderten, nicht mit der extremen Rechten zusammenzuarbeiten.
AltersprÀsidentin Eva von Angern (Linke) warnte in ihrer Eröffnungsrede vor einer Verrohung der politischen Debatte und mahnte zur Achtung von Verfassung und Landesverfassungsgericht. Im Parlament sind nur 21,7 Prozent der Abgeordneten Frauen.
Ein historischer Schritt im Landesparlament
Mit Tobias Rausch steht erstmals ein AfD-Politiker an der Spitze eines deutschen Landesparlaments. Das Amt ist protokollarisch das höchste politische Amt Sachsen-Anhalts. Der PrĂ€sident leitet die Sitzungen und den Ăltestenrat, fertigt beschlossene Gesetze aus und soll dabei unabhĂ€ngig ĂŒber die Einhaltung verfassungsrechtlicher Vorgaben wachen.
Politisch besonders relevant ist die Stimmenzahl: Rausch erhielt 48 von 82 abgegebenen Stimmen. AfD und BSW verfĂŒgen zusammen ĂŒber 44 Sitze. Weil die Abstimmung geheim war, bleibt offen, aus welcher Fraktion die zusĂ€tzlichen Stimmen kamen. Die CDU hatte ihren Abgeordneten eine Enthaltung empfohlen; tatsĂ€chlich gab es fĂŒnf Enthaltungen.
Blick auf die MinisterprÀsidentenwahl
Die Wahl verschĂ€rft deshalb die Debatte ĂŒber die sogenannte Brandmauer. FĂŒr Dezember steht die Wahl des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund zum MinisterprĂ€sidenten an. Siegmund will nach eigener Aussage nur in einem Wahlgang antreten. Eine Mehrheit fĂŒr ihn wĂŒrde voraussichtlich ebenfalls Stimmen auĂerhalb der AfD erfordern.
Die heutige Abstimmung ist jedoch kein automatischer Beleg fĂŒr eine feste Mehrheit zugunsten einer AfD-Regierung. Bei der Wahl des LandtagsprĂ€sidenten ging es um ein parlamentarisches Amt; bei der MinisterprĂ€sidentenwahl stehen Regierungsverantwortung, politische Programme und die Frage einer möglichen Zusammenarbeit mit der AfD unmittelbar im Zentrum. FĂŒr die Abgeordneten und BĂŒrger Sachsen-Anhalts bleibt damit entscheidend, ob aus punktueller UnterstĂŒtzung eine dauerhafte politische Vereinbarung entsteht.
