Historiker: BundesprÀsidenten prÀgten Umgang mit NS-Zeit
11.10.2023 - 19:30:51Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist in Deutschland wesentlich durch die BundesprĂ€sidenten geprĂ€gt worden. Zu diesem Ergebnis gelangt der Historiker Norbert Frei in einer Studie ĂŒber das BundesprĂ€sidialamt und den Nationalsozialismus. «FĂŒr den gesellschaftlichen Umgang mit der Vergangenheit war, was das Staatsoberhaupt tat und wie es sich Ă€uĂerte, von grundlegender Bedeutung», sagte der Geschichtsprofessor aus Jena am Mittwoch in Berlin bei der Vorstellung der Ergebnisse seines Forschungsprojekts.
Dies habe sich zu einem Merkmal des bundesdeutschen Wegs der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit entwickelt. Dabei sei am Anfang die «vergangenheitspolitische PrĂ€gekraft» von Theodor Heuss gestanden. Das erste Staatsoberhaupt habe vor allem in den frĂŒhen Jahren seiner PrĂ€sidentschaft wie kein anderer Politiker einschlĂ€gige Begriffe geprĂ€gt oder verworfen.
So habe Heuss drei Monate nach seiner Wahl 1949 von «Kollektivscham» gesprochen - was gegen den Begriff «Kollektivschuld» zielte, mit dem die Deutschen die alliierten EntnazifizierungsbemĂŒhungen abwehren wollten. Eine kollektive Scham aber habe Heuss fĂŒr nötig befunden. Von normsetzender Bedeutung sei 1952 auch das EingestĂ€ndnis («Wir haben von den Dingen gewusst») gewesen, dass den Deutschen die Judenverfolgung - anders als oft behauptet - bekannt gewesen sei.
Sechs BundesprÀsidenten analysiert
BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier, der das Forschungsprojekt initiiert hatte, betonte, fĂŒr einen BundesprĂ€sidenten sei es eine besondere Verpflichtung, sich der Geschichte seines Amtes zu stellen. «Gerade in dieser Zeit, in der unsere Demokratie so sehr angefochten ist, mĂŒssen wir uns als Gesellschaft unserer Geschichte bewusst sein», mahnte Steinmeier. «Denn was sich nicht wiederholen soll, das darf nicht vergessen werden. Das mĂŒssen wir kennen.»
Frei und sein Team analysierten die sechs BundesprĂ€sidenten der Bonner Republik - Theodor Heuss, Heinrich LĂŒbke, Gustav Heinemann, Walter Scheel, Karl Carstens und Richard von WeizsĂ€cker.
LĂŒbke wie Heinemann hĂ€tten ihren Teil zum Funktionieren der NS-Kriegswirtschaft auf Kosten des Millionenheers der Zwangsarbeiter beigetragen, sagte Frei - LĂŒbke als leitender Angestellter eines privaten, im RĂŒstungsbereich tĂ€tigen IngenieurbĂŒros, Heinemann als Justitiar der Rheinischen Stahlwerke in Essen. Nach einer von Ost-Berlin lancierten Kampagne, die LĂŒbke zum «KZ-Baumeister» machte, trat dieser zehn Wochen vor Ende seiner zweiten Amtszeit 1969 zurĂŒck.
Die eigene GlaubwĂŒrdigkeit beschĂ€digt
«Mit Walter Scheel und nach ihm Karl Carstens ĂŒbernehmen dann im Laufe der 70er Jahre Angehörige der Soldatengeneration das höchste Amt im Staate, die ihre keineswegs aus freien StĂŒcken eingerĂ€umte Mitgliedschaft in der NSDAP kleinzureden suchten.» Beide hĂ€tten damit ihre GlaubwĂŒrdigkeit beschĂ€digt, so der Historiker. «Denn kritisch zur NS-Vergangenheit sich zu positionieren und fĂŒr deren Aufarbeitung einzutreten, das gehört inzwischen zu den Grunderwartungen, die ein wachsender Teil der bundesdeutschen Gesellschaft an ihr Staatsoberhaupt richtet.» Carstens bekam dies schon vor seiner Wahl als Welle der Empörung vor allem bei jungen Menschen zu spĂŒren.
Und WeizsĂ€cker? Der einstige Wehrmachtsoffizier habe am 8. Mai 1985 mit seiner Ansprache zum 40. Jahrestags des Kriegsendes Beifall - auch international - wie vorher und spĂ€ter kein anderer PrĂ€sident fĂŒr eine Rede geerntet, so Frei.
Allerdings gab der Historiker zu bedenken: Ein betrĂ€chtlicher Teil der öffentlichen Wirkung dieser Rede erklĂ€re sich durch den kurz zuvor von Kanzler Helmut Kohl (CDU) ausgelösten Skandal, als dieser US-PrĂ€sident Ronald Reagan zu einem Besuch auf dem Soldatenfriedhof Bitburg gedrĂ€ngt habe, auf dem auch Gefallene der Waffen-SS lagen. «Und man darf sich fragen, wie die Wirkung der WeizsĂ€cker-Rede wohl ausgefallen wĂ€re, hĂ€tte sich der PrĂ€sident - wovon er erst in letzter Minute auf den dringenden Rat von Mitarbeitern Abstand nahm - fĂŒr die Begnadigung von Hitlers einstigem Stellvertreter Rudolf HeĂ eingesetzt.»


