Schweiz, Literatur

Autor Peter Bieri alias Pascal Mercier gestorben

04.07.2023 - 09:49:18

War er ein philosophisch denkender ErzÀhler oder ein literarisch produktiver Philosoph? Der Schweizer Peter Bieri alias Pascal Mercier vereinte beides, meisterhaft verwoben in einem Weltbestseller.

«Nachtzug nach Lissabon» ist lĂ€ngst ein Klassiker der zeitgenössischen Literatur, aber sein Autor, Pascal Mercier, hat nie groß im Rampenlicht gestanden.

In dem Roman von 2004 ging es um den Altsprachenlehrer Raimund Gregorius, der eines Tages aus dem eingefahrenen Trott ausbricht und sich auf eine abenteuerliche Sinnsuche begibt. Das Buch erzĂ€hlt von der Poesie und Macht der Sprache. Ein Thema, das sich durch das ganze Schaffen des Autors zieht, der eigentlich Peter Bieri hieß. Ende Juni starb er nach Angaben des Hanser Verlags im Alter von 79 Jahren.

Bieri, Mercier und die Philosophie

Seine Bekanntheit rĂŒhrt vom Romanerfolg, aber eigentlich bestand sein Hauptwerk aus philosophischen TextbĂŒchern, Betrachtungen und Essays, die er unter seinem bĂŒrgerlichen Namen Peter Bieri veröffentlichte. Romane schrieb er unter dem Pseudonym Pascal Mercier. Er sei sowohl ein literarisch höchst produktiver Philosoph als auch ein philosophisch denkender ErzĂ€hler, schrieb die «Neue ZĂŒrcher Zeitung» einmal.

Das Roman-Werk von Mercier ist ĂŒberschaubar. Der Welterfolg «Nachtzug nach Lissabon» war sein drittes Werk. Es erschien 2004 und wurde 2013 mit Jeremy Irons in der Hauptrolle verfilmt. FrĂŒhere Werke waren «Perlmanns Schweigen» (1995) und «Der Klavierstimmer» (1998). 2007 gab es noch «Lea. Novelle». Danach blieb es lange ruhig um Mercier.

Der letzte Roman: «Das Gewicht der Worte»

Bis er 2020 seinen fĂŒnften und letzten, wieder fulminanten Roman vorlegte. In «Das Gewicht der Worte» geht es wieder um Sprache. Simon Leyland ist ein Verleger, der sich nach einer Gehirntumor-Diagnose auf den Tod einstellt. Dann stellt sich heraus, dass seine Unterlagen im Krankenhaus vertauscht worden waren und er nur eine harmlose Durchblutungsstörung hatte. Plötzlich geht das Leben weiter.

Mercier beschreibt, wie der Ruck dem Mann, der sich von Berufswegen her stets mit den Stimmen anderer Autorinnen und Autoren befasst hat, hilft, seine eigene Sprache zu finden, um seine eigene Geschichte aufzuschreiben.

Das Werk des Sachbuchautors Bieri ist umfangreicher. Als Philosoph dachte er viel ĂŒber das Sein nach und die sprachlichen Möglichkeiten, die Ergebnisse verstĂ€ndlich und möglichst fesselnd zu Papier zu bringen. Kein einziges Wort zu verwenden, das nicht jedermann versteht, war sein Anspruch, und das gelang ihm schon 2001 in seinem wissenschaftlichen Hauptwerk «Das Handwerk der Freiheit». Es folgten zahlreiche Abhandlungen, die unter anderem um die Themen Freiheit, Selbstbestimmung, Sprache und Ausdruck kreisten.

«Philosophie fĂŒr Nichtakademiker»

Bieri wurde in Bern geboren. Er orientierte sich nach Deutschland, studierte Philosophie, Anglistik und Indologie in Heidelberg. Er lehrte an verschiedenen UniversitÀten, zuletzt an der Freien UniversitÀt Berlin Philosophie. Er erhielt unter anderem den Marie-Luise-Kaschnitz-Preis (2006) und die Lichtenberg-Medaille der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (2007).

Oft gelang dem Schweizer eine «seltene Synthese, nĂ€mlich philosophisches Denken erzĂ€hlerisch zur Darstellung zu bringen», schrieb die «Neue ZĂŒrcher Zeitung» (NZZ) 2013 ĂŒber den Wahl-Berliner. Damit gleiche sein Werk auch einer Art «Philosophie fĂŒr Nichtakademiker». FĂŒr die «FAZ» war er kein «reiner Fachphilosoph mit unterhaltsamer Freizeitverwendung in der Schmökerzone». Bieris AufsĂ€tze mit Titeln wie «Sind die Dinge farbig?» oder «Was macht Bewusstsein zu einem RĂ€tsel?» zeigten, dass er die Philosophie als Beitrag zur Problemlösung nutzte.

Bieri war von Sprachen fasziniert. Er beherrschte neben Deutsch Französisch, Englisch, Latein, HebrÀisch sowie Sanskrit und begann in spÀten Jahren Russisch und Arabisch zu lernen.

@ dpa.de