Stark-Watzinger, StaatssekretÀrin

Stark-Watzinger trennt sich von StaatssekretÀrin

17.06.2024 - 00:07:41

Wegen belastender E-Mails nach Uni-Protesten gegen den Gaza-Krieg schickt die Bundesbildungsministerin eine Spitzenbeamtin in den einstweiligen Ruhestand. Kritiker sprechen von einem «Bauernopfer».

  • Auf das «Statement von Lehrenden an Berliner UniversitĂ€ten» hatte Stark-Watzinger entsetzt reagiert. - Foto: Michael Kappeler/dpa

    Michael Kappeler/dpa

  • Soll in den einstweiligen Ruhestand versetzt werden: Sabine Döring. - Foto: Harald Tittel/dpa

    Harald Tittel/dpa

Auf das «Statement von Lehrenden an Berliner UniversitÀten» hatte Stark-Watzinger entsetzt reagiert. - Foto: Michael Kappeler/dpaSoll in den einstweiligen Ruhestand versetzt werden: Sabine Döring. - Foto: Harald Tittel/dpa

Die Entscheidung von Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger, sich im Zuge einer Fördergeld-AffĂ€re von ihrer StaatssekretĂ€rin Sabine Döring zu trennen, ist auf ein geteiltes Echo gestoßen. Vom Koalitionspartner SPD wird der Schritt begrĂŒĂŸt. Unionspolitiker kritisieren ihn scharf, sprechen von einem Bauernopfer und fordern Stark-Watzinger dazu auf, selbst zurĂŒckzutreten.

Die FDP-Politikerin hatte mitgeteilt, dass sie Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) darum gebeten habe, ihre StaatssekretĂ€rin in den einstweiligen Ruhestand zu versetzen. Hintergrund sind öffentlich gewordene E-Mails aus ihrem Ministerium, bei denen es um den Umgang mit einem offenen Brief von Berliner Hochschullehrern ging, die die RĂ€umung eines Protestcamps propalĂ€stinensischer Demonstranten an der FU Berlin kritisiert hatten. Erwogen wurde in den E-Mails demnach die Streichung von Fördermitteln fĂŒr die Briefschreiber.

Kontroverse um Berliner Protestbrief nach RĂ€umung von Camp

Die AffÀre steht im Kontext der gesellschaftlichen Kontroverse, die sich nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober und im Zuge des folgenden Gaza-Krieges auch in Deutschland entwickelt hat. An UniversitÀten kam es zu Protesten. Im Mai hatten mehr als 100 Dozenten mehrerer Berliner Hochschulen einen offenen Brief geschrieben und darin die RÀumung eines Protestcamps propalÀstinensischer Demonstranten an der Freien UniversitÀt Berlin kritisiert.

«UnabhĂ€ngig davon, ob wir mit den konkreten Forderungen des Protestcamps einverstanden sind, stellen wir uns vor unsere Studierenden und verteidigen ihr Recht auf friedlichen Protest, das auch die Besetzung von Uni-GelĂ€nde einschließt», schrieben sie.

Stark-Watzinger hatte das Schreiben kritisiert und ist nach eigener Aussage «bis heute fassungslos, wie einseitig in diesem Brief der Terror der Hamas ausgeblendet wurde. Und wie dort etwa pauschal gefordert wurde, Straftaten an den UniversitĂ€ten nicht zu verfolgen, wĂ€hrend gleichzeitig antisemitische Volksverhetzung und gewalttĂ€tige Übergriffe gegen jĂŒdische MitbĂŒrgerinnen und MitbĂŒrger zu beobachten sind», wie sie schrieb. Über die Haltung der Ministerin und die der Hochschullehrer, die den Brief gezeichnet hatten, wird seit Wochen vor allem in sozialen Netzwerken kontrovers diskutiert.

E-Mails belasten Ministerin

Die Ministerin geriet nun selbst in den Fokus, nachdem das ARD-Magazin «Panorama» in der vergangenen Woche E-Mails veröffentlichte, aus denen hervorging, dass jemand an hoher Stelle im Ministerium um PrĂŒfung gebeten hatte, inwieweit Aussagen im Protestbrief der Berliner Hochschullehrer strafrechtlich relevant sind und ob das Ministerium als Konsequenz Fördermittel streichen könnte.

Aus dem Mailwechsel ergibt sich dem Bericht zufolge, dass Mitarbeiter des Ministeriums Bedenken gegen eine solche PrĂŒfung Ă€ußerten. Aber schon solche ErwĂ€gungen sind nach Ansicht von Kritikern ein Eingriff in die vom Grundgesetz garantierte Freiheit der Wissenschaft.

Stark-Watzinger Ă€ußerte sich zunĂ€chst nicht und teilte dann am Sonntagabend mit, dass es tatsĂ€chlich eine solche PrĂŒfbitte bei den zustĂ€ndigen Fachreferaten ihres Ministeriums gab und dass dieser PrĂŒfauftrag von StaatssekretĂ€rin Döring veranlasst worden sei. Als Konsequenz muss diese jetzt ihren Posten rĂ€umen.

Nach eigenen Angaben erfuhr Stark-Watzinger von der betreffenden E-Mail am vergangenen Dienstag. «Ich verteidige die Wissenschaftsfreiheit in jede Richtung. Wissenschaftsförderung erfolgt nach wissenschaftlichen Kriterien, nicht nach politischer Weltanschauung. Das ist ein Kernprinzip der Wissenschaftsfreiheit», teilte sie mit.

Prien spricht von «Bauernopfer»

Diskutiert wird nun darĂŒber, ob dies fĂŒr die Ministerin ein Befreiungsschlag sein kann. Schleswig-Holsteins Bildungsministerin und CDU-Vize Karin Prien - die Bildungsministerin Stark-Watzinger auch bei anderen Themen immer wieder hart kritisiert - schrieb bei X, Döring werde «zum Bauernopfer gemacht», damit zeige sich Politik von ihrer hĂ€sslichen Seite. «Bundesministerin Stark-Watzinger hat recht: Ein personeller Neuanfang im BMBF ist notwendig. Sie muss diesen Schritt jetzt selbst vollziehen», erklĂ€rte der bildungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Thomas Jarzombek.

Der Koalitionspartner SPD begrĂŒĂŸte zunĂ€chst den Schritt der Ministerin: «Es ist gut, dass Bundesministerin Stark-Watzinger jetzt aufklĂ€rt und schwerwiegende Konsequenzen zieht. Nun muss verloren gegangenes Vertrauen zurĂŒckerkĂ€mpft und sichergestellt werden, dass sich solche VorgĂ€nge nicht wiederholen und Förderentscheidungen so wie bisher ausschließlich wissenschaftsgeleitet sind», schrieb der bildungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Oliver Kaczmarek bei X. Wissenschaftsfreiheit sei nicht verhandelbar und das Fundament auch fĂŒr die Zusammenarbeit in der Ampel-Koalition.

Ähnlich Ă€ußerte sich der Vorsitzende des Bundestagbildungsausschusses, Kai Gehring (GrĂŒne). Die Leitung des Ministeriums «hat den schwerwiegenden Vorgang intern aufgearbeitet und ist dabei zu der Entscheidung gelangt, dass personelle Konsequenzen unausweichlich waren», sagte er. Es sei wichtig, dass sich die Spitze des Hauses klar zur Wissenschaftsfreiheit bekannt habe. «Dieser klare Weg muss nun glaubwĂŒrdig fortgesetzt werden, um verloren gegangenes Vertrauen wiederherzustellen.»

@ dpa.de