Neue Wege fĂŒr Notfallpatienten - Telefon und Tresen
06.06.2024 - 15:36:56Das ĂŒberlastet Notaufnahmen und heiĂt oft stundenlanges Warten. Die Ampel-Koalition plant deswegen eine Reform, fĂŒr die nun ein Gesetzentwurf vorliegt. Das Ziel: eine stĂ€rkere Steuerung von Patientinnen und Patienten je nach Dringlichkeit des Anliegens ĂŒber zentrale Stellen in Kliniken und ĂŒberall per Telefon. Von HausĂ€rzten, PatientenschĂŒtzern und aus der Opposition wurden Zweifel laut.
Der GrĂŒnen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte der Deutschen Presse-Agentur, es gehe um die richtige Notfallversorgung zur richtigen Zeit am richtigen Ort. "Menschen die durch eine plötzliche Erkrankung oder eine Verletzung akute medizinische Hilfe brauchen, sind oft mit einem unĂŒbersichtlichen Dschungel wenig abgestimmter und zunehmend unzuverlĂ€ssiger Strukturen der Notfallversorgung konfrontiert." Inzwischen litten Patienten wie Personal unter diesem "ineffizienten Flickenteppich". Die Reform sorge daher fĂŒr eine bessere Patientensteuerung, einheitliche Schnittstellen und Standards und eine verlĂ€ssliche QualitĂ€t.
Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte im Januar bereits Eckpunkte dafĂŒr vorgestellt. Die GesetzesplĂ€ne sollen generell darauf zielen, "Fehlsteuerungen" abzustellen und eine bessere Vernetzung der beteiligten Versorgungsbereiche zu erreichen, wie es in dem Referentenentwurf heiĂt, der der dpa vorliegt. Dabei geht es vor allem um zwei Zugangswege auĂerhalb der normalen Praxisöffnungszeiten:
Wenn Patientinnen und Patienten anrufen,
... sollen sie unter einer bundesweiten Nummer eine ErsteinschĂ€tzung zum weiteren Vorgehen bekommen. DafĂŒr sollen "Akutleitstellen" als zentrale erste Anlaufstelle fĂŒr Personen aufgebaut werden, die von einer sofortigen Behandlungsnotwendigkeit ausgehen, wie es im Entwurf heiĂt. Vermittelt werden soll man dann primĂ€r in regulĂ€re Praxen oder auch eine Videosprechstunde oder einen Hausbesuch bekommen - Ăberweisung nicht erforderlich. Bei lebensbedrohlichen NotfĂ€llen sollen Anrufe sofort an die Rettungsleitstelle weitergestellt werden. Dazu sollen der Notruf 112 und die bisherige Terminvermittlungs-Hotline 116 117 vernetzt werden.
Abgesichert werden soll gesetzlich auch, dass Anruferinnen und Anrufer nicht in langen Warteschleifen hĂ€ngen bleiben. Bei 75 Prozent aller Anrufe soll die Wartezeit auf eine ErsteinschĂ€tzung demnach maximal drei Minuten betragen dĂŒrfen, bezogen auf 95 Prozent aller Anrufe dĂŒrfen es höchstens zehn Minuten sein. Das soll auch vermeiden, dass dann direkt der Notruf 112 gewĂ€hlt wird. Bisher mĂŒssten Menschen in Not unterschiedliche Notfallnummern wĂ€hlen und landeten hĂ€ufig am Ende beim Rettungsdienst, erlĂ€uterte GrĂŒnen-Experte Dahmen. Dann kĂ€men sie meist doch in die Notaufnahme und schlussendlich viel zu oft ein paar Tage ins Krankenhaus.
Wenn Patientinnen und Patienten direkt in die Klinik gehen,
... sollen sie kĂŒnftig an vielen Standorten an einem Empfangstresen zunĂ€chst eine ErsteinschĂ€tzung bekommen, wohin es fĂŒr sie weitergeht - in die Notaufnahme oder eine nahe Notdienstpraxis. Als Rahmen dafĂŒr sollen bundesweit "integrierte Notfallzentren" in der Regie von Kliniken aufgebaut werden, an manchen Standorten auch fĂŒr Kinder und Jugendliche. Die Notdienstpraxis soll an Wochenenden und Feiertagen mindestens von 9.00 bis 21.00 Uhr offen sein, Mittwoch und Freitag von 14.00 bis 21.00 Uhr und Montag, Dienstag und Donnerstag von 18.00 bis 21.00 Uhr.
AuĂerhalb dieser Spannen sollen wĂ€hrend der ĂŒblichen Sprechzeiten angebundene Kooperationspraxen die ambulante Akutversorgung abdecken - in der ĂŒbrigen Zeit ĂŒbernimmt dann die Notaufnahme des Krankenhauses. Bei der Wahl der Standorte dieser "integrierten Notfallzentren" soll unter anderem die Erreichbarkeit bedacht werden. Als Anreiz, zuerst bei der "Akutleitstelle" anzurufen, sollen Patienten dann am zentralen Tresen bei gleicher Dringlichkeitsstufe vorrangig behandelt werden.
Kosten und Kritik
Mehrkosten zur Umsetzung des neuen Systems stĂŒnden erhebliche Entlastungen der gesetzlichen Krankenkassen gegenĂŒber, heiĂt es im Gesetzentwurf. Sie ergĂ€ben sich durch bessere Steuerung und damit eine bedarfsgerechte Inanspruchnahme von Notdiensten. Insgesamt könne durch die Reform "langfristig mit jĂ€hrlichen Minderausgaben von knapp einer Milliarde Euro gerechnet werden".
Mit Blick auf die Umsetzung wurden umgehend Bedenken laut. Der HausĂ€rztinnen- und HausĂ€rzteverband erklĂ€rte, dass es eine Reform mit mehr Patientensteuerung brauche, sei unbestreitbar. So wie geplant werde sie aber scheitern. Denn es sollten "Parallelstrukturen" mit Personal aufgebaut werden, das es schlicht nicht gebe. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz mahnte einheitliche Anlaufpunkte fĂŒr Patienten an. "Dabei mĂŒssen Erreichbarkeit, Standard, QualitĂ€t und die Zusammensetzung des Personals auf gleichem Niveau sein", sagte Vorstand Eugen Brysch.
Der Unions-Gesundheitsexperte Tino Sorge sagte, mehr Telemedizin und eine bessere ErsteinschĂ€tzung und Steuerung seien ebenso ĂŒberfĂ€llig wie eine stĂ€rkere Vernetzung zwischen Ă€rztlichen Notdiensten, Notaufnahmen und Rettungsdiensten. Es wĂ€re aber dringend nötig gewesen, die Reform gemeinsam mit der vorgesehenen Neuaufstellung der Kliniken anzugehen. "Inmitten der Ungewissheit, welche HĂ€user nach der Krankenhausreform ĂŒberhaupt weiterbestehen werden, werden die neuen integrierten Notfallzentren nur schwer planbar sein", warnte der CDU-Politiker.

