Rechtsextremisten, Sicherheitsbehörden

364 mutmaßliche Rechtsextremisten in Sicherheitsbehörden

01.07.2024 - 14:12:40

Wenn Polizisten oder Mitarbeiter von Nachrichtendiensten mit extremistischen Äußerungen auffallen, schrillt die Alarmglocke. Ein Bericht zeigt: Es sind weniger als ein Prozent der BeschĂ€ftigten.

Das Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz (BfV) hat sich innerhalb von eineinhalb Jahren mit insgesamt 739 FĂ€llen von Mitarbeitern der Sicherheitsbehörden beschĂ€ftigt, zu denen Hinweise auf mögliche rechtsextremistische Einstellungen und AktivitĂ€ten aufgetaucht sind. In rund jedem zweiten Fall (49 Prozent) seien tatsĂ€chliche Anhaltspunkte fĂŒr Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gefunden worden, stellt der Verfassungsschutz in seinem aktuellen Lagebericht zu Rechtsextremisten in den Sicherheitsbehörden fest. Der Bericht betrachtet den Zeitraum vom 1. Juli 2021 bis zum 31. Dezember 2022 und nimmt sowohl die Landesbehörden als auch die des Bundes in den Blick.

Am hĂ€ufigsten festgestellt wurden den Angaben zufolge extremistische Äußerungen in sozialen Medien oder Chats, politisch motivierte Beleidigungen sowie Kontakte zu oder Mitgliedschaften in extremistischen Organisationen und Parteien oder deren UnterstĂŒtzung. Nur in wenigen FĂ€llen seien gewaltorientierte Handlungen aufgefallen.

Von insgesamt 364 BeschĂ€ftigten, bei denen es konkrete Anhaltspunkte fĂŒr VerstĂ¶ĂŸe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gab, waren 175 bei den Bundessicherheitsbehörden beschĂ€ftigt. 189 FĂ€lle entfielen laut Bericht auf die Landesbehörden. Das Bundesinnenministerium weist allerdings darauf hin, dass sich sowohl bei den VerdachtsfĂ€llen als auch bei den FĂ€llen, in denen sich tatsĂ€chliche Anhaltspunkte fanden, jeweils zu mehr als der HĂ€lfte um FĂ€lle handelt, die bereits im zurĂŒckliegenden Lagebericht ausgewiesen wurden. Grund dafĂŒr sei die bislang oft lange Dauer der Disziplinar- und arbeitsrechtlichen Verfahren. FĂŒr den Bund könnten diese durch die am 1. April in Kraft getretene Reform des Bundesdisziplinargesetzes beschleunigt werden. 

Gefahr durch Soldaten und Polizisten im «ReichsbĂŒrger»-Milieu

«Es sind gemessen an mehr als 384 000 BeschĂ€ftigten allein im Bund wenige FĂ€lle», betont Faeser. Trotzdem sei es wichtig, dass hier genau hingeschaut werde. Durch eine gute Zusammenarbeit zwischen Landes- und Bundesbehörden seien auch extremistische Sachverhalte entdeckt worden, die dem Verfassungsschutzverbund bisher unbekannt gewesen seien, berichtet BfV-PrĂ€sident Thomas Haldenwang. Er sagte: «Welche konkreten Gefahrenpotenziale von Extremisten ausgehen, die im öffentlichen Dienst tĂ€tig sind oder waren, hat die "ReichsbĂŒrger"-Gruppierung um Heinrich XIII. Prinz Reuß gezeigt.» 

Reuß und seinen mutmaßlichen Mitverschwörern wird vorgeworfen, Mitglieder einer terroristischen Vereinigung gewesen zu sein beziehungsweise diese unterstĂŒtzt zu haben. Es soll ein bewaffneter Umsturz geplant gewesen sein. Dabei sollen die Mitglieder der Gruppe bewusst Tote in Kauf genommen, so die Anklage. 

Weniger VerdachtsfÀlle durch mangelndes Problembewusstsein

Die von Haldenwangs Behörde veröffentlichten Zahlen bilden allerdings nicht nur den Umfang des PhÀnomens in den Sicherheitsbehörden des jeweiligen Bundeslandes ab, sondern auch das Problembewusstsein, das jeweils vor Ort herrscht. Mit anderen Worten: Wo Vorgesetzte eher wegschauen oder rechtsextreme VorfÀlle verharmlosen, gibt es automatisch weniger VerdachtsfÀlle.

Den höchsten Anteil aktenkundiger VerdachtsfÀlle weist - gemessen an der Zahl der BeschÀftigten - mit 0,67 Prozent Berlin auf. In der Bundeshauptstadt war im August 2020 ein «Konzept zur internen Vorbeugung und BekÀmpfung von möglichen extremistischen Tendenzen» vorgestellt worden, wonach Mitarbeiter verpflichtet sind, entsprechende Sachverhalte zu melden. In Hessen lag der Anteil bei 0,2 Prozent, in Sachsen bei 0,13 Prozent.

Gewerkschaft fordert mehr UnterstĂŒtzung fĂŒr zu Unrecht Beschuldigte 

Bei der Bundespolizei, die im betrachteten Zeitraum rund 54 000 BeschĂ€ftigte hatte, kamen den Angaben zufolge 16 FĂ€lle hinzu. Beim Bundeskriminalamt (BKA) und dem Bundesnachrichtendienst (BND), wo deutlich weniger Beamte arbeiten, fielen jeweils zwei mutmaßliche Rechtsextremisten auf. Unter den 263 000 Menschen, die im GeschĂ€ftsbereich des Verteidigungsministeriums tĂ€tig waren, wurden in den eineinhalb Jahren 53 sogenannte AltfĂ€lle sowie 75 neue FĂ€lle betrachtet.

Beamtinnen und Beamte, die sich nicht auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung bewegen, mĂŒssten so schnell wie rechtsstaatlich möglich aus dem Dienst ausscheiden, sagt der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke. «BeschĂ€ftigte des öffentlichen Dienstes mĂŒssen populistischen, rassistischen und extremistischen EinflĂŒssen gegenĂŒber resilient sein», betont er. Wichtig sei jedoch auch, dass der Dienstherr bei falschen VerdĂ€chtigungen und nicht gerechtfertigten Disziplinarverfahren fĂŒr eine komplette Rehabilitation, der zu Unrecht Beschuldigten sorge. 

 

@ dpa.de