Jeder dritte Polizist erlebt Rassismus von Kollegen
19.09.2024 - 13:29:28Etwa jeder dritte Polizeibeamte hat im Dienst binnen eines Jahres rassistische ĂuĂerungen von Kollegen wahrgenommen. Das geht aus dem Abschlussbericht einer von der Bundesregierung beauftragten groĂangelegten Studie zum Alltag und zu den Einstellungen bei der Polizei hervor. Bei zwei zeitlich versetzten Online-Befragungen gaben einmal 67 Prozent der Teilnehmenden an, solche ĂuĂerungen im zurĂŒckliegenden Jahr nie gehört zu haben. Bei der zweiten Befragung waren es 68 Prozent. Die Wissenschaftler hatten die Polizeibeamten aus Bund und LĂ€ndern nach ihren Beobachtungen sowohl zum Umgang von Kollegen mit BĂŒrgern als auch mit anderen Polizisten und Polizistinnen gefragt.
Sexistische ĂuĂerungen sind relativ hĂ€ufigÂ
Sexistische ĂuĂerungen im Jahr vor der Befragung fielen laut Studie etwas mehr als 40 Prozent der teilnehmenden Polizistinnen und Polizisten auf. Zehn Prozent von ihnen gaben an, dies sei binnen eines Jahres in mehr als zehn FĂ€llen vorgekommen. Drei Prozent der Befragten berichteten, sie hĂ€tten im zurĂŒckliegenden Jahr korruptes Verhalten von Kollegen beobachtet. Aus dem Ergebnis der Online-Befragung lĂ€sst sich die Zahl der VorfĂ€lle nicht direkt ableiten, da das Fehlverhalten eines Beamten womöglich von mehreren seiner Kollegen beobachtet wird.Â
Die Befragten, denen rassistische ĂuĂerungen, Sexismus oder korruptes Verhalten aufgefallen war, unternahmen dagegen persönlich meist nichts, heiĂt es in der Studie. Sexuelle Ăbergriffe wurden von den Befragten mit etwa zehn Prozent am hĂ€ufigsten angezeigt. Die Autoren der Studie weisen allerdings darauf hin, dass eine individuelle Reaktion nicht bedeutet, dass das Delikt nicht angezeigt worden ist, da die Anzeige auch durch Dritte erfolgen könne. Auch war lediglich nach dem eigenen Verhalten bei der letztmaligen Beobachtung eines solchen Vorfalls gefragt worden.Â
Muslimfeindlichkeit hat zugenommen
Die Deutsche Hochschule der Polizei fragte fĂŒr die Studie auch nach der Einstellung der Beamten in Bezug auf Minderheiten und Autoritarismus. Im Abschlussbericht heiĂt es dazu: «Man findet wenige Hinweise auf radikale Positionen, aber einige EindrĂŒcke, die auf Verunsicherungen und uneindeutige Positionen schlieĂen lassen.» Auch zeigen die Studienergebnisse, dass problematische Einstellungen zugenommen haben: Beispielsweise stellten die Forscherinnen und Forscher bei der ersten Erhebung zwischen November 2021 und Oktober 2022 bei elf Prozent der Befragten Muslimfeindlichkeit fest. Bei der zweiten Befragung, die zwischen November 2023 und MĂ€rz 2024 lief, waren es 17 Prozent. Ein Anstieg war auch zu beobachten bei Chauvinismus und Autoritarismus. Die Ablehnung von Asylsuchenden stieg demnach von 30 Prozent auf 42 Prozent.Â
«Es gibt null Toleranz gegenĂŒber Rechtsextremismus, Rassismus und anderen Formen von Menschenfeindlichkeit», kommentierte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) die Ergebnisse der Studie, die ihr AmtsvorgĂ€nger Horst Seehofer (CSU) in Auftrag gegeben hatte. Sie fĂŒgte hinzu: «Wir wollen eine transparente Fehlerkultur stĂ€rken und der Entstehung und Verfestigung von Vorurteilen und Diskriminierungen konsequent entgegentreten.»Â
Die Ministerin betonte gleichzeitig, Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte seien Tag und Nacht unter schwierigen, manchmal lebensgefĂ€hrlichen Bedingungen im Einsatz. Sie verteidigten Rechtsstaat und Demokratie und verdienten dafĂŒr Respekt und WertschĂ€tzung.
Zu viel BĂŒrokratie wird als Belastung empfunden
Als motivierend in ihrem Berufsalltag erleben deutsche Polizisten laut der Studie Erlebnisse, die mit KollegialitĂ€t, Erfolgen und erfahrener WertschĂ€tzung fĂŒr die eigene Arbeit zu tun haben. Belastende Faktoren sind demnach schwierige FĂ€lle wie Todesermittlungen oder Straftaten gegen Kinder. Aber auch empfundener Personalmangel, viel BĂŒrokratie und «Vergeblichkeitserfahren», etwa mit Blick auf Ergebnisse von Strafverfahren, sind laut dem Bericht hĂ€ufig Anlass fĂŒr Frustration.
«Deutlich wird, dass der Personalmangel in der Polizei keine gewerkschaftliche Erfindung ist, sondern diesen unsere Kolleginnen und Kollegen jeden Tag an ihren vielfĂ€ltigen ArbeitsplĂ€tzen hautnah erleben», sagte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke. Mangelnde Personalressourcen fĂŒhrten zu steigenden Belastungen und erhöhten KrankenstĂ€nden. «Wie dringend eine StĂ€rkung der gesamten Rechtsstaatskette ist, zeigen teils ernĂŒchternde Sichtweisen auf die Wirksamkeit der eigenen Arbeit.» Verfahrenseinstellungen aus Personalnot senkten die Motivation der BeschĂ€ftigten. «Das muss ein baldiges Ende haben», forderte Kopelke.Â
Er vermisse auĂerdem einen ganzheitlichen, wissenschaftlichen Ansatz, was das zunehmende Risiko von PolizeibeschĂ€ftigten, Opfer aggressiver Angriffe zu werden, betrifft, kritisierte der Gewerkschaftsvorsitzende. Konsequente und harte Strafen allein seien hier nicht ausreichend.Â









