Wolfgang Benz: Linke ist nach Berlin-Wahl nicht antisemitisch
Veröffentlicht am: 25.09.2026 um 05:00 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSDer Historiker und Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz nimmt die Linke in der Debatte nach der Berliner Abgeordnetenhauswahl gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz. Die Partei hatte die Wahl mit 25,7 Prozent gewonnen und steht vor möglichen Sondierungen mit Grünen und SPD.
Benz ordnet Parole als politische Feindschaft ein
„Es gibt in ihr, besonders in Neukölln, jede Menge Palästinenser und Muslime, die garstige Worte gegen das Land Israel gebrauchen“, sagte Benz dem „Tagesspiegel“ (Freitagsausgabe). Anlass ist unter anderem eine Wahlkampfveranstaltung der Linken in Neukölln, bei der die Parole „Death to the IDF“ – „Tod der israelischen Armee“ – zu hören war.
„Das ist kein Antisemitismus, das ist keine Judenfeindschaft, sondern eine politische Feindschaft gegen die Besatzungsmacht Israel“, sagte Benz dazu. Sein Schluss lautet: „Die Linke ist nicht antisemitisch.“
Forderung nach klarer Reaktion der Parteiführung
Nach dem Wahlsieg hatten jüdische Verbände, darunter der Zentralrat der Juden, vor einer Koalition mit der Linken gewarnt und erklärt, um die Sicherheit jüdischer Menschen in Berlin zu fürchten. Benz wies das zurück: Die Sicherheit von Juden in Berlin sei „ja nun nicht durch die Linke bedroht“; keine Minderheit werde „so gut durch die Polizei geschützt“.
Gleichzeitig verlangte der Historiker von der Linken eine unmissverständliche Reaktion auf problematische Aussagen. Sie müsse „in jedem Einzelfall, mit dem notwendigen Radau, klar machen, dass das nicht erlaubt ist“. Die Parteiführung müsse „das größte Interesse daran haben, diese Klientel loszuwerden oder denen aufs Maul zu hauen“.
Die Aussage fällt in eine aufgeheizte Debatte über die politische Einordnung israelkritischer und israelfeindlicher Äußerungen innerhalb der Berliner Linken. Auslöser ist der Wahlsieg der Partei bei der Abgeordnetenhauswahl mit 25,7 Prozent; rechnerisch kann sie gemeinsam mit Grünen und SPD eine Regierung bilden.
Im Zentrum steht die Abgrenzung zwischen legitimer Kritik an der israelischen Regierung, politischer Gegnerschaft zu Israels Militär und Antisemitismus. Benz ordnet die Parole „Death to the IDF“ als politische Feindschaft gegen eine Besatzungsmacht ein und nicht als Judenfeindschaft. Zugleich verlangt er von der Linken, problematische Äußerungen in jedem Einzelfall klar zurückzuweisen. Damit benennt er eine Spannung, die für die mögliche Regierungsbildung entscheidend ist: Eine Partei kann sich gegen Antisemitismus positionieren, muss aber zugleich glaubhaft zeigen, dass sie auch israelfeindliche oder entmenschlichende Aussagen nicht duldet.
Koalitionsfrage und jüdische Stimmen
Die Debatte wird durch unterschiedliche jüdische Perspektiven geprägt. Der Zentralrat der Juden hat vor einer Regierungsbeteiligung der Linken gewarnt, während sich mehr als 150 Berliner Jüdinnen und Juden in einem offenen Brief für ein rot-rot-grünes Bündnis ausgesprochen haben. Die Kontroverse zeigt, dass jüdische Stimmen keineswegs geschlossen auftreten und dass die Sicherheitsdebatte eng mit der Berliner Koalitionssuche verbunden ist.
Für SPD und Grüne dürfte deshalb nicht nur die programmatische Zusammenarbeit zählen. Von der Linken werden konkrete Regeln zum Umgang mit antisemitischen Vorfällen, eine eindeutige Reaktion der Parteiführung und Schutz jüdischen Lebens erwartet. Die Frage, ob diese politischen und sicherheitspolitischen Zusagen ausreichend sind, gehört zu den zentralen Prüfsteinen der anstehenden Sondierungen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
taz: „Richtungsstreit nach der Wahl in Berlin: Jüdische Unterstützung für Linksbündnis“ (24.09.2026)
Der Artikel berichtet über einen offenen Brief von mehr als 150 Berliner Jüdinnen und Juden, die der Einschätzung widersprechen, eine Regierungsbeteiligung der Linken gefährde jüdisches Leben. Anders als Benz konzentriert sich der Beitrag auf die innerjüdische Kontroverse und die Folgen für die Koalitionsbildung.
rbb24: „Antisemitismus-Diskussion: Linke prüft Partei-Ausschluss von Palästina-Aktivistin“ (23.09.2026)
rbb24 stellt die innerparteilichen Konsequenzen und die Forderung nach klarer Abgrenzung von antisemitischen Positionen in den Mittelpunkt. Damit ergänzt der Beitrag Benz’ grundsätzliche Einordnung um die praktische Frage, wie die Linke mit konkreten Fällen und möglichen Parteiausschlüssen umgehen will.
Gemeinsam ist den Beiträgen die zentrale Bedeutung des Themas für die Regierungsbildung in Berlin. Unterschiede bestehen bei der Bewertung des Risikos für jüdisches Leben und bei der Frage, ob politische Israelkritik überwiegend als legitime Position oder als Grenzüberschreitung eingeordnet wird.
