Gipfel in Berlin â Europa strebt digitale SouverĂ€nitĂ€t an
16.11.2025 - 05:00:42Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Frankreichs PrĂ€sident, Emmanuel Macron, haben sich angekĂŒndigt zum Treffen der Digitalminister und IT-Fachleute in Berlin. Rund 900 Teilnehmer werden beim EuropĂ€ischen Gipfel zur Digitalen SouverĂ€nitĂ€t am Dienstag erwartet. Was lange Zeit ein Nischenthema fĂŒr IT-Fachleute war, steht inzwischen weit oben auf der politischen Agenda.Â
Denn viele Unternehmer und auch FĂŒhrungskrĂ€fte in der öffentlichen Verwaltung stellen sich die bange Frage: Wie sicher sind meine Daten in den Clouds groĂer US-Tech-Unternehmen wie Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure oder Google Cloud? Und könnte vielleicht eines Tages der Zugang zu meinem E-Mail-Konto blockiert sein? Hier geht es ausdrĂŒcklich nicht um Sorgen wegen möglicher Hackerangriffe, sondern um etwaige MaĂnahmen auf GeheiĂ der US-Regierung.Â
Kein Anti-US-Tech-Gipfel
Aus der Bundesregierung ist zwar zu hören, der Gipfel in Berlin richte sich nicht explizit gegen die USA. Doch vielleicht will man mit Blick auf bestehende AbhĂ€ngigkeiten und heikle Zollfragen auch einfach kein Ăl ins Feuer gieĂen.
Zugriff der US-Justiz?
Das 2022 vom Bundesinnenministerium gegrĂŒndete Zentrum fĂŒr Digitale SouverĂ€nitĂ€t in der Ăffentlichen Verwaltung hat diesen Sommer jedenfalls unter der Ăberschrift «US-Recht kennt keine Grenzen» folgenden Hinweis auf juristische Risiken veröffentlicht: «Durch Gesetze wie den CLOUD Act und FISA 702 unterliegen alle US-Cloud-Anbieter der Pflicht, Daten auch dann offenzulegen, wenn sie auĂerhalb der USA gespeichert sind.» Dasselbe gelte fĂŒr entsprechende verbindliche Anordnungen des US-PrĂ€sidenten. Die Amazon Web Services Cloud wird beispielsweise fĂŒr die Speicherung von Aufzeichnungen von Bodycams der Bundespolizei genutzt.
FISA 702 ermöglicht US-Geheimdiensten wie der NSA das Abfangen von Kommunikation, die von US-amerikanischen Unternehmen bereitgestellt wird. Der Cloud Act erlaubt US-Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden den Zugriff auf Daten, die von US-Unternehmen gespeichert werden, unabhĂ€ngig davon, wo sich die Daten physisch befinden â also auch in europĂ€ischen Rechenzentren.
Geopolitische Herausforderungen
«Die StĂ€rkung der europĂ€ischen digitalen SouverĂ€nitĂ€t ist fĂŒr die Bundesregierung wie auch fĂŒr die Regierungen der anderen EU-Mitgliedstaaten ein wichtiges Thema â gerade auch mit Blick auf die aktuellen geopolitischen Herausforderungen», sagt ein Sprecher des Digitalministeriums. Von dem Gipfel solle «das starke Signal ausgehen, dass sich Europa der Herausforderungen bewusst ist und die digitale SouverĂ€nitĂ€t engagiert vorantreibt».
FĂŒr das Zentrum fĂŒr Digitale SouverĂ€nitĂ€t ist es das erklĂ€rte Ziel, die «kritischen AbhĂ€ngigkeiten» der öffentlichen Verwaltung von groĂen, zumeist nicht-europĂ€ischen Software- und Cloud-Anbietern aufzulösen, deren Lösungen inzwischen fester Teil vieler staatlicher IT-Infrastrukturen geworden ist.
Ohne Cloud geht fast nichts mehr
Auch Unternehmen sind teils alarmiert. Laut einer im FrĂŒhsommer veröffentlichten Studie des Branchenverbands Bitkom, nutzen neun von zehn deutschen Unternehmen mit mindestens 20 Mitarbeitern Cloud-Dienste. Gleichzeitig sehen 78 Prozent der befragten FĂŒhrungskrĂ€fte und IT-Fachleute die enge Bindung an amerikanische Cloud-Anbieter kritisch. Der Wunsch nach leistungsstarken europĂ€ischen Alternativen ist daher groĂ â vorausgesetzt die gleichen Funktionen werden angeboten.
Die PrĂ€sidentin des Bundesamtes fĂŒr Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Claudia Plattner, hatte im August erklĂ€rt, der US-Cloud-Act sei eines von diversen Gesetzen in den USA, die dem Staat viele Zugriffsmöglichkeiten zubilligten. So etwas finde man auch in China. Die Antwort auf die Frage der Kontrolle sollte aber nicht politisch sein, sondern technologisch. «Es geht darum, sicherzustellen, dass ein Zugriff technisch nicht möglich ist», betont sie. Dabei gehe es insbesondere um VerschlĂŒsselung und die Frage, ob der Nutzer die Hoheit ĂŒber diese SchlĂŒssel habe.
Sven Kummer, GrĂŒnder eines Software-Unternehmens fĂŒr sicheren Newsletter-Versand aus Freiburg, sagt, es sei gut, dass versucht werde, die Nutzung groĂer US-Cloud-Dienstleister mit SicherheitsmaĂnahmen zu verknĂŒpfen. Cloud-Dienstleister dieser GröĂenordnung auch in Europa zu haben, wĂ€re «natĂŒrlich auch toll», sagt der GeschĂ€ftsfĂŒhrer von rapidmail. Und fĂŒgt bedauernd hinzu: «Das ist leider noch nicht der Fall.»Â
Der Serverstandort wird immer wichtiger
WĂ€hrend frĂŒher kaum ein Kunde habe wissen wollen, wo die Server von rapidmail stehen, sei das seit einigen Monaten die Frage, die seine Kundendienst-Mitarbeiter am hĂ€ufigsten beantworten mĂŒssten, berichtet Kummer. Die Antwort: In einem Rechenzentrum in Frankfurt am Main.
FĂŒr sein eigenes Unternehmen gelte: «Solange es irgendwie um Daten geht, die unseren Kunden gehören, dann hĂ€tte ich sie gerne so in Reichweite, dass ich auch wirklich mit Sicherheit unseren Kunden sagen kann: âHey, hier haben wir unsere Hand drauf, sonst ist es niemand, und das bleibt auch so.â» Seine Kunden sind vor allem kleine und mittelstĂ€ndische Unternehmen, Vereine, VerbĂ€nde oder auch Solo-Unternehmer. Sie erwarten von Kummer und seinem Team, dass ihre Newsletter gut aussehen, bei den EmpfĂ€ngern nicht im Spam-Ordner landen, dass alle Datenschutz-Regeln eingehalten werden und niemand Unbefugtes Zugriff auf sensible Daten hat â etwa auf die EmpfĂ€ngerlisten.Â
Einfach mal machen â in Deutschland schwierig
Seit 2021 gehört rapidmail zur deutsch-französischen Positive Group. Das Konzept, einfach einmal etwas auszuprobieren, zu gucken, ob es funktioniert und, wenn es nicht funktioniert, das NĂ€chste auszuprobieren, sei in Deutschland wegen der vielen Regularien nicht umsetzbar, sagt Kummer. «Das ist in den USA oder in anderen LĂ€ndern einfach deutlich einfacher, einfach mal was zu probieren.» BĂŒrokratieabbau und der Zugang zu Wagniskapital wĂ€ren aus seiner Sicht wichtig, damit Deutschland im internationalen Wettbewerb der Tech-Start-Ups aufholt â wichtiger als Förderung und riesige KI-Rechenzentren.





