BundeslÀnder melden starken Anstieg hÀuslicher Gewalt
18.06.2023 - 07:03:47Bundesweit wurden 179.179 Opfer polizeilich registriert, was einem Anstieg von 9,3 Prozent gegenĂŒber dem letzten Pandemie-Jahr 2021 entspricht, berichtet die "Welt am Sonntag". Als TĂ€ter werden Partner, Ex-Partner und Familienangehörige erfasst.
Zwei Drittel der Opfer sind Frauen. Die Dunkelziffer ist hoch, weil sich viele nicht trauen, Anzeige zu erstatten. Beim Vergleich der BundeslĂ€nder verzeichnet das Saarland mit 19,7 Prozent (3.178 Opfer) den stĂ€rksten Zuwachs. Dahinter kommen ThĂŒringen (plus 18,1 Prozent, 3.812 Opfer) und Baden-WĂŒrttemberg (plus 13,1 Prozent, 14.969 Opfer). Insgesamt melden 15 BundeslĂ€nder deutlich mehr Opfer. Deren Zahl sank nur im Land Bremen (minus 13,6 Prozent, 2.615 Opfer). Nordrhein-Westfalen weist 37.141 Opfer (plus 8,5 Prozent) aus. AuffĂ€llig ist, dass im bevölkerungsreichsten Bundesland die Zahl der Körperverletzungen bei hĂ€uslicher Gewalt im FĂŒnf-Jahres-Vergleich um 26,2 Prozent gestiegen ist. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte dazu: "Die ZĂŒndschnur ist bei vielen Menschen kĂŒrzer geworden und der allgemeine Ton rauer. Das gesellschaftliche Klima hat sich verĂ€ndert." Dies mache auch an den HaustĂŒren nicht Halt. "Zu Hause ist mehr Gewalt eingezogen." Die Daten der LĂ€nder flieĂen in ein Lagebild ein, das vom Bundeskriminalamt erstmals erstellt wird. Dessen PrĂ€sident Holger MĂŒnch, Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) und Familienministerin Lisa Paus (GrĂŒne) prĂ€sentieren es am 3. Juli in Berlin. Zudem lassen sie derzeit eine groĂe "Dunkelfeldstudie" erstellen. "HĂ€usliche Gewalt geschieht oftmals im verdeckten, im privaten Bereich. Scham- und SchuldgefĂŒhle der Betroffenen fĂŒhren hĂ€ufig dazu, dass die Taten im Dunkeln bleiben und nur selten polizeilich angezeigt werden. Dieses Dunkelfeld ist ungleich gröĂer als das Hellfeld", so Paus. Sie plant auch eine staatliche "Koordinierungsstelle", die hĂ€usliche Gewalt ressortĂŒbergreifend bekĂ€mpfen soll. Faeser fordert mehr Kontrollen der Polizei, wenn diese TĂ€ter nach gewaltsamen Ăbergriffen aus der Wohnung verwiesen hat. "Das muss konsequent kontrolliert werden, damit TĂ€ter nicht schnell wieder zurĂŒckkehren", sagte sie. Denn hĂ€usliche Gewalt sei keine Privatsache, sondern ein gravierendes gesellschaftliches Problem. "Gewalt fĂ€ngt nicht erst mit SchlĂ€gen oder Misshandlungen an: Es geht auch um Stalking und Psychoterror." Die PrĂ€sidentin des Deutschen Caritasverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, macht Nachwirkungen der Corona-Pandemie fĂŒr den Anstieg der Gewalt verantwortlich. "Offenkundig hat die angespannte Lebenssituation der Corona-Jahre sich in erhöhter familiĂ€rer Gewaltbereitschaft niedergeschlagen. Die finanziellen und gesundheitlichen Sorgen, die rĂ€umliche Enge, die Unsicherheit ĂŒber die Zukunft haben als eine Art Brandbeschleuniger fĂŒr Gewalt in Partnerschaft und Familie gewirkt", sagte sie. Mit dem Ende der Pandemie lasse sich das nicht einfach zurĂŒckdrehen. "Es sind Konfliktmuster entstanden, die schmerzlich fortwirken." Maria Loheide, VorstĂ€ndin Sozialpolitik bei der Diakonie, nannte die Zunahme bei den Gewaltopfern erschreckend. "Ein Grund fĂŒr den Anstieg könnte sein, dass das Bewusstsein fĂŒr hĂ€usliche Gewalt insgesamt gestiegen ist und nach den unsicheren Jahren der Pandemie Frauen jetzt eher FĂ€lle von Gewalt anzeigen", sagte sie der "Welt am Sonntag".
dts Deutsche Textservice Nachrichtenagentur GmbH


