Studie: Weniger als jede zehnte Gewalterfahrung wird angezeigt
10.02.2026 - 10:46:01Die Anzeigequoten sind demnach unabhĂ€ngig von der Form der verĂŒbten Gewalt durchgehend niedrig. Bei den meisten Gewaltformen liegt die Anzeigequote unter zehn Prozent. Innerhalb von (Ex-)Partnerschaften liegen die Anzeigequoten psychischer und körperlicher Gewalt sogar unter weniger als fĂŒnf Prozent.
Frauen sind meist hĂ€ufiger und stĂ€rker von partnerschaftlicher oder geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen als MĂ€nner, insbesondere bei sexuellen Ăbergriffen, sexueller BelĂ€stigung und Stalking. Insgesamt sind Frauen, junge Menschen, Personen mit Migrationshintergrund und Angehörige der queeren Community besonders oft von Gewalt betroffen.
"Die Zahlen machen sichtbar, was lange im Verborgenen lag: Das Dunkelfeld bei partnerschaftlicher und sexualisierter Gewalt ist riesig", sagte Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU). "Gewalt ist kein RandphÀnomen, sie betrifft Millionen Menschen in unserem Land. Fast jede sechste Person erlebt körperliche Gewalt in der Partnerschaft - und 19 von 20 Taten werden nicht angezeigt."
Dieses Schweigen sei kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck von Angst und offenbar fehlenden ZugĂ€ngen zu Hilfe, so Prien. "Genau deshalb bauen wir HĂŒrden ab und schaffen mit dem Gewalthilfegesetz ein verlĂ€ssliches, flĂ€chendeckendes Schutznetz. Wir mĂŒssen Gewalt verhindern, bevor sie entsteht. Schuld und Scham liegen immer bei den TĂ€tern, niemals bei den Betroffenen."
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) kĂŒndigte MaĂnahmen an. "Die Opfer brauchen Schutz und mĂŒssen sich frei bewegen können. Darum ist es gut, dass jetzt das spanische Modell der FuĂfessel auch in Deutschland kommt", sagte er. "Der Einsatz von K.o.-Tropfen wird kĂŒnftig so geahndet wie der Einsatz einer Waffe. Wir setzen frĂŒh an und klĂ€ren junge Menschen auf, an welcher Stelle Gewalt in der Partnerschaft beginnt. Es geht um mehr Schutz fĂŒr die Opfer und hĂ€rtere Strafen fĂŒr die TĂ€ter."
BKA-PrĂ€sident Holger MĂŒnch erklĂ€rte, dass mit der Studie erstmals umfassende geschlechterĂŒbergreifende Dunkelfelddaten zu Gewalterfahrungen in Deutschland vorlĂ€gen. "Mit dieser belastbaren Datenbasis trĂ€gt die Studie zu einer gezielten Weiterentwicklung von Schutz- und Hilfsangeboten bei", sagte er. "Gleichzeitig mĂŒssen wir dafĂŒr sorgen, dass mehr Betroffene den Mut finden, Gewalt anzuzeigen, um UnterstĂŒtzung zu erhalten."
Obwohl Frauen ĂŒber ihr gesamtes Leben stĂ€rker betroffen sind, zeigt die Betrachtung der letzten fĂŒnf Jahre, dass auch MĂ€nner vergleichsweise hĂ€ufig von psychischer Gewalt (MĂ€nner: 23,3 Prozent; Frauen: 23,8 Prozent) und insbesondere von kontrollierender Gewalt (MĂ€nner: 8,7 Prozent; Frauen: 7, 1 Prozent) betroffen sind. Von körperlicher Gewalt in einer (Ex-)Partnerschaft waren 16,1 Prozent in ihrem Leben und 5,7 Prozent innerhalb der letzten fĂŒnf Jahre betroffen. Bezogen auf die letzten fĂŒnf Jahre haben Frauen (5,2 Prozent) und MĂ€nner (6,1 Prozent) nahezu gleich hĂ€ufig körperliche Gewalt erfahren.
Neben dem Geschlecht spielt der Erhebung zufolge auch das Alter bei Gewalterfahrungen eine Rolle. Junge Menschen sind nahezu von allen Gewaltformen deutlich hĂ€ufiger betroffen als Ă€ltere Menschen. JĂŒngeren Personen widerfĂ€hrt Gewalt besonders hĂ€ufig durch sexuelle BelĂ€stigung, in Form von digitaler Gewalt und verabreichten K.O.-Tropfen.
Ein Teil der Bevölkerung berichtete den Studienautoren davon, in der Kindheit und Jugend schon einmal Gewalt durch Eltern oder Erziehungsberechtigte erlebt zu haben. Mehr als jede zweite junge Person ist der Studie zufolge von körperlicher Gewalt und mehr als jede dritte Person von psychischen Gewalterfahrungen betroffen. Fast jede vierte Person hat Gewalt zwischen den Erziehungsberechtigten miterlebt. Dabei wurden Personen, die Gewalt zwischen Erziehungsberechtigten erlebt haben, auch hÀufiger selbst Opfer von Gewalt durch Erziehungsberechtigte.
Sexuelle BelĂ€stigung hat der Erhebung zufolge bereits fast jede zweite Person (45,8 Prozent) in ihrem Leben erfahren. Mehr als ein Viertel (26,5 Prozent) der Befragten gab an, innerhalb der letzten fĂŒnf Jahre sexuelle BelĂ€stigung erlebt zu haben. Ăber ein Drittel der Frauen (34,7 Prozent) und etwa jeder siebte Mann (14,5 Prozent) war in den letzten fĂŒnf Jahren von sexueller BelĂ€stigung ohne Körperkontakt betroffen, bei sexueller BelĂ€stigung mit Körperkontakt liegen die Werte bei 14,5 Prozent (Frauen) und 4,6 Prozent (MĂ€nner). TĂ€ter sind ĂŒberwiegend fremde oder flĂŒchtig bekannte Personen.
Mehr als jede zehnte Person (11,2 Prozent) wurde laut der Dunkelfeldstudie in ihrem Leben Opfer eines sexuellen Ăbergriffs, innerhalb der letzten fĂŒnf Jahre waren es 2,7 Prozent der Befragten. Auch hier sind Frauen (4,0 Prozent) deutlich stĂ€rker betroffen als MĂ€nner (1,4 Prozent). Bei Frauen war der Ex-Partner bzw. die Ex-Partnerin am hĂ€ufigsten TĂ€ter bzw. TĂ€terin (46,5 Prozent), bei MĂ€nnern eine flĂŒchtig bekannte Person (33,3 Prozent).
Mehr als jede fĂŒnfte Person (21,2 Prozent) war in ihrem Leben von Stalking betroffen, innerhalb der letzten fĂŒnf Jahre waren es 9,0 Prozent. Auch hier sind etwas höhere PrĂ€valenzen bei Frauen zu beobachten: 10,6 Prozent der Frauen und 7,0 Prozent der MĂ€nner haben innerhalb der letzten fĂŒnf Jahre Stalking erfahren.
Jede fĂŒnfte Frau (20,0 Prozent) und jeder siebte Mann (13,9 Prozent) erlebte in den letzten fĂŒnf Jahren digitale Gewalt. Die Opfer sind vergleichsweise jung - so waren ĂŒber 60 Prozent der 16- bis 17-jĂ€hrigen Frauen und rund 33 Prozent der 16- bis 17-jĂ€hrigen MĂ€nner in den letzten fĂŒnf Jahren Opfer digitaler Gewalt.


