FIFA-PrĂ€sident Gianni Infantino bietet Reformen an â RĂŒckzug schlieĂt er aus
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 22:46 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
FIFA-PrĂ€sident Gianni Infantino hat nach anhaltender Kritik an seinem FĂŒhrungsstil den MitgliedsverbĂ€nden des WeltfuĂballs eine unabhĂ€ngige ĂberprĂŒfung der Verbandsstrukturen und GesprĂ€che ĂŒber mögliche Reformen angeboten, einen persönlichen RĂŒckzug aber ausgeschlossen.
Infantinos Reformangebot an die VerbÀnde
In einem Brief an die Chefs der 211 MitgliedsverbĂ€nde und die Mitglieder des FIFA-Councils kĂŒndigt der 56-jĂ€hrige Schweizer an, den Rat um eine externe Untersuchung des derzeitigen Governance-Systems fĂŒr groĂe strategische Projekte zu bitten. Zudem schlĂ€gt er eine direkte, strukturierte und zeitlich begrenzte Konsultation mit Konföderationen, VerbĂ€nden und weiteren Interessengruppen vor, um die Entscheidungsprozesse der FIFA zu stĂ€rken.
Diskutiert werden soll nach Infantinos Worten auch, wie die FIFA-Institutionen kĂŒnftig frĂŒher in groĂe Vorhaben eingebunden werden und welche Rolle der PrĂ€sident dabei einnimmt. Hintergrund ist der umstrittene VorstoĂ zur Vermarktung von WM-Rechten ĂŒber externe Investoren, der den Weltverbandschef im Sommer massiv unter Druck gebracht hatte.
Keine Abkehr von vierter Amtszeit
Gleichzeitig macht Infantino deutlich, dass er die FIFA auch ĂŒber den Kongress im MĂ€rz 2027 hinaus fĂŒhren will. In seinem Schreiben findet sich kein Hinweis auf einen Verzicht auf eine Kandidatur fĂŒr eine vierte Amtszeit, wie ihn Kritiker fordern. Zu diesen zĂ€hlen unter anderem UEFA-PrĂ€sident Aleksandar Ceferin und der Deutsche FuĂball-Bund mit PrĂ€sident Bernd Neuendorf, der dem FIFA-Council angehört.
Der FIFA-Chef betont stattdessen, er bleibe âvoll und ganzâ der FĂŒhrung des Weltverbands verpflichtet und sei zuversichtlich, was gemeinsam erreicht werden könne. Die Verantwortung bestehe aus seiner Sicht darin, die UnabhĂ€ngigkeit der FIFA zu schĂŒtzen, ihre Institutionen zu stĂ€rken und den Fortschritt des FuĂballs weltweit zu sichern. ReformvorschlĂ€ge, die bis zur Sitzung des FIFA-Rates am 15. Oktober eingereicht werden, sollen dort bereits diskutiert werden.
Opposition aus Europa und Nordamerika
Seit mehreren Wochen stehen vor allem die EuropĂ€ische FuĂball-Union UEFA und die VerbĂ€nde aus Nord- und Mittelamerika in offenem Gegensatz zu Infantino. Sie kritisieren die InvestorenplĂ€ne und fordern, strategische Entscheidungen nicht am Rat vorbei zu treffen. Einen eigenen Gegenkandidaten fĂŒr die PrĂ€sidentschaftswahlen 2027 haben die Oppositionslager bislang jedoch nicht benannt.
Ende August eskalierte der Streit, als mit einem möglichen Strafantrag vor Schweizer Gerichten im Zusammenhang mit den WM-InvestorenplĂ€nen gedroht wurde. Zuvor waren bei US-Gerichten Informationen ĂŒber die geplanten GeschĂ€fte angefragt worden. Mit seinem Brief reicht Infantino seinen Gegnern nun symbolisch die Hand und versichert, die Behandlung eines Verbands werde nicht von dessen Haltung zu VorschlĂ€gen oder institutionellen Fragen abhĂ€ngen.
Appell an Dialog und Respekt
Der FIFA-PrĂ€sident erklĂ€rt, er stehe weiterhin jedem Mitgliedsverband zur VerfĂŒgung und jeder habe das Recht, gehört zu werden. Einigkeit sei keine Voraussetzung fĂŒr Dialog, und Meinungsverschiedenheiten sollten nach seinen Worten den gegenseitigen Respekt nicht verhindern. Ob die kritischen VerbĂ€nde das Angebot annehmen, ist zunĂ€chst offen; eine Reaktion auf das Schreiben lag zunĂ€chst nicht vor.
Machtkampf um Geld und Einfluss
Der Brief von Gianni Infantino an die 211 MitgliedsverbĂ€nde fĂ€llt in eine Phase, in der der FIFA-PrĂ€sident unter erheblichem Druck steht. Auslöser ist insbesondere das inzwischen gestoppte Investorenprojekt zur Vermarktung von WM-Rechten, das viele VerbĂ€nde als Risiko fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit des Weltverbands und seine Wettbewerbe ansehen. Parallel fordern UEFA und CONCACAF inzwischen zusĂ€tzliche Finanzmittel fĂŒr ihre VerbĂ€nde und verweisen auf hohe FIFA-RĂŒcklagen im mehrstelligen Milliardenbereich.
Governance-Debatte im WeltfuĂball
Mit der nun vorgeschlagenen externen ĂberprĂŒfung der Governance und einer breit angelegten Konsultation reagiert Infantino auf diese Kritik, ohne seine eigene Machtbasis infrage zu stellen. Im Kern geht es darum, wie Entscheidungen ĂŒber strategische GroĂprojekte kĂŒnftig vorbereitet und getroffen werden â und ob der PrĂ€sident alleine entscheidende Weichen stellt oder die Gremien frĂŒher und verbindlicher eingebunden werden. Die Auseinandersetzung zeigt, dass Fragen nach Transparenz, Kontrolle und Interessenausgleich lĂ€ngst ĂŒber Europa hinausreichen und mehrere Konföderationen betreffen.
Bedeutung fĂŒr VerbĂ€nde und Fans
FĂŒr die nationalen VerbĂ€nde stehen beide Dimensionen im Raum: die Sicherung zusĂ€tzlicher Mittel fĂŒr Infrastruktur und Entwicklung und die Frage, wie stark sie tatsĂ€chlich ĂŒber die Zukunft des WeltfuĂballs mitentscheiden. FĂŒr Fans und Profiklubs geht es mittelbar um die IntegritĂ€t groĂer Turniere, mögliche Investorenmodelle und Boykottdrohungen, die den internationalen Spielkalender betreffen könnten. Ob Infantinos Reformangebot den Konflikt entschĂ€rft oder nur Zeit bis zur Rats- und Kongressentscheidung gewinnt, wird maĂgeblich davon abhĂ€ngen, wie ernsthaft die Governance-PrĂŒfung angelegt wird und ob zentrale Kritiker wie UEFA und CONCACAF sich eingebunden sehen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
deutschlandfunk.de: âMachtkampf mit FIFA - UEFA und CONCACAF fordern zusĂ€tzliche Millionen fĂŒr VerbĂ€ndeâ (19.09.2026)
Der Bericht stelle heraus, dass UEFA und CONCACAF in einem gemeinsamen Schreiben an Infantino zusĂ€tzliche Mittel in Milliardenhöhe fĂŒr ihre MitgliedsverbĂ€nde verlangen und sich dabei auf hohe Finanzreserven der FIFA berufen. Zugleich werde erlĂ€utert, dass das frĂŒhere Investorenprojekt âFIFA Forward Enterpriseâ nach Widerstand aus Europa aufgegeben worden sei und die KontinentalverbĂ€nde nun eine unabhĂ€ngige FinanzprĂŒfung einfordern. Der Beitrag ordne den Konflikt als lĂ€ngerfristigen Machtkampf um Geldverteilung und Kontrolle im WeltfuĂball ein.
Der Artikel berichte, die UEFA-MitgliedsverbĂ€nde verlangten eine zusĂ€tzliche AusschĂŒttung in Milliardenhöhe aus FIFA-RĂŒcklagen und hĂ€tten im Zusammenhang mit dem Investorenplan sogar mit Boykott aller FIFA-Wettbewerbe gedroht. Zugleich werde beschrieben, dass Infantino seine InvestorenplĂ€ne zurĂŒckgezogen, RĂŒcktrittsforderungen aber abgelehnt habe und eine vierte Amtszeit anstrebe. Der Bericht hebe hervor, dass sich unter den 211 VerbĂ€nden bislang keine klare Mehrheit fĂŒr oder gegen Infantino abzeichne und dass UEFA und CONCACAF trotz ihrer Kritik keinen eigenen Gegenkandidaten benannt hĂ€tten.
Beide BeitrĂ€ge schilderten den Konflikt als Auseinandersetzung um die Verteilung hoher Finanzreserven und die kĂŒnftige Machtbalance im Weltverband. WĂ€hrend der Deutschlandfunk stĂ€rker die Forderung nach Transparenz und FinanzprĂŒfung betone, rĂŒcke der Spiegel zusĂ€tzlich die Drohung mit Boykott und die anhaltenden Ambitionen Infantinos in den Mittelpunkt. Gemeinsam werde deutlich, dass der aktuelle ReformvorstoĂ des FIFA-PrĂ€sidenten vor allem im Kontext dieser finanziellen und politischen Spannungen zu sehen sei.
