Wandlung, Lothar

Die Wandlung des Lothar MatthÀus: Anerkannt statt ausgelacht

15.11.2023 - 12:54:13

Lothar MatthÀus ist der bekannteste TV-Experte in Deutschland und bei den Sendern beliebt und begehrt. Das war nach einigen missratenen Versuchen nach der Profi-Karriere nicht zu erwarten.

Lothar MatthĂ€us hat sich neu erfunden. Es ist noch nicht allzu lange her, da war der Rekord-Nationalspieler als mĂ€ĂŸig erfolgreicher Trainer und Ehemann junger Frauen auf dem Weg zu einer Lachnummer.

Doch innerhalb weniger Jahre hat sich der 62-JĂ€hrige in seiner neuen Rolle zum respektierten und begehrten TV-Experten entwickelt, der fĂŒr Sky die Bundesliga und fĂŒr RTL die Fußball-Nationalmannschaft begleitet. Damit war nicht unbedingt zu rechnen.

Vor gerade einmal 13 Jahren war noch kein Platz fĂŒr MatthĂ€us im deutschen Fernsehen. Als Experte des katarischen Senders Al Jazeera erklĂ€rte er den TV-Zuschauern im arabischsprachigen Raum die WM 2010. Doch daheim berichteten ARD, ZDF, RTL und Sky vom Turnier in SĂŒdafrika und setzten auf andere Ex-Profis als Experten.

Inzwischen ist MatthĂ€us in Deutschland «der Experte schlechthin», wie es Sky-Chefredakteur Alexander Rösner ausdrĂŒckt. Seit zehn Jahren erklĂ€rt er beim Pay-TV-Sender «fĂŒr den Zuschauer SpielzĂŒge, Taktik, HintergrĂŒnde, Besonderheiten, analysiert blitzschnell und bietet unseren Zuschauern so einen großen Mehrwert», schwĂ€rmte Rösner: «Und er nutzt sein Netzwerk, bekommt Top-Informationen.»

FĂŒr RTL ein «absoluter GlĂŒcksfall»

Ähnlich begeistert ist RTL-Sportchef Andreas von Thien, fĂŒr dessen Sender MatthĂ€us am Samstag beim LĂ€nderspiel im Einsatz ist. «Er ist ein absoluter GlĂŒcksfall fĂŒr uns», sagte der RTL-Mann. «Er spricht die Sprache der Zuschauer, arbeitet sehr akribisch und prĂ€sentiert sich auch hinter den Kulissen als bestens vorbereiteter Teamplayer.»

Und fĂŒr die Fernsehsender bringt MatthĂ€us auch einen betrĂ€chtlichen PR-Wert. «Er zĂ€hlt zu den meistzitierten Sportpersönlichkeiten des Landes», betonte der RTL-Sportchef: «Wenn Lothar spricht, hört Deutschland zu.»

Das galt zuletzt vor allem bei seiner Kritik am FC Bayern MĂŒnchen und der Kontroverse mit Trainer Thomas Tuchel. MatthĂ€us bringe «die AutoritĂ€t mit, auch kritische Themen offen anzusprechen», sagte von Thien.  Der Rekord-Nationalspieler selber sagte dazu der Deutschen Presse-Agentur: «Experten haben das Recht, ihre Meinung kundzutun. Deswegen sind sie da.»

Gerade nach dem Bayern-Sieg gegen Dortmund wurde sichtbar, was der Kölner Medienwissenschaftler Christoph Bertling so beschreibt: «Hier wird die sachliche Analyse in ein höchst emotionales Umfeld verlegt. Die Analyse ist dann ein Emotions- und Spannungserhitzer.»

«Meinungsstark und auch rhetorisch immer besser»

Tuchel hatte Tage zuvor bereits ironisch angemerkt, er erkenne bei MatthĂ€us - und bei dem ebenfalls fĂŒr Sky tĂ€tigen Dietmar Hamann - keine «Weiterentwicklung». Zumindest bei MatthĂ€us stimmt eher das Gegenteil. «Er hat eine unglaubliche Entwicklung gemacht», lobte etwa Sky-Chefredakteur Rösner. «Er hat sehr viel ĂŒber Fernsehen und Medien gelernt, ist meinungsstark und auch rhetorisch immer besser geworden.»

Das passt zu MatthÀus' eigener EinschÀtzung: «Thomas Tuchel ist nicht der Meinung, dass ich mich verbessert habe, aber vielleicht sind es andere.»

MatthĂ€us hat sich dafĂŒr auch schulen lassen. Der frĂŒhere Spieler und Trainer hat nach seiner Fußball-Karriere praktisch einen neuen Job gelernt. Zu seiner eigenen Entwicklung sagte der 62-JĂ€hrige: «Wenn ich auf die letzten zehn Jahre zurĂŒckschaue, kann jeder sagen, dass ich mit bestimmten Dingen kritisch umgehe. Ich spreche die Sachen an, die ich sehe, und spreche nichts an, was ich nicht sehe oder fĂŒhle.» Seine Arbeit sei «nicht weit auseinander von der eines Journalisten», erklĂ€rte MatthĂ€us. «Im Endeffekt beurteilen wir das, was wir sehen. Und dass wir nicht alles gleich sehen, ist ja auch völlig normal.»

Seine Jobs bei RTL und Sky sieht der inzwischen begehrte TV-Experte durchaus differenziert. Das seien «unterschiedliche Richtungen», sagte MatthĂ€us: RTL sei mehr Unterhaltungsprogramm, «da sind mehr Pausen, weil mehr Werbung geschaltet wird. Da muss man sich drauf einstellen.» Bei Sky habe er «die Zeit, tiefer reinzugehen und dem Zuschauer etwas zu erklĂ€ren. Bei RTL stehst du unter Strom, weil du Zeitdruck hast. Dann stehst du in der Halbzeit, hast nur zwei Minuten und musst fĂŒnf Tore erklĂ€ren.» So oder so gelte fĂŒr ihn aber: «Ich versuche, so natĂŒrlich wie möglich zu sein und den Leuten das so einfach wie möglich zu erklĂ€ren.»

@ dpa.de