Schlammschlacht vor US-Gerichten: Infantino schieĂt zurĂŒck
Veröffentlicht am: 04.09.2026 um 11:21 Uhr | dpa, AD HOC NEWS Jetzt geht Gianni Infantino zum Angriff ĂŒber. Im Machtkampf um den FIFA-PrĂ€sidentenposten lĂ€sst der amtierende Chef des Weltverbandes die schweren Anschuldigungen der UEFA nicht auf sich sitzen und schlĂ€gt mit VorwĂŒrfen gegen Europas FuĂball-Bosse zurĂŒck. Zum Schauplatz der gröĂten FunktionĂ€rskrise seit den Skandalzeiten um Ex-Chef Joseph Blatter vor elf Jahren werden nun gleich mehrere Gerichte in den USA.Â
Nach der AnkĂŒndigung eines möglichen Strafverfahrens gegen Infantino durch die UEFA in der Schweiz und der Bitte um Dokumentensicherung in Florida hat nun die FIFA ihrerseits die US-Justiz eingeschaltet und wirft den EuropĂ€ern eine «Verleumdungskampagne» vor. Das geht aus Dokumenten hervor, die die FIFA bei einem New Yorker Gericht einreichte und die der Deutschen Presse-Agentur vorliegen. Zuerst hatte das Portal «The Athletic» darĂŒber berichtet.
Investoren-Idee als rote Linie
Hintergrund sind die Auseinandersetzungen zwischen den mĂ€chtigen VerbĂ€nden, hervorgerufen durch die - nach groĂem Druck zurĂŒckgezogenen - InvestorenplĂ€ne von Infantino. Mit seinem abseits aller FIFA-Institutionen mit US-GeschĂ€ftspartnern vorangetriebenen Milliarden-Deal zur WM-Vermarktung hat der Schweizer aus Sicht der UEFA eine rote Linie ĂŒberschritten.Â
Die seit langem gĂ€rende Stimmung ist in offene Konfrontation gekippt. Das klare UEFA-Ziel: Infantino darf am 18. MĂ€rz 2027 nicht fĂŒr eine vierte Amtszeit als FIFA-Chef wiedergewĂ€hlt werden. Doch die Zeit drĂ€ngt. Da Infantino nicht daran denkt, sein Amt aufzugeben, muss bis zum 18. November ein Gegenkandidat prĂ€sentiert werden, dann lĂ€uft die Nominierungsfrist ab. Noch haben die EuropĂ€er keinen Herausforderer gefunden.Â
Showdown in Berlin?
Wichtige Termine sind das nÀchste Treffen des UEFA-Exekutivkomitees am 15. September in Thessaloniki und das sogenannte Meeting des Top Executive Programms (TEP) am 8. Oktober. Dann sind alle PrÀsidenten und GeneralsekretÀre der 55 europÀischen VerbÀnde zu einem Gedankenaustausch nach Berlin eingeladen. Kommt es zum Showdown in der deutschen Hauptstadt?
Die nun laufenden juristischen AktivitĂ€ten sollen Infantino diskreditieren. Eine weitere Zusammenarbeit der UEFA mit ihm als FIFA-Boss erscheint derzeit angesichts der Schwere der VorwĂŒrfe undenkbar. Droht dem WeltfuĂball womöglich der groĂe Bruch?
Der UEFA-Plan, Infantino zum RĂŒckzug zu drĂ€ngen, geht momentan ĂŒberhaupt nicht auf. Der Schweizer ist im Kampfmodus. Die von der UEFA an gleich mehrere Gerichte parallel gestellten AntrĂ€ge seien nicht mehr als bloĂe Pressemitteilungen, Ă€tzte der Weltverband.Â
Diese wĂŒrden «dazu dienen, die Verleumdungskampagne der UEFA gegen die FIFA und deren FĂŒhrung weiter voranzutreiben», heiĂt es in einem an ein Gericht im US-Bundesstaat Florida ergangenen Schreiben vom 1. September. Der UEFA gehe es mit ihren AntrĂ€gen darum, Informationen offenzulegen, die nach den FIFA-Regularien vertraulich behandelt werden mĂŒssten.Â
Die UEFA reagierte auf den FIFA-Vorstoà nicht mit einem offiziellen Statement. Doch im Dunstkreis der Zentrale am Genfer See herrscht die Meinung: Wenn die FIFA nichts zu verbergen habe, könne sie ja die angeforderten Dokumente prÀsentieren. Der Gegenschlag wird als indirektes SchuldeingestÀndnis interpretiert.
FIFA setzt auf Zeitspiel
Die FIFA will jedenfalls Teil des Verfahrens werden und erwirken, dass die Entscheidung ĂŒber den UEFA-Antrag verzögert wird. Offenbar hat der Weltverband nun Zeit, bis zum 28. September weitere Argumente vor Gericht einzureichen. Dieses Zeitspiel der FIFA funktioniert schonmal.Â
Die FIFA wirft der UEFA zudem vor, gegen die InvestorenplĂ€ne vorzugehen, weil diese die Marktmacht des europĂ€ischen Verbands bedrohen wĂŒrden. «Das wirtschaftliche Motiv der UEFA bestand darin, zu verhindern, dass kleinere LĂ€nder ĂŒber die finanzielle StĂ€rke verfĂŒgen, um mit der europĂ€ischen Elite konkurrieren zu können», heiĂt es in den Dokumenten.Â
«Wird der FuĂball in den EntwicklungslĂ€ndern gestĂ€rkt, nimmt der globale Wettbewerb zu, was letztlich die Marktmacht der UEFA verringert und fĂŒr mehr Konkurrenz fĂŒr ihre wichtigsten Wettbewerbe sorgt.»Â
Infantino als Anwalt der Kleinen
Ist das schlĂŒssig? 20 Millionen Dollar hatte Infantino jedem Nationalverband versprochen, der sein WM-Vorhaben unterstĂŒtzt. Diese Summe wĂŒrde lange nicht ausreichen, um die strukturellen Nachteile kleinerer FuĂball-LĂ€nder auszugleichen, zumal die EuropĂ€er bei UnterstĂŒtzung das gleiche Geld bekommen hĂ€tten. Im Konflikt wird viel mit plakativen Argumenten und Emotionen gearbeitet.Â
In Europa kritisierten viele Infantinos PlĂ€ne als Ausverkauf des Sports. Dem einflussreichen FunktionĂ€r wird vorgeworfen, nicht primĂ€r am Wohlergehen kleiner FuĂballnationen, sondern vor allem an seinem persönlichen Machterhalt und lukrativen Deals mit GeschĂ€ftspartnern interessiert zu sein, von denen auch er selbst profitieren wĂŒrde.
Der 56-JĂ€hrige steht zwar massiv unter Druck. Doch trotz der heftigen Kritik am gescheiterten WM-Investorendeal und seiner AmtsfĂŒhrung hat Infantino, der seit 2016 an der Spitze der FIFA steht, immer noch eine breite Basis in der FuĂball-Welt.Â
«Anderswo auf der Welt gelten ganz andere Parameter, wenn es um die Frage der Wahl des Fifa-PrÀsidenten geht. Wenn er nach Afrika oder
SĂŒdamerika reist, wird Infantino dort gefeiert wie ein Gott», sagte Martin Nolte, Leiter des Instituts fĂŒr Sportrecht an der Sporthochschule in Köln dem «Spiegel». Die europĂ€ische Perspektive auf den Machtkampf verschiebt den Fokus derzeit zuungunsten von Infantino.
