Tour de Suisse, Schweiz

Zeugenaufruf, RĂŒckzug von Teams: Folgen des Todes von MĂ€der

17.06.2023 - 13:52:56

Nach dem Tod von Radprofi Gino MĂ€der wird weiter die Unfallursache untersucht. Mehrere Teams verlassen die Tour de Suisse. Das Thema Sicherheit steht erneut im Fokus.

Inmitten der Trauer um Radprofi Gino MÀder und den Ermittlungen zur Unfallursache geht die Tour de Suisse weiter. Am Samstagmittag startete die vorletzte Etappe der Schweiz-Rundfahrt. Drei Teams waren nicht mehr dabei. Noch sind viele Fragen zum tragischen Tod des Schweizers MÀder im Alter von 26 Jahren offen. 

Warum wird die Rundfahrt fortgesetzt?

Am Freitag, dem Tag des Todes von MĂ€der, war die sechste Etappe gestrichen worden, stattdessen hatten die Radprofis bei einer Gedenkfahrt ihres Kollegen gedacht. Danach verstĂ€ndigten sich die Verantwortlichen nach eigenen Angaben mit den Teams, mit den Fahrern und den Betreuern auf eine Fortsetzung der Rundfahrt. «Nach RĂŒcksprachen mit allen involvierten Personen stehen wir als Direktion geschlossen hinter diesem Entscheid», erklĂ€rte Tour-Direktor Olivier Senn. Sie wĂŒrden versuchen wollen, die letzten beiden Etappen des MĂ€nnerrennens «in einem angemessenen Rahmen durchzufĂŒhren».

Die Zeitmessung fĂŒrs Gesamtklassement findet am Samstag bereits 18,8 Kilometer vor dem Ziel statt. Das Zeitfahren am Sonntag werde ebenfalls im Rennmodus durchgefĂŒhrt, hieß es in einer Mitteilung. MĂ€ders Familie solle eine Fortsetzung der Rundfahrt befĂŒrwortet haben. Am Start der dritten Tour de Suisse fĂŒr Frauen am Samstag wurde ebenfalls festgehalten. 

Drei MĂ€nner-Teams aber werden nicht mehr dabei sein: Neben MĂ€ders Rennstalls Bahrain Victorious zogen sich IntermarchĂ©-Circus-Wanty aus Belgien und das Team der Schweizer Radlegende Fabian Cancellara am Samstag zurĂŒck. «Unter diesen schwierigen UmstĂ€nden, ist das fĂŒr uns der menschliche Weg, die GefĂŒhle unserer Fahrer zu respektieren und Gino Respekt zu zollen», erklĂ€rte das Team Tudor Pro Cycling. 

Ist der Unfallhergang geklÀrt?

Nein. Es ist immer noch unklar, was am Donnerstag auf der Abfahrt wenige Kilometer vor dem Ziel passierte. Bekannt ist, dass neben MĂ€der auch der 21 Jahre alte Magnus Sheffield stĂŒrzte. Sein Ineos-Team hatte am Unfalltag bestĂ€tigt, dass der US-Profi in einen Unfall verwickelt gewesen sei, sich eine GehirnerschĂŒtterung und leichte Prellungen zugezogen habe und eine Nacht im Krankenhaus bleiben mĂŒsse. 

Tour-de-Suisse-Arzt Roland Kretsch, der als Erster an der Unfallstelle gewesen war, hatte dem Schweizer «Blick» gesagt, dass es zu einem Sturz von zwei Rennfahrern gekommen sei und diese die Böschung runtergekracht seien. «Wahrscheinlich ĂŒberhöhte Geschwindigkeit oder zu spĂ€t gebremst oder verhakelt, das ist nicht ganz klar.» 

Möglicherweise kann Sheffield zur KlĂ€rung beitragen. Die Kantonspolizei GraubĂŒnden hat einen Zeugenaufruf gestartet. «Insbesondere werden Personen gesucht, die den Unfall beobachten oder sogar filmen konnten», hieß es in der Mitteilung. 

Wie sind die Reaktionen in MĂ€ders Heimatland auf den Tod?

Praktisch in allen Schweizer Medien wurde neben den sportlichen FĂ€higkeiten MĂ€ders auch dessen Engagement außerhalb des Radsports gewĂŒrdigt. «Gino MĂ€der wollte die Welt zu einem besseren Ort machen», schrieb die «NZZ». MĂ€der sei beseelt vom Anspruch gewesen, fĂŒr andere da zu sein. «Er bewies, dass Sportler keine Egoisten sein mĂŒssen.» 

MĂ€der habe fĂŒr Schweizer Gletscher gespendet und «versuchte stets, mit sich selber im Reinen zu sein», schrieb der «Tagesanzeiger». MĂ€der spendete schon mal bei einer Spanien-Rundfahrt ĂŒber 3000 Euro fĂŒr gemeinnĂŒtzige Zwecke - einen Euro fĂŒr jeden Fahrer, den er auf den Etappen hinter sich ließ. Sein Hund Pello war einst ein Streuner in Bilbao, statt in einer spanischen Tötungsstation landete er bei MĂ€der.

Inwiefern hat der Unfalltod MÀders eine Sicherheitsdebatte in Radsport verstÀrkt?

Durch den bisher noch ungeklĂ€rten Unfallhergang ist eine EinschĂ€tzung insgesamt schwierig. Schwere StĂŒrze und UnfĂ€lle auch mit Todesfolge sind leider nicht neu im Radsport, Schutz bieten praktisch nur die Helme. Der Tod von Fabio Casartelli 1995 nach einem Unfall auf einer Etappe der Tour de France hatte die Debatte um eine Helmpflicht befeuert, erst acht Jahre spĂ€ter wurde sie aber eingefĂŒhrt. Kurz vorher war der Kasache Andriej Kiwilew nach einem Sturz gestorben.

Trotz Helmpflicht kam es aber auch danach noch zu tödlichen UnfĂ€llen. 2016 starb der belgische Profi Antoine DemoitiĂ© an den Folgen einer Kollision mit einem Begleitmotorrad, 2019 ĂŒberlebte der belgische Radprofi Bjorg Lambrecht einen Sturz auf der Polen-Rundfahrt nicht.

Bei MĂ€ders Sturz war die Straße trocken, die rasante Abfahrt stand am Ende einer Etappe ĂŒber 215,3 Kilometer mit 3295 Höhenmetern. Es sei keine schlaue Idee gewesen, das Ziel einer solchen Etappe nach einer Abfahrt zu platzieren, sagte der 23 Jahre alte Weltmeister Remco Evenepoel aus Belgien. «Man muss vielleicht zukĂŒnftig schauen, dass Abfahrten nicht so kurz vor dem Ziel gemacht werden», pflichtete auch der ehemalige Radprofi Fabian Wegmann in einem GesprĂ€ch der Deutschen Presse-Agentur bei. 

Bei der Abfahrt wĂŒrden Höchstgeschwindigkeiten von mehr als 100 Kilometern pro Stunde erreicht. «Das ist gefĂ€hrlich. Da denkt man als Rennfahrer nicht immer dran, es ist aber immer prĂ€sent.» Nach allem, was er bislang mitbekommen habe, sei es aber ein Fahrfehler gewesen. Und Wegmann, der als Sportchef die Planungen fĂŒr die Strecke der Deutschland Tour unterstĂŒtzt, betonte auch: «Man kann als Veranstalter so eine lange Strecke nicht komplett absichern und jeden Pass mit FangzĂ€unen absichern, dass ein Fahrer nicht von der Straße abkommen kann. Das ist zeitlich und finanziell nicht machbar.»

@ dpa.de