«Ziemlich scheiße»: Zverev zittert sich nach 2 Uhr weiter
Veröffentlicht am: 04.09.2026 um 09:24 Uhr | dpa, AD HOC NEWSAlexander Zverev warf seinen Schläger zur Seite und riss sich sofort nach der nächsten schweren Nachtschicht das völlig verschwitzte Hemd vom Leib. Um 2.15 Uhr bejubelte der schwächelnde Topfavorit mit nacktem Oberkörper den zweiten Zittersieg bei diesen US Open - und gestand sich selbst ein, dass er derzeit absolut nicht in Titelform ist.
«Ziemlich scheiße», bewertete der 29-Jährige im Interview auf dem Platz seine Leistung beim 6:4, 4:6, 7:6 (7:3), 6:7 (3:7), 6:3 gegen den französischen Außenseiter Quentin Halys. «Ich bin glücklich, dass ich in der dritten Runde bin, aber wenn ich so weiter spiele, werde ich das Turnier nicht gewinnen», ergänzte der Hamburger wenig später in den Katakomben des Arthur Ashe Stadiums, bevor er möglichst schnell ins Bett wollte. «Nach dem letzten Match war es um 6.30 Uhr - ich hoffe heute ein bisschen früher.»
Neuneinhalb Stunden für zwei Spiele
Bei anfangs 27 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit zeigte der an Nummer eins gesetzte Zverev wie schon beim Fünfsatz-Sieg zum Auftakt über den Italiener Lorenzo Sonego ebenfalls in der Nightsession lange Zeit eine schwache Leistung. Erst nach 4:33 Stunden verwandelte er den Matchball unter dem Flutlicht im größten Tennisstadion der Welt. Damit stand der Hamburger bei diesem Grand-Slam-Turnier in nur zwei Matches nun schon neuneinhalb Stunden auf dem Platz.
«Ich bin stolz, physisch stark zu sein», sagte er über den Schlüssel zum Sieg. «Darum gehe ich ins Gym, dafür trainiere ich, um die Oberhand zu haben, wenn ich nicht mein bestes Tennis spiele.»
Dass ein topgesetzter Spieler in den ersten beiden Runden eines Grand-Slam-Turniers jeweils fünf Sätze für den Sieg braucht, gab es in der 58-jährigen Geschichte des Profitennis noch nie. «Ich hoffe einfach, dass ich irgendwann anfange, besseres Tennis zu spielen. Ich gewinne hässlich, das ist auch eine Fähigkeit», sagte Zverev.
Weitere hochkarätige Kontrahenten sind schon raus
In der dritten Runde geht es für ihn gegen den an Nummer 25 gesetzten Alejandro Tabilo. Der Chilene hatte zum Auftakt den deutschen Davis-Cup-Spieler Yannick Hanfmann in vier Sätzen bezwungen. Zverev ist der letzte verbliebene von acht deutschen Tennisprofis im Turnier. Jan-Lennard Struff, Tatjana Maria und Eva Lys waren am Donnerstag ausgeschieden.
Die Ausgangslage für Zverevs zweiten Grand-Slam-Titel hatte sich dabei noch weiter verbessert. In der Hälfte der Auslosung des French-Open-Siegers scheiterten der an Nummer drei gesetzte Félix Auger-Aliassime aus Kanada und Alex de Minaur (6) aus Australien und fallen damit als potenziell hochkarätige Gegner im weiteren Turnierverlauf weg. In Abwesenheit des verletzt fehlenden Weltranglistenersten Jannik Sinner aus Italien war auch bereits der serbische Altmeister Novak Djokovic früh gescheitert.
«Die Schuhe von Herrn Zverev sind komplett nass»
Gegen Halys erlaubte sich Zverev zu viele Fehler und ließ erneut zahlreiche Breakchancen ungenutzt. Erst am Ende konnte der Weltranglisten-52. nicht mehr mithalten.
Im dritten Satz kam es zur kuriosesten Szene des Matches: Beim Stand von 2:4 und Breakball für sich verlangte Zverev plötzlich nach frischen Schuhen. Schiedsrichter Robert Balmforth erlaubte den Tausch zum ungewöhnlichen Zeitpunkt: «Die Schuhe von Herrn Zverev sind komplett nass, er hinterlässt nasse Fußabdrücke auf dem Platz.» Der 29-Jährige schaffte direkt danach das Break und drehte den Satz.
In den Trainingseinheiten vor dem Spiel hatte sich Zverev phasenweise mit schmerzverzerrtem Gesicht das Handgelenk und den Oberschenkel gehalten. Doch als es ernst wurde, waren dem 1,98 Meter großen Hünen zumindest äußerlich keine körperlichen Beschwerden anzumerken. Nach unspektakulärem Beginn setzte Zverev seinen Gegner mit starken Returns unter Druck, holte sich das Break zum 5:4 und sicherte sich den ersten Satz in 38 Minuten.
Zverev lamentiert mit seinem Anhang auf der Tribüne
Zum Auftakt der Nightsession im Arthur Ashe Stadium hatte US-Star Coco Gauff gegen die Spanierin Paula Badosa einen stimmungsvollen Sieg gefeiert. Anschließend fehlte jedoch lange Zeit das besondere Knistern im größten Tennisstadion der Welt. Erst ein spektakulärer Lob von Halys im Zurücklaufen beim Stand von 5:4 holte die Zuschauer aus der Lethargie. In der Folge leistete sich Zverev drei Fehler bei eigenem Aufschlag - plötzlich war der Satz weg.
Selbst ein Break zum Auftakt des dritten Durchgangs brachte keine Sicherheit. Zverev machte durch eine schwache Aufschlagquote und unnötige Fehler seinen eigentlich spielerisch unterlegenen Gegner stark, gab dreimal in Serie sein Service ab. Immer wieder lamentierte Zverev mit seinem Anhang um Vater und Trainer Alexander Zverev Senior in der ersten Reihe der Tribüne.
Es folgte der Schuhtausch - und plötzlich lief es. Mit mehr Entschlossenheit dominierte nun Zverev das Spiel und zeigte im Tie-Break wie so häufig seine Nervenstärke. Der vierte Satz verlief ausgeglichen, doch diesmal war Halys in der entscheidenden Phase zur Stelle.
Es wurde dramatisch. Durch einen leichten Fehler gab Halys seinen Aufschlag zum 3:2 für Zverev ab. Der Weltranglistenzweite beschwerte sich beim Schiedsrichter, dass seine Schläger zu langsam vom Bespannen zurückkommen. Doch Zverev ließ sich nicht mehr aus dem Konzept bringen und machte den Sieg wenig später perfekt.
