Stabilität für Körper und Kopf / Sportpsychologe Dr. Tom Kossak über die mentale Rolle von Orthesen im Leistungssport
15.04.2026 - 11:30:00 | presseportal.de
Herr Kossak, viele Leistungssportler:innen erleben im Laufe ihrer Karriere schwere Verletzungen. Was ist aus psychologischer Sicht die größte Hürde auf dem Weg zurück in den Sport?
"Die größte Herausforderung ist, wieder Vertrauen in den eigenen Körper, insbesondere in die verletzte Struktur, aufzubauen - und dann in die Belastung zu gehen. Nach einer schweren Verletzung, etwa einem Kreuzbandriss, wissen Sportler:innen zwar rational, dass das Knie operiert und rehabilitiert wurde. Emotional ist dieses Vertrauen aber oft noch nicht wieder da. Beim ersten Kreuzbandriss sind viele noch hoch motiviert. Beim zweiten oder dritten wird es psychisch richtig anspruchsvoll: Dann stellen sich Fragen nach Motivation oder Sinn gepaart mit Zweifeln: ,Lohnt sich die Anstrengung überhaupt noch?', ,Werde ich es je wieder an die Spitze schaffen?', ,Zu welchen Kosten?' Dazu kommt, dass eine Rehabilitation nie linear verläuft, sondern immer wellenförmig - mit Rückschritten, die auch erst einmal verarbeitet werden müssen. Diese mentale Arbeit ist aber entscheidend, damit Sportler:innen wieder mutig und frei in die Bewegung gehen können."
Können Orthesen diesen mentalen Prozess unterstützen?
"Ja, durchaus. Eine Orthese kann zusätzlich zur körperlichen Funktion gerade in der frühen Phase der Rehabilitation eine psychologische Brücke einnehmen. Für viele Athlet:innen wirkt sie wie ein äußeres Sicherheitsnetz - fast wie ein Exoskelett. Sie vermittelt Stabilität und gibt das Gefühl, dass die Struktur geschützt ist. Das kann helfen, sich wieder stärker auf Bewegung und Training zu konzentrieren, anstatt ständig Angst vor einer Fehlbelastung zu haben. Kurz: Stabilität am Gelenk schafft Vertrauen im Kopf!"
Spiegelt sich dieses Sicherheitsgefühl auch im Feedback der Athlet:innen wider, die Sie betreuen?
"Ja, das höre ich immer wieder. Besonders beim Wiedereinstieg ins Training berichten Sportler:innen, dass ihnen die Orthese ein gutes Gefühl vermittelt. Sie wissen: Da ist noch eine zusätzliche Stabilität vorhanden - das hilft, die Aufmerksamkeit weg von der Angst hin zur sauberen Ausführung des Sports zu lenken. Ich versuche darüber hinaus, mit den Sportler:innen daran zu arbeiten, dass sie ein inneres Bild von ihrer körperlichen Gesundheit haben - und arbeite viel mit Metaphern und Hypnose. Das gerissene Kreuzband können sie sich beispielsweise wie ein Stahlseil vorstellen, das stark, aber dennoch elastisch ist. Und sich dieses Bild immer wieder mental vor Augen führen - bis das Vertrauen und die körperliche Lockerheit sowie Entspanntheit wieder komplett da sind."
Gibt es Unterschiede zwischen den Sportarten?
"Ja, teilweise schon. In Sportarten wie Ski alpin sind Knieverletzungen relativ häufig, deshalb spielt dort das Thema Stabilität eine größere Rolle. In anderen Sportarten wiederum sind andere Körperregionen stärker betroffen. Aber unabhängig von der Sportart bleibt der psychologische Mechanismus ähnlich: Vertrauen ist der Schlüssel."
Wie schaffen es Spitzensportler:innen generell, nach Rückschlägen mental stark zu bleiben?
"Verlieren und Rückschläge gehören zum Leistungssport dazu - auch Verletzungen. Wichtig ist, zunächst die Emotionen und auch den Frust zuzulassen, nichts zu beschönigen und nicht sofort zu versuchen, alles positiv zu überdecken. Große Wettkämpfe wie die Olympischen oder Paralympischen Winterspiele sind Lebensträume; nach einem Aus braucht der Kopf Tage oder sogar Wochen Zeit. Ein Satz von Bastian Schweinsteiger, der das gut trifft: ,Bevor man zu einem großen Champion wird, muss man erst einmal lernen, zu verlieren und die richtigen Schlüsse daraus ziehen.' Danach geht es daran, zu analysieren und den Sinn beziehungsweise die Motivation neu zu klären - und schließlich einen klaren Plan für die Rehabilitation zu entwickeln. Struktur und Zwischenziele helfen dabei enorm."
Was können Mediziner:innen, Trainer:innen oder Therapeut:innen mitnehmen?
"Rehabilitation hat immer zwei Ebenen: eine körperliche und eine mentale. Physiotherapie, Training und medizinische Versorgung sind essenziell. Gleichzeitig sollte man den psychologischen Prozess nicht unterschätzen. Wenn Athlet:innen Vertrauen zurückgewinnen, fällt ihnen der Weg zurück zur Leistung deutlich leichter."
Herr Dr. Kossak, vielen Dank für das Gespräch.
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