WM, Nationalmannschaft

Der «Fahnenträger»: Kimmichs ganz neues WM-Gefühl

16.06.2026 - 09:56:05 | dpa.de

Joshua Kimmich erlebt seine dritte WM. Es ist seine erste als Kapitän. Und sie beginnt für ihn mit einem Novum. Der Bundestrainer arbeitet schon am Matchplan für den ersten Turnier-Härtetest.

  • Ein typischer Joshua Kimmich beim Jubeln mit geballten Fäusten nach seiner Torvorlage für Deniz Undav. - Bild: Christian Charisius/dpa
    Ein typischer Joshua Kimmich beim Jubeln mit geballten Fäusten nach seiner Torvorlage für Deniz Undav. - Bild: Christian Charisius/dpa
  • In Houston führte Joshua Kimmich die Nationalelf erstmals als Kapitän in ein WM-Spiel. - Bild: Tom Weller/dpa
    In Houston führte Joshua Kimmich die Nationalelf erstmals als Kapitän in ein WM-Spiel. - Bild: Tom Weller/dpa
  • Zwei, die sich verstehen. Julian Nagelsmann klatscht mit Joshua Kimmich ab.  - Bild: Tom Weller/dpa
    Zwei, die sich verstehen. Julian Nagelsmann klatscht mit Joshua Kimmich ab. - Bild: Tom Weller/dpa
  • Spielmacher auf der Außenbahn. - Bild: Tom Weller/dpa
    Spielmacher auf der Außenbahn. - Bild: Tom Weller/dpa
Ein typischer Joshua Kimmich beim Jubeln mit geballten Fäusten nach seiner Torvorlage für Deniz Undav. - Bild: Christian Charisius/dpa In Houston führte Joshua Kimmich die Nationalelf erstmals als Kapitän in ein WM-Spiel. - Bild: Tom Weller/dpa Zwei, die sich verstehen. Julian Nagelsmann klatscht mit Joshua Kimmich ab.  - Bild: Tom Weller/dpa Spielmacher auf der Außenbahn. - Bild: Tom Weller/dpa

Auch am trainingsfreien «Family Day» für die deutschen Fußballer erscheint Joshua Kimmich pflichtbewusst zur Arbeit. Der Kapitän ist bei der Weltmeisterschaft immer on - und nicht off. Am Vormittag (Ortszeit) sollte der 31-Jährige darum auch den Job übernehmen, im Hörsaal der Wake Forest University in Winston-Salem, den Medien über die Gefühlslage im DFB-Tross nach dem fulminanten 7:1 gegen Curaçao zu berichten. Und noch mehr zum bevorstehenden ersten Härtetest gegen die Elfenbeinküste zu sagen.

Auch Julian Nagelsmann beschäftigt sich nicht mit Freizeitprogrammen, der Bundestrainer arbeitet vielmehr mit seinem Trainerstab und den DFB-Scouts intensiv am Matchplan für das Topspiel in Gruppe E. Das 1:0 des Teams von der Elfenbeinküste gegen Ecuador wurde umgehend analysiert. «Die beiden Gegner, die jetzt kommen, sind schon richtig, richtig gut. Die haben eine unfassbare Körperlichkeit, viel Speed und viele Topspieler», sagte Nagelsmann. 

Jetzt kommen immer bessere Gegner

Das Torfest gegen Curaçao war herrlich, ist aber abgehakt. Der Blick geht nur noch nach vorn, auch schon Richtung K.o.-Phase. «Sollten wir weiterkommen, kommen normalerweise in einem Turnier immer noch bessere Gegner.»

Kimmich führt bei seiner dritten WM die Nationalmannschaft erstmals als Kapitän an. Sportdirektor Rudi Völler beschrieb die Rolle des Anführers während der ersten WM-Tage in recht pathetischen Worten: «Jo Kimmich ist der Fahnenträger für uns alle.» Einer, der vorangeht. «Ein Vorbild» für die Kollegen, und «mein Leader», wie es Nagelsmann ausdrückte. 

Die Endrunde in Amerika hat für Kimmich immerhin mit ganz neuen Gefühlen begonnen. Ein Auftaktsieg ist etwas Neues für ihn. Bei den WM-Desastern 2018 in Russland (0:1 gegen Mexiko) und 2022 in Katar (1:2 gegen Japan) wurde die erste Partie jeweils verloren. Nach dem Knallstart von Houston ist quasi schon sicher, dass der 111-malige Nationalspieler beim XXL-Turnier in Kanada, Mexiko und den USA erstmals ein Spiel in der K.o.-Runde erleben wird.

Von einer Bereinigung seiner ganz persönlichen WM-Bilanz mag der nach Rückkehrer Manuel Neuer (125 Länderspiele) erfahrenste Akteur im 26-Mann-Kader aber nicht sprechen. «Ums Ausmerzen geht es eigentlich überhaupt nicht. Wir wissen, wie die letzten Turniere waren. Ich weiß es. Es ist eine neue Chance», sagt der Bayern-Profi, der ein Gesicht dieser Misserfolge war.

Beim am Ende lockeren Aufgalopp gegen Curaçao war Kimmich der schwere WM-Rucksack anfangs schon anzumerken. In der ersten Hälfte wirkte er nicht befreit, sondern ungewohnt fahrig in seinen Aktionen. Nach der Pause war dann der typische Kimmich zu sehen. Die Tore von Jamal Musiala und Deniz Undav bereitete er da vor. «Ich freue mich extrem, eine WM spielen zu dürfen», hatte er vor dem Turnierstart gesagt: «Es ist das Größte, was es gibt als Fußballer, sein Land zu vertreten.» Ihm nimmt man solche romantischen Worte ab. 

Happy End für die goldene Generation? 

Die Turnierbilanz des Anführers der einst als golden bezeichneten Generation 1995/96 um die Confed-Cup-Sieger von 2017 wie Leon Goretzka und Jonathan Tah sowie die längst nicht mehr zum Nationalteam gehörenden Niklas Süle oder Timo Werner ist ziemlich mies. Kimmich weiß das. Und darum tut er alles, um seiner DFB-Vita doch noch ein Happy End zu verpassen, wohl wissend, «dass du den Turniererfolg nicht zu hundert Prozent beeinflussen kannst».

Der Unvollendete ordnet dem Erfolg freilich auch persönliche Vorlieben und Ansprüche unter. Er spielt halt rechts hinten statt zentral im Mittelfeld wie beim FC Bayern, weil es für das Team eben am sinnvollsten ist. Seine Rolle ist halt der verkappte Spielmacher auf der Außenbahn. Und Kimmich ist ein Kümmerer. Auch neben dem Spielfeld versucht er, alle einzubinden und mitzunehmen.

  

Kimmich glaubt an dieses Mehrgenerationenteam vom 40-jährigen Neuer bis zum halb so alten Assan Ouedraogo. «Wir haben eine neue Mannschaft, wir haben neue Voraussetzungen.» Kimmich will immer gewinnen. Aber es geht ihm zugleich auch «um die Art und Weise, wie wir auftreten. Die muss stimmen.» 

Die Menschen daheim sollen sich wieder mit ihrer Nationalelf identifizieren können. Dafür war das Torfest gegen Curaçao ein verheißungsvoller Start. Einer in seine letzte WM? Nein, eher nicht. «Ich habe auf jeden Fall Bock, noch ein paar Jahre für die Nationalmannschaft zu spielen», hat er im Vorfeld gesagt.

150 Länderspiele - die Matthäus-Marke im Kopf

Der Vielspieler, der selten verletzt ist, und kaum ein Länderspiel verpasst hat in den vergangenen Jahren, könnte durchaus Lothar Matthäus als deutschen Rekordnationalspieler ablösen. «Man jagt nicht diese 150 Länderspiele, wobei das schon eine Marke ist, die man im Kopf hat», gestand Kimmich offen.

In der Team-Hierarchie ist er ganz oben angekommen. Auch die Rückkehr von Ex-Kapitän und Bayern-Kollege Neuer, der Kimmich auch den Weltmeister-Titel (2014) voraus hat, ändert daran nichts. Kimmich sei «das Sprachrohr» des Bundestrainers, bemerkte Völler: «Jo hat einen sehr engen Draht zu Julian.»

In Winston-Salem standen Bundestrainer und Kapitän am Tag der Ankunft nach dem ersten Training noch lange zusammen auf dem Platz und plauderten. Es war ein aussagekräftiges Bild. «Ich bin sehr froh, dass du mein Leader auf dem Feld bist. Führ die Mannschaft voran, führ sie idealerweise zum WM-Titel», äußerte Nagelsmann im Nominierungs-Video über Kimmich.

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