Job fĂŒr eine Frau: Die erste Krise der IOC-Chefin
13.02.2026 - 14:12:22Im ersten Krisenmoment ihrer Amtszeit sah Kirsty Coventry nicht wie eine Gewinnerin aus. Die Stimme stockte, die Augen waren feucht, als die IOC-PrĂ€sidentin die unnachgiebige Position beim Ausschluss des Ukrainers Wladislaw Heraskewytsch von den olympischen Skeleton-Rennen zu erklĂ€ren versuchte. Am Tag nach dem groĂen GefĂŒhlschaos hatte sich 42-JĂ€hrige wieder gesammelt und entgegnete auf die Frage nach der schweren BĂŒrde des Amtes an der Spitze einer zerrissenen Sportwelt fast schon heiter: «Das ist ein Job, den nur eine Frau machen kann.»
SpĂ€testens die heftige Kontroverse um den vom Internationalen Olympischen Komitee verbotenen Helm von Heraskewytsch, der Bilder von im Krieg gegen Russland getöteten Sportkollegen zeigt, rĂŒckte auch Coventry ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Bei ihrer Olympia-Premiere als Nachfolgerin des Deutschen Thomas Bach erlebt die frĂŒhere Weltklasse-Schwimmerin aus Simbabwe ihre Feuertaufe ausgerechnet bei einem ihrer Herzensthemen.
«Die Regeln sind die Regeln»
Als Vorsitzende der IOC-Athletenkommission hatte Coventry maĂgeblich die Weiterentwicklung des Regelrahmens fĂŒr MeinungsĂ€uĂerungen von Sportlerinnen und Sportlern bei Olympia beeinflusst. Den Sturm der EntrĂŒstung ĂŒber die Disqualifikation von Heraskewytsch, der nicht ohne seinen Gedenk-Helm starten wollte, konterte die Mutter von zwei Töchtern bestimmt: «Die Regeln sind die Regeln, und ich glaube an diese Regeln. Ich halte diese Richtlinien fĂŒr sehr gut.»Â
In einem Eilverfahren gab der Internationale Sportgerichtshof Coventry in diesem Punkt recht und lehnte den Einspruch von Heraskewytsch gegen seinen Ausschluss nach knapp dreistĂŒndiger Anhörung in Mailand ab.
Im Kontrast zu ihrem oft kĂŒhl-distanzierten Mentor Bach aber erlaubte sich Coventry in der Drucksituation von Cortina d'Ampezzo emotionale Augenblicke in der Ăffentlichkeit. Dem tagelangen Ringen um einen Kompromiss hinter den Kulissen gab die zweimalige Olympiasiegerin mit ihren TrĂ€nen ein Gesicht. Und doch blieb sie gefangen in den Bestimmungen der Olympischen Charta, die noch immer an der Utopie einer Trennung von Sport und Politik festhĂ€lt.Â
Russland vor der RĂŒckkehr
Das moderne IOC bringe «die olympische Bewegung in Verruf», schimpfte die ukrainische Ski-Freestylerin Kateryna Kozar. Das Vorgehen gegen Heraskewytsch «stinkt nach Heuchelei, wĂ€hrend sie Russland erlauben, sich wieder in die olympische Familie einzuschleichen», kommentierte die «Daily Mail». Und selbst russische Medien waren keineswegs zufrieden. «Die FĂŒhrung des IOC hat sich in ihrem Bestreben, es allen recht zu machen, in eine Sackgasse manövriert», urteilte der «Sport-Ekspress».Â
Der Umgang mit Russlands Angriffskrieg in der Ukraine ist eines der brisantesten Themen, das Coventry von Bach ĂŒbernommen, dem lange eine zu groĂe NĂ€he zur Sportmacht von Kremlchef Wladimir Putin vorgeworfen wurde. «Wir verstehen etwas von Politik, und wir wissen, dass wir nicht in einem Vakuum operieren. Aber unser Spiel ist der Sport», sagte Coventry kurz vor Beginn der Winterspiele in Italien.
Dass sie immer wieder die NeutralitĂ€t der SportplĂ€tze betont, auf denen jeder Athlet ohne politische Einflussnahme wetteifern soll, nĂ€hrt die Erwartung, dass auch Russland bald wieder vollwertiges Mitglied der olympischen Gemeinde werden darf. Derzeit ist Russlands Olympisches Komitee suspendiert, weil es die vier annektierten ukrainischen Gebiete Donezk, Cherson, Luhansk und Saporischschja aufgenommen hatte. Die 13 russischen Teilnehmer der Winterspiele in Italien mĂŒssen daher unter neutraler Flagge starten.Â
Es gilt jedoch als offenes Geheimnis, dass FuĂball-Weltverbandschef Gianni Infantino mit seinem Ruf nach einer Wiederzulassung russischer Mannschaften im IOC keineswegs allein ist. Coventry hĂ€lt sich wie bei den meisten anderen aktuellen Brandherden seit ihrem Dienstantritt im vergangenen Juni öffentlich meist im UngefĂ€hren auf.
Neuordnung des olympischen Programms
Die erste PrĂ€sidentin in der fast 132-jĂ€hrigen IOC-Geschichte hat der Dachorganisation mit ihrem Start einen Prozess von «Innehalten und Nachdenken» verordnet. Entwickeln will sie ein Programm unter der Ăberschrift «Fit fĂŒr die Zukunft». Erste Ergebnisse könnte sie bei einer auĂerordentlichen Generalversammlung im Juni vorlegen.Â
Bei den Winterspielen wird dabei vor allem die mögliche Neuordnung des olympischen Programms intensiv diskutiert. Die Nordische Kombination bangt um ihren Platz. Im Sommer ist der Moderne FĂŒnfkampf einer der Streichkandidaten. Nicht mehr ausgeschlossen scheint, dass kĂŒnftig einige Hallensportarten aus dem Sommerprogramm in den Winter wechseln, auch um Platz fĂŒr neue Sportarten fĂŒr ein junges Publikum zu schaffen.
«Wir werden vor schwierigen Entscheidungen und GesprĂ€chen stehen â das gehört zum Wandel dazu», sagte Coventry in einer Grundsatzrede in Mailand. Sie hat den IOC-Mitgliedern wieder mehr Mitsprache versprochen als noch unter der FĂŒhrung von Bach, der zentrale Entscheidungen ins Exekutivkomitee verlagert hatte.
NĂ€chste Herausforderung: Donald Trump
Auch beim zuletzt intransparenten Prozess der Vergabe Olympischer Spiele kĂŒndigte Coventry Neuerungen an. Welche genau, das dĂŒrfte auch den Deutschen Olympischen Sportbund brennend interessieren. Der DOSB ermittelt gerade in einem nationalen Auswahlverfahren zwischen Berlin, MĂŒnchen, Hamburg und der Rhein-Ruhr-Region einen eigenen Bewerber fĂŒr Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044.
Auf Coventrys To-do-Liste steht dazu noch der Schutz der Frauen-Kategorie, nachdem der Olympiasieg der Algerierin Imane Khelif bei Olympia 2024 in Paris eine Geschlechter-Debatte entfacht hatte. Selbst Donald Trump hatte sich damals eingemischt. Mit dem US-PrĂ€sidenten wartet schon bald die nĂ€chste groĂe Herausforderung auf Coventry. Trump ist 2028 Gastgeber der Sommerspiele von Los Angeles.
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