Campino über letztes Album: «So ist es jetzt»
20.05.2026 - 00:10:04 | dpa.deDie Toten Hosen bringen Ende Mai ein neues Studioalbum heraus. Es heißt «Trink aus, wir müssen gehen!» und soll ihr letztes sein. Die anstehende Tournee ist bereits ausverkauft. Ist das wirklich das Ende der Hosen nach über 40 Jahren? Frontmann Campino (63) hat der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf Rede und Antwort gestanden.
Frage: Ihr habt Euch nach «Laune der Natur» neun Jahre Zeit gelassen für das neue Album, so lange wie noch nie. Was ist da passiert?
Antwort: «Ich habe nicht das Gefühl, dass wir faul waren. Wir hatten eine Unplugged-Tour geplant, die leider wegen Corona ausfallen musste. Ich habe in dieser Zeit dann das Buch «Hope Street» geschrieben. Als kleine Fingerübung haben wir auch noch ein Cover-Album eingespielt: «Learning English Lesson 3: Mersey Beat!» Wir waren also aktiv.
Wenn ich mir überlege, dass wir fürs nächste Album auch wieder neun Jahre brauchen würden, dann wäre ich in den 70ern, das mag ich mir nicht vorstellen. Deshalb ist auch dieses Gefühl in uns, dass dies die letzte Scheibe ist.
Sollte uns noch ein Stück einfallen, von dem wir das Gefühl haben, das muss jetzt unbedingt raus, dann können wir das ja immer noch bringen. Aber dass man sich noch mal auf ein ganzes Album einlässt, das wird auf keinen Fall passieren.»
«Es braucht uns nicht mehr ewig als Band in der Öffentlichkeit.»
Frage: Aber die Band löst sich nicht auf und die Tournee ist nicht die letzte, oder doch?
Antwort: «Wann das letzte Konzert gespielt wird, haben wir noch nicht bestimmt. Wir als Band können uns in dem Sinne gar nicht auflösen, weil wir eine Verabredung auf dem Düsseldorfer Südfriedhof haben, wenn es mal mit uns in die Kiste geht. Die Frage ist nur, wie lange will man diese Freundschaft auf einer Bühne zelebrieren. Wir sind immer schon mehr gewesen als die Musik oder als das, was die Leute von uns wahrnehmen. Und das bleibt. Es braucht uns nicht mehr ewig als Band in der Öffentlichkeit.»
Frage: Das werden die Fans anders sehen.
Antwort: «Wir haben ja irgendwann schon Mitte der 1980er gerufen: "Das Ende setzen wir uns selbst." Das haben wir auch immer ernst genommen, dieser Vorsatz stand. Es ist immer besser, einen Tick zu früh zu gehen, als einen Tick zu spät. Bei aller Wehmut, die wir da selbst empfinden: Das Gefühl, dass es so richtig ist, überwiegt bei Weitem.»
Frage: War das denn eine einstimmige Entscheidung?
Antwort: «So was ist nie in dem Sinne einstimmig. Der eine würde vorher, der andere eher später Schluss machen mit der ganzen Sache. Das erarbeiten wir zusammen und versuchen eine Linie zu finden. So eine Entscheidung kommt nicht über Nacht, das reift über einen gewissen Zeitraum. Und so ist es jetzt.»
Frage: In einem der neuen Stücke heißt es: „Will raus aus unserem Proberaum." Ist das ein Grund? Nase voll von über 40 Jahren im Proberaum?
Antwort: «Nein, das wäre gemein. Wir haben totales Glück, der Proberaum ist 20 Meter von hier drüben in der Halle und es ist ein schönes Zuhause. Früher war eine Probe halt auch gleichzeitig eine Party. Das ist aber schon lange her. Wir haben ein Schild an der Tür, da steht groß mit Filzstift draufgeschrieben: "Du musst heute nicht proben, Du darfst heute proben!" Immer, wenn da einer lustlos rein schlurft, soll dieses Schild daran erinnern, dass es ein verdammtes Privileg ist, für diese Mannschaft auflaufen zu dürfen und das Trikot der Toten Hosen zu tragen.»
Frage: In dem Lied ist auch von einem vergessenen Paket Kokain im Proberaum die Rede. War das Spaß?
Antwort: «Wenn man tief genug gräbt, wird sicherlich noch etwas aus bösen Zeiten zu finden sein. Aber es versteckt sich halt und es liegt jahrzehntelang zwischen den Ritzen, irgendwo im Gewusel. Wenn man es denn finden würde, wäre es wahrscheinlich nicht mehr genießbar. Also macht Euch nicht auf die Suche.»
Frage: Was wird aus dem Proberaum? Ist der Mietvertrag schon gekündigt?
Antwort: «Nein, das lassen wir weiterlaufen. Man kann so ein Unternehmen auch nicht über Nacht stoppen. Unsere Plattenfirma betreut ja auch eine Menge andere Bands. Wir hoffen, dass das so weiterlaufen wird. Niemand muss hier Angst um seinen Arbeitsplatz haben. Und was den Proberaum angeht: Das ist alles noch nicht ausformuliert, auch mit dem letzten Konzert nicht, ob wir doch noch mal eine Unplugged-Tour spielen oder so.»
«Wir sind da auch nicht euphorisch darüber.»
Frage: Viele Musiker haben schon ihren Rücktritt vom Rücktritt erklärt. Wie groß ist die Chance, dass es vielleicht doch noch ein weiteres Album gibt?
Antwort: «Uns gibt es jetzt bald 45 Jahre, da sollte man uns wenigstens die Ernsthaftigkeit unserer Überlegungen abnehmen und dass das nicht leichtfertig ist, was wir da entschieden haben. Wir sind da auch nicht euphorisch darüber. Wir glauben einfach nur, dass es richtig ist.
Wir sind jetzt alle Ü 60, nächstes Jahr im Sommer werde ich 65. Ob wir das wahrhaben wollen oder nicht: Das ist wahrscheinlich das Betreten des letzten großen Lebensabschnitts. Ich finde, das sollte man annehmen und nicht verleugnen.
Der andere Aspekt ist: Wir haben unsere Zeit sehr intensiv gelebt, und alles hat seinen Preis. Viele Freundschaften konnten deshalb nur so halbwegs gepflegt werden. Das Umfeld hat Dich nicht zu Gesicht bekommen in manchen Phasen. Da will man ja auch noch mal seine Prioritäten anders setzen. Ich freue mich wirklich über das, was wir da hinterlassen, aber es war auch eine Kraftanstrengung.»
Frage: Hat Marteria bei dem Studioalbum auch wieder mitgemacht?
Antwort: «Ja, er hat bei vielen Liedern mitgearbeitet. Mir macht das Spaß, beim Texten einen Partner zu haben, mit dem man sich Ideen hin und her feuert und sich auch gegenseitig korrigiert. Es ist für mich gut, wenn ich mit meinem Text zu jemandem gehen kann, dem ich vertraue und dann macht man sich gemeinsam an den Feinschliff. Ich habe auch ein paar Lieder mit Koljah von der Antilopen Gang geschrieben, auch eine richtig schöne Erfahrung.»
200 bis 300 Liedideen
Frage: Welches Lied auf dem neuen Album ist das wichtigste und welches das beste?
Antwort: «Wenn man zwei Jahre lang so intensiv an diesen Songs gearbeitet hat, fehlt einem die Distanz. Wir haben ungefähr 200 bis 300 Liedideen gehabt. Aufs nächste Level schafften es ungefähr 50 Songs. Und daraus wählt man dann ungefähr 20, mit denen man es richtig ernst meint. Dann steht man irgendwann am Ende mit 15 Liedern da. Ich bin mit fünf, sechs Songs so richtig zufrieden.»
Frage: Das sind?
Antwort: «„Was ist mit uns los" ist für mich ein wichtiger Baustein für das Album. "Schlechte Nachbarn" und "Lass mal nicht machen" gefallen mir. "Trink aus", finde ich okay. "Düsseldorf" wird für die Region vielleicht seinen Job machen und "Glück" war mir ein Anliegen.»
Frage: Die Sorge angesichts des Rechtsrucks der Gesellschaft klingt aus mehreren Stücken. Bekommt Ihr den auch persönlich zu spüren?
Antwort: «Nein, weil ich Kommentare im Netz über mich grundsätzlich nicht durchlese. Aber ich weiß, dass es die gibt. Da brauche ich mir keine Sorgen machen, dass ich in der Hinsicht vergessen werde. Aber es muss das gesagt werden, was man empfindet. Wer auch immer da applaudiert oder nicht. Es geht auch gar nicht darum, sich zu überlegen, was halten die Leute von mir, sondern es geht darum, dass man als Bürger dieses Landes versucht zu retten, was zu retten ist. Und da ist Wegducken nie unsere Parole gewesen.»
Es gibt auf Social Media Shitstorms gegen Euch, die seltsam inszeniert wirken. Habt ihr Erkenntnisse, wer dahintersteckt?
Antwort: «Es ist tatsächlich so, dass gewisse Kreise da sehr gut organisiert sind. Und dann können Minderheiten von 10 bis 15 Mann den Eindruck erwecken, es handelt sich um Tausende empörte Stimmen. Am Ende schimmert dann doch immer durch, aus welcher Ecke das kommt.
Ich glaube aber schon, dass das eine psychologische Wirkung auf unbedarfte Leser hat und insgesamt sehr gefährlich ist. Bei sämtlichen Themen und Nachrichtenmeldungen huschen die Menschen durch die Kommentare und denken, wow, da sind aber viele Leute dagegen oder dafür. So wird die Stimmung in der Bevölkerung krass beeinflusst. Das spiegelt aber nicht die Realität auf der Straße wider, im wahren Leben.
Jeden Tag im Proberaum
Die neue Tournee ist schon wieder ausverkauft. Wie bereitet ihr Euch vor?
Antwort: «Morgens früh macht jeder so sein Training. Wir beaufsichtigen uns da nicht gegenseitig. Jeder hat auch andere Schwerpunkte, ist ja klar. Vom muss nicht über die Bühne laufen können, um gut Schlagzeug zu spielen. Ich gebe derzeit ein, zwei Interviews am Tag und dann geht es in den Proberaum für drei, vier Stunden.»
Frage: Jeden Tag?
Antwort: «Ja klar, wir schaffen uns eigentlich alle Lieder drauf, die in Betracht kommen. Dann geht es darum, die neuen Songs einzuarbeiten. Das ist schon eine echte Umstellung. »
Frage: Rückblickend betrachtet, gibt es einen schönsten Moment in jetzt 44 Jahren Toten Hosen und was würdet ihr anders machen, wenn ihr könntet?
Antwort: «Die Frage ist zu schwer für mich, wir haben wirklich viele wunderbare Dinge erlebt, aber es gab auch schlechte und schlimme Erfahrungen. Für mich ging es mit den Hosen immer um Begegnungen, darum, mit den anderen das Privileg zu haben, die Welt zu entdecken und dann die Menschen dort zu treffen. Das war für mich das Schönste. Die Konzerte waren eigentlich nur Mittel zum Zweck. Es ist ein Unterschied, ob man ein Land als normaler Tourist besucht, oder ob man auch etwas zu geben hat. Wir haben immer zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug in den Ring werfen können. Das ändert sofort alles.»
«Ich schaue nicht dauernd auf die Konten der anderen»
Frage: Nach dem geplanten Konzert im Juli 2027, das ja viele für das Abschiedskonzert halten, habt ihr 45 Bandjahre auf dem Buckel, Schlagzeuger Vom Ritchie nicht ganz so viele. Reicht es denn bei allen für die Rente?
Antwort: «Ich schaue jetzt nicht dauernd auf die Konten der anderen, wie weit sie da vernünftig gewirtschaftet haben. Ich selbst bin auch noch nicht so weit, dass ich meine Arbeit komplett einstellen möchte. Ich hoffe, dass ich aktiv bleibe in irgendeiner Form. Und ja, da wird es vielleicht finanziell nicht mehr so gut laufen wie momentan. Ich habe keine Ahnung. Ich wünsche allen viel Glück.»
Frage: Wie stellt man sich das Rentner-Dasein der Toten Hosen vor? Wird man Euch demnächst bei den Rheinterrassen auf der Parkbank sehen?
Antwort: «Die Parkbank an den Rheinterrassen ist keine schlechte Idee. Die Sache mit der Rente ist komplizierter, weil wir ja eigentlich keine richtigen Rentner sind, da wir es ein Leben lang geschafft haben, uns an einem ordentlichen Beruf vorbeizudrücken. Ich kann mir auch vorstellen, dass ich noch mal das ein oder andere Buch schreibe. Also da gibt es viele Möglichkeiten. Da mache ich mir gar keine Sorgen. Langeweile wird nicht aufkommen.»
Alles muss raus: Wundertüte Bonusalbum
Frage: Das Bonusalbum «Alles muss raus» mit 25 neu eingesungenen Duetten ist ja wirklich eine Überraschung. Vicky Leandros, Wolf Biermann, Bettina Wegner: Lief das digital oder seid ihr jeweils mit denen ins Studio gegangen?
Antwort: «Es gab nur eine einzige Aufnahme, die nicht vor Ort eingesungen wurde. Alles andere waren Besuche. Entweder sind wir zu den Leuten gefahren oder sie haben uns beehrt. Wolf Biermann kam zu uns in den Proberaum, den wir zum Studio umgebaut hatten. Wolfgang Niedecken ist zu uns nach Senden gekommen. Die erste Zeit haben wir im Münsterland aufgenommen, auf einem umgebauten Bauernhof.»
Frage: Gab es für das Bonusalbum auch Leute, denen ihr das erste Mal begegnet seid?
Antwort: «Bettina Wegner sind wir wohl Ende der 1980er Jahre in Berlin-Kreuzberg begegnet, wo wir in einer Kneipe nebeneinander am Tresen gestanden haben. Das behauptet sie und ich glaube ihr. Meine Erinnerung an diese Zeit ist eher verschwommen. Ich habe jedenfalls Bettina noch mal völlig neu wahrgenommen, als ich die wunderschöne Doku über sie gesehen habe. Daraufhin haben wir sie angeschrieben. Wir haben sie in Berlin in ihrem Haus getroffen. Ganz, ganz tolle Begegnung.
Marian Gold von Alphaville hat mit seiner Stimme in den hohen Lagen den Raum zersägt, wie ich das zuvor kaum erlebt habe. Ich war ganz klein mit Hut danach. Wirklich beeindruckend.»
Frage: Es ist ja wirklich eine lustige, bunte, wilde Mischung. Wie hat sich die ergeben?
Antwort: «Völliges Austoben. Der einzige Parameter war: Mit wem wollen wir unbedingt nochmal arbeiten und wer ist uns bislang durch den Rost gefallen? Zum Beispiel Justin Sullivan von New Model Army. Wir sind mit ihnen seit Mitte der Achtziger befreundet. Hannes Wader verehre ich zutiefst und hadere ein bisschen damit, dass er nicht die Würdigung erfährt, die er verdient hätte. Der Mann hat einfach unfassbar tolle Lieder geschrieben. "Forever young" haben wir ja live als Gag schon ein-, zweimal gebracht. Das war dann klar, dass Marian Gold von Alphaville dabei sein musste.»
Frage: Das waren bestimmt spannende Begegnungen?
Antwort: «Sänger Richard Jobson von den Skids ist in London unmittelbar vor unserem Treffen am Studioeingang von einem Räuber mit Messer überfallen worden. Der kommt auf ihn zu und sagt: "Gib mir dein Geld!" Und er sagte nur: "Wenn Du dich nicht sofort verpisst, hau' ich Dir dermaßen die Fresse voll!" Der Typ ist dann weggerannt. Richard hat dann trotzdem extrem entspannt seinen Song eingesungen. Das war schon sehr lustig.
Wolf Biermann wird im November 90 Jahre alt und ist immer noch dermaßen schnell und schlau. Es war das reinste Vergnügen. Er erzählte zum Beispiel, wie er das erste Mal bemerkt hat, dass seine Wohnung in Ostberlin verwanzt war. Das sind Erinnerungen aus einer anderen Welt. Er ist für die kulturelle Geschichte der DDR/BRD eine historische Figur und immer ein unbequemer, unbestechlicher Typ geblieben.
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