Natascha, Gangl

Österreicherin Natascha Gangl gewinnt Bachmann-Preis 2025

29.06.2025 - 12:04:58 | dpa.de

Das Wettlesen fand drei Tage lang auf sehr hohem Niveau statt. Ein atmosphÀrisch dichter Text um das Erinnern an historische Verbrechen setzte sich durch. Ein deutscher Mitfavorit ging leer aus.

  • Natascha Gangl siegt beim diesjĂ€hrigen Wettlesen. - Foto: Hans Klaus Techt/APA/dpa
    Natascha Gangl siegt beim diesjÀhrigen Wettlesen. - Foto: Hans Klaus Techt/APA/dpa
  • Die PreistrĂ€gerinnen und PreistrĂ€ger. - Foto: Wolfgang Jannach/APA/dpa
    Die PreistrÀgerinnen und PreistrÀger. - Foto: Wolfgang Jannach/APA/dpa
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FĂŒr ihr Sprachkunstwerk ĂŒber das Erinnern und das Vergessen ist die österreichische Autorin Natascha Gangl mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet worden. Mit ihrem anspruchsvollen Text «DA STA» («Der Stein») konnte sie im österreichischen Klagenfurt nicht nur die Jury, sondern auch das Publikum ĂŒberzeugen. 

Die 39-jĂ€hrige Gangl erhielt deshalb neben dem von der Stadt Klagenfurt gestifteten Hauptpreis von 25.000 Euro auch den Publikumspreis. «Es ziacht mia die Schlapf' aus», sagte die sichtlich gerĂŒhrte Autorin im Dialekt, was so viel heißt wie «Es zieht mir die Schuhe aus». Der Hauptpreis erinnert an die österreichische Literatin Ingeborg Bachmann (1926-1973). 

In ihrem Wettbewerbsbeitrag macht sich Gangl auf die Suche nach den versteckten Spuren eines NS-Verbrechens, das gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in ihrer Heimat nahe der slowenischen Grenze verĂŒbt wurde.

Jurorin findet Siegertext «unfassbar prÀzise»

Die Jury zeigte sich demnach nicht nur von der kunstvollen und lyrischen Sprachtechnik beeindruckt, sondern auch von der dichten AtmosphÀre, die Gangl mit Dialekt-Passagen und genauen Naturbeobachtungen schuf. Jurorin Brigitte Schwens-Harrant sprach in ihrer Laudatio von einem «unfassbar prÀzise gestalteten Text». 

Etwa in einer Textpassage, in der die Autorin einen privat errichteten Gedenkstein fĂŒr erschossene Juden in einem Wald sucht, wird der Erdboden mit seinen darin verborgenen Verbrechens-Spuren so beschrieben: «Ein offenes Organ, das kaut, verdaut, gĂ€rt, gibt».

Gangl schreibt Prosa, Essays und Sprechtexte. Gemeinsam mit der Band Rdeca Raketa hat sie eine neue Form des HörstĂŒcks entwickelt, das sie «Klangcomic» nennt. Nach mehrjĂ€hrigen Aufenthalten in Mexiko und Spanien lebt die Autorin heute in Wien und in ihrer ursprĂŒnglichen Heimat in der Steiermark.

Siegerin spielt auf aktuelle Politik an

Dorthin, wo sich viele Menschen «eine offene, eine weiche, eine vielsprachige Steiermark» wĂŒnschten, nehme sie nun den Bachmann-Preis mit, sagte sie. Gangl spielte damit nicht nur auf die slowenische Minderheit in ihrem Bundesland an, sondern auch auf die von der rechten FPÖ angefĂŒhrte Landesregierung.

In den drei Tagen vor der Preisverleihung hatten 14 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre Texte im Rahmen der 49. Tage der deutschsprachigen Literatur vorgelesen. Der Wettbewerb wird von dem österreichischen Sender ORF veranstaltet. In den öffentlichen Diskussionen der Jury kristallisierten sich bald ein Favoritenkreis heraus, der fast durchwegs mit weiteren Preisen belohnt wurde. 

Weitere Preise fĂŒr Schreibtalente aus Deutschland und der Schweiz

Den mit 12.500 Euro dotierten Deutschlandfunk-Preis gewann der Berliner Schriftsteller Boris Schumatsky mit einem Text ĂŒber die Unmöglichkeit, in seine Geburtsstadt Moskau zurĂŒckzukehren. Die Schweizer Autorin Nora Osagiobare erhielt den KELAG-Preis in Höhe von 10.000 Euro fĂŒr ihre rasante ErzĂ€hlung rund um einen Kokain-Rausch und eine wahnwitzige Reality-TV-Show, in der VĂ€ter eine Millionenzahlung erhalten, wenn sie den Kontakt zu ihren Töchtern abbrechen.

Die aus Göttingen stammende Almut Tina Schmidt bewies, dass auch Texte mit ruhiger ErzĂ€hlweise und scheinbar banalen SchauplĂ€tzen ĂŒberzeugen können. FĂŒr ihre Geschichte rund um ein Haus mit vielen Wohnungen, in denen Frauen mit unglĂŒcklichen Beziehungen, Gewalt oder Krankheit kĂ€mpfen, gewann die in Wien lebende Schriftstellerin den 3sat-Preis im Wert von 7.500 Euro. Tara Meister aus Österreich erhielt ein Schreib-Stipendium.

Historisches Romanprojekt geht leer aus

Einer der Mitfavoriten ging leer aus: Der in Konstanz lebende Physiker und Autor Thomas Bissinger stellte einen Ausschnitt aus seinem historischen Romanprojekt ĂŒber die Familie des Physikers Paul Ehrenfest (1880-1933) vor und erntete großes Jury-Lob fĂŒr seine kunstvolle Sprache, in die er auch niederlĂ€ndische Elemente einflocht.

Doch einige der Jurymitglieder stellten die Frage, ob der Text dem Thema NS-Verfolgung gerecht werde, um das es in dem Auszug geht. Bissinger nahm die Kritik dankend an. «Ich denke auch, da ist noch ein Weg zu gehen», sagte er ĂŒber seinen Roman, der nĂ€chstes Jahr erscheinen soll.

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