Ist das passiert? Das Drama «The Father» ums groĂe Vergessen
19.07.2024 - 09:56:11Es ist ein stiller Film, unaufdringlich, subtil, aber dafĂŒr umso eindringlicher. Und das liegt vor allem an den Hauptdarstellern: Anthony Hopkins glĂ€nzt in dem Drama «The Father» als stolzer, teils störrischer alter Mann, der zusehends seiner Demenz verfĂ€llt und nicht begreifen kann, was um ihn herum passiert. Olivia Colman («The Favourite») als Tochter steht ihm in ihrer IntensitĂ€t in nichts nach: Zwischen Verzweiflung und Hoffnung, zwischen Liebe und Ărger changiert ihr VerhĂ€ltnis zum immer aufsĂ€ssigeren Vater. Keine leichte Kost, die da am Freitag um 22.20 Uhr im ARD-Sommerkino auf dem Ersten zu sehen ist, aber dennoch mit einer gewissen Leichtigkeit prĂ€sentiert - und mit einigen erzĂ€hlerischen Kniffen.
Der französische Regisseur Florian Zeller, der den Stoff bereits 2012 auf die TheaterbĂŒhne gebracht hat, erzĂ€hlt in seinem SpielfilmdebĂŒt von 2021 die Geschichte von Anthony und Anne nicht strikt chronologisch, nicht kohĂ€rent. Er wagt SprĂŒnge, ohne diese anzukĂŒndigen. Er prĂ€sentiert plötzlich eine andere Schauspielerin (Olivia Williams), die Anne sein soll und die Anthony ebenso wenig als diese erkennen kann wie die Zuschauer. Und er gibt damit einen Einblick in Anthonys von Demenz gezeichneter Wahrnehmung: Hat das GesprĂ€ch mit Anne ĂŒber ihren Umzug nach Paris wirklich stattgefunden? Gab es den Streit mit ihrem Ehemann? Gibt es diesen Ehemann ĂŒberhaupt? Oder war das nur in Anthonys Kopf?
Zeller verzichtet in seinem Demenz-Drama wohltuend auf medizinischen Fachjargon, auf Analysen in weiĂen Kitteln, auf Klinik-Standards. Er konzentriert sich voll auf seine beiden Hauptfiguren: Anthony, diesen intelligenten, starken Mann, der sich und die Welt herum mehr und mehr verliert. Und Anne, diese liebevolle, um ihren Vater kĂ€mpfende Tochter, deren KrĂ€fte langsam zur Neige gehen. Er beschreibt damit, auf filmdramatische Weise, wohl ein Szenario, dass sich hunderttausendfach in Familien abspielt: Der schwere Umgang mit der Demenz eines geliebten Mensch; der Schmerz darĂŒber, von diesem Menschen nicht mehr erkannt zu werden; der Verlust eines Menschen, seiner Erinnerungen, seiner IdentitĂ€t.
Hopkins spielt all dies mit der ihm eigenen IntensitĂ€t zwischen StĂ€rke und Verletzlichkeit. Er ist der dickköpfige Patriarch, der gemeine Dinge sagt. Er ist der Charmeur, der die junge Pflegerin beim Whisky zum Lachen bringt. Er ist der verzweifelte alte Mann, der nicht mehr weiĂ, was um ihn herum passiert. Dabei trĂ€gt er selten zu dick auf, sondern changiert gekonnt zwischen diesen Extremen. FĂŒr «The Father» erhielt der damals 83-jĂ€hrige Brite mehr als verdient seinen zweiten Oscar als bester Hauptdarsteller - nach der ersten Auszeichnung 1992 fĂŒr die Rolle des Serienmörders Hannibal Lecter in das «Schweigen der LĂ€mmer».


