Die Magierin - Mascha Schilinskis Chance auf den Oscar
15.01.2026 - 08:00:04Die Zeitzonen lösen sich langsam auf. Die Berliner Regisseurin Mascha Schilinski hat mit ihrem Film «In die Sonne schauen» Chancen auf den Oscar und reist seit Monaten um die Welt. London und Paris, New York und Los Angeles. «Ich habe schon gar keinen Jetlag mehr», erzÀhlt sie. «Es gibt einfach keine Zeit mehr, was auch passend zum Thema des Films ist.»
Der erzÀhlt von vier jungen Frauen, die zu unterschiedlichen Zeiten auf einem Bauernhof in der Altmark leben. Die Geschichte springt zwischen den Zeiten - ungefÀhr zwischen den 1910er Jahren, den 1940ern, den 1980ern und der heutigen Zeit. Unausgesprochen scheint die MÀdchen etwas zu verbinden.
Beim Festival in Cannes sorgte der Film fĂŒr eine Ăberraschung und gewann den Preis der Jury. Am Samstag (17. Januar) hat er nun Chancen auf den EuropĂ€ischen Filmpreis. Und nĂ€chsten Donnerstag (22. Januar) könnte er fĂŒr den Oscars als bester internationaler Film nominiert werden. Auf die Shortlist hat es der deutsche Beitrag schon geschafft.
«Das ist eine ganz alte Kindheitsfrage von mir»
Seit Cannes ist bei Schilinski viel los. Dabei sollte es fĂŒr sie ein ruhiges Jahr werden, ein Babyjahr, wie sie beim Interview erzĂ€hlt. Schlau und zugĂ€nglich wirkt sie da, auch sehr bestimmt in ihrer Art. Eine Frage, die wichtig war fĂŒr «In die Sonne schauen»: Wer hat vor mir an diesem Ort gelebt?
«Das ist eine ganz alte Kindheitsfrage von mir, weil ich ja in einem Berliner Altbau groĂ geworden bin und mich auch immer gefragt habe: "Wer saĂ hier?"», erzĂ€hlt Schilinski. «Oder wenn ich die StraĂe langlaufe: "Wer ist hier vor mir gelaufen und in welche sprichwörtlichen FuĂstapfen trete ich hier gerade?" Das ist eine Frage, die mich immer begleitet.»
Welche Erfahrungen verbinden Frauen?
Mit einer fast magischen, manchmal gespenstischen AtmosphĂ€re erzĂ€hlt der Film von intergenerationalen Traumata, von Gewalt und Missbrauch, aber auch von intimen und zĂ€rtlichen Momenten. «Der Film setzt sich damit auseinander, welchen Blicken Frauen ein Jahrhundert lang unterworfen sind und diese Frauen im Film blicken zurĂŒck», sagt Schilinski.
Es gehe nicht um die groĂe Geschichte, sondern sie hĂ€tten versucht, in den Puls der Figuren zu kriechen. «In das Innenleben einzutauschen und sichtbar zu machen, wo eigentlich kleine, leise Dinge zu Bruch gegangen, verschĂŒttet oder verborgen sind. Und ich glaube, darin finden sich viele Menschen wieder.»
Was Schilinski beim Zirkus machte
Geboren wurde Schilinski 1984 in Berlin. In ihrer Biografie gibt es ein Detail, auf das sie öfter angesprochen wird, dabei hĂ€lt sie es fĂŒr ĂŒberbewertet. Sie war mal beim Zirkus. In ihren frĂŒhen 20ern sei sie einige Jahre am StĂŒck gereist und eine Etappe sei ein kleiner, italienischer, tierfreier Wanderzirkus gewesen.
«Es ist ein Detail, das sich gröĂer anhört, als es ist», sagt sie. In der Summe ihres Lebens sei es ein kleiner Ausschnitt und eine Erfahrung von vielen gewesen, die natĂŒrlich ins Filmemachen eingeflossen seien. Aber es sei nicht das Detail gewesen, das ihren Film prĂ€gend beeinflusst habe.
«Das, was Menschen an Magie mit Zirkus verbinden, ist eine ganz andere Magie als dieser magische Realismus, der jetzt im Film zu finden ist», sagt sie. Beim Zirkus habe sie gezaubert und daran habe sie immer gestört, dass man den Leuten etwas verkaufe, was eigentlich keine Wahrheit hat. «Und beim Filmemachen mag ich, dass es genau andersherum ist - dass man versucht, auf den Grund einer Wahrhaftigkeit zu tauchen.»
«Dann auf jeden Fall nicht»
Auf den Grund einer Wahrhaftigkeit tauchen, das will auch «In die Sonne schauen». International bekam der Film, der nicht einfach zu schauen ist, gute Kritiken. Der britische «Guardian» verglich ihn mit einem mysteriösen Gedicht ĂŒber Schuld, Scham und Sehnsucht; das Branchenblatt «Variety» hob etwa auch die Sinnlichkeit und den schwarzen Humor hervor; ein Kritiker des «New Yorker» nannte den Film auĂergewöhnlich.
Schilinski wollte damit einen Film drehen, von dem sie selbst die Sehnsucht verspĂŒrte, dass es ihn geben soll. Dass das so belohnt werde, sei das groĂe Geschenk. «Es gab immer wieder Menschen, die nicht an diesen Film geglaubt haben. Oder die mit ihren Rezepten kamen und gesagt haben: "Wir machen es aber so, weil so hat es immer geklappt." Und wenn jemand sagt: "So machen wir es immer", dann denke ich sofort: "Dann auf jeden Fall nicht."»Â
Als beim Interview irgendwann die Zeit ablĂ€uft, klopft es an der TĂŒr, letzte Frage, heiĂt es dann. Schilinski lĂ€sst sich mit der Antwort besonders lange Zeit.





