MĂ€dchen fĂŒr alles? Wenn die Rolle nicht dem Alter entspricht
02.06.2024 - 08:33:38 | dpa.de«Wie alt ist die Schauspielerin in diesem Film eigentlich?» - Die Frage lĂ€sst sich oft gar nicht so leicht beantworten. Ein MĂ€dchen im Teenageralter in einer Serie wirkt oft nicht wie jemand, der gerade noch in seinen Körper hineinwĂ€chst. In der neuen «Bridgerton»-Staffel, die vor Kurzen beim Streamingdienst Netflix angelaufen ist, wird die etwa 17-jĂ€hrige Penelope Featherington von der 37-jĂ€hrigen Nicola Coughlan verkörpert. Und andersherum funktioniert das auch: 2004 spielte etwa die 29-jĂ€hrige Angelina Jolie die Mutter eines etwa 20-JĂ€hrigen im Blockbuster «Alexander».Â
Stimmt es, dass man eher Frauen einer begrenzten Altersspanne in Film und Fernsehen sieht? Das sagen Schauspielerinnen und die Forschung dazu:
Ursula Karven
Wenn die mittlerweile 59-jĂ€hrige Ursula Karven («Stille Post») an ihre AnfĂ€nge zurĂŒckdenkt, fand sie manches «idiotisch»: «Ich habe eine StaatsanwĂ€ltin gespielt, da war ich 28.» FĂŒrs eigene GefĂŒhl wĂ€re sie selbst gerne Ă€lter gewesen, um diese Rolle ausfĂŒllen zu können. «Aber da braucht unsere Medienlandschaft noch Zeit, bis sie wirklich die GröĂe haben, zu erkennen, dass Ă€ltere Frauen groĂe Wirkung haben und dass Ă€ltere Frauen sexy sind. Diese Realisation könnte noch ein bisschen besser stattfinden», sagte Karven der Deutschen Presse-Agentur (dpa).Â
Ăltere Frauen im deutschen Film wenig vertreten
Was Karven beschreibt, ist nicht nur ein GefĂŒhl. Eine Studie der UniversitĂ€t Rostock hatte 2021 ergeben, dass weibliche Hauptfiguren im deutschen Kino an sich mit zunehmenden Alter immer seltener werden. FĂŒr MĂ€nner gelte dies ab einem Alter von 50, bei Frauen bereits ab Mitte 30. Die Studie wurde unter anderem von der Malisa-Stiftung auf den Weg gebracht, die sich fĂŒr mehr Chancengleichheit von MĂ€dchen und Frauen einsetzt. GegrĂŒndet wurde die Stiftung von Schauspielerin Maria FurtwĂ€ngler und ihrer Tochter. Laut Studie wurden Frauen im deutschen Kino hauptsĂ€chlich als jung und schlank im Kontext von Partnerschaften und Beziehungen erzĂ€hlt.Â
An einer Ă€hnlichen VorgĂ€ngerstudie von 2016 hatte die Kommunikationswissenschaftlerin Christine Linke von der UniversitĂ€t Wismar mitgearbeitet und am Buch «Ausgeblendet: Frauen im deutschen Film und Fernsehen» mitgeschrieben. Ihr zufolge sei es wichtig, keine «einfache Medienlogik» zu haben. «Es ist nicht so, dass man sieht und glaubt. Aber ein tĂ€glicher, meist alternativloser Einfluss hat einen Effekt auf uns. Es prĂ€gt uns Menschen, wenn wir nur ein eingeschrĂ€nktes Frauenbild sehen.» Hingegen werde mit MĂ€nnerkörpern anders umgegangen: «WĂ€hrend allgemein bei Frauen kritischer aufs Altern geschaut wird, geht es fĂŒr MĂ€nner in den Medien ab 40 meist erst richtig los. Insgesamt sind MĂ€nner in allen Altersgruppen in Film und Fernsehen sichtbar. Und Frauen nicht.»Â
US-Schauspielerin Amanda Seyfried
Bei der diesjĂ€hrigen Berlinale hatte die 38-jĂ€hrige Seyfried («Mamma Mia») angemerkt, nur noch Rollen als Mutter angeboten zu bekommen, seit sie selbst Mutter geworden ist. Obwohl das einerseits recht eingeschrĂ€nkte Möglichkeiten sind, gab sie zu verstehen, dass die ihr angebotenen Rollen tiefgrĂŒndiger geworden seien: «Ich habe das GefĂŒhl, dass die Möglichkeiten fĂŒr mich persönlich viel aufregender geworden sind», sagte sie der dpa am Rande der Berlinale zur Frage von unterschiedlichem Spielalter. «Ich glaube, jeder kĂ€mpft darum, gesehen und verstanden zu werden.»
Veronica Ferres
Die 58-jĂ€hrige Veronica Ferres («Das Superweib») fĂŒhrt die Diskrepanzen zwischen dem Alter einer Schauspielerin und dem Alter ihrer Rolle in manchen FĂ€llen auf reinen Pragmatismus zurĂŒck. «Was ich noch verstehen kann: dass 18-JĂ€hrige dann 17-, 16-JĂ€hrige spielen. Das hat natĂŒrlich auch mit der VolljĂ€hrigkeit zu tun und mit den Gesetzen am Drehort, die einfach zum Schutz - zum Beispiel der Arbeitszeiten von Jugendlichen - dienen. Das macht fĂŒr Produktionsfirmen oft Sinn», sagte Ferres der dpa. Aber: «Was ich nicht verstehe: dass oft JĂŒngere Ă€ltere Rollen spielen.» Immerhin: In diesem Jahr erscheint ihr neuer Film «Unholy Trinity», in dem die 58-JĂ€hrige an der Seite von Pierce Brosnan und Samuel L. Jackson (beide ĂŒber 70) spielt. Ihre Rolle sei eigentlich fĂŒr eine Frau Anfang 40 geschrieben worden.
Jella Haase
Die Berlinerin Jella Haase (31) kennt man als prollige Chantal aus den «Fack Ju Göhte»-Filmen. Sie selbst war aber schon Anfang 20, als sie in die Rolle der OberstufenschĂŒlerin geschlĂŒpft ist. In diesem Jahr ist sie noch einmal in der Auskopplung «Chantal im MĂ€rchenland» zu sehen gewesen. «Manchmal machts Sinn, manchmal hilft ein bisschen Lebenserfahrung, eine jĂŒngere Figur zu verkörpern», sagte sie der dpa. «Manchmal aber auch nicht.»Â
Dass man sich aber mehr und mehr daran gewöhne, dass junge MĂ€dchen reifer wirkten als ihr Alter, liege nicht nur an Filmen. «Die Sehgewohnheit wird ja auch vor allem, finde ich, durch soziale Medien geĂ€ndert», sagte die 31-JĂ€hrige. «Wo superjunge MĂ€dchen viel Ă€lter aussehen. Das ist schon durchaus kritisch zu bewerten.»Â
Die Kommunikationsforscherin Linke kann das auch auf wissenschaftlicher Ebene bezeugen. «In den traditionellen Medien und neuen Medien im Netz findet eine Hypersexualisierung vor allem weiblicher Körper statt, die auch schon bei Kinderkörpern anfÀngt.»
Nur bei Teenie-Serien macht die Forscherin einen kleinen Unterschied
Vor allem bei bekannten Teenie-Filmen und -Serien sind die Darstellerinnen oft Àlter: Teeagerin Rachel Bilson als Summer Roberts in «O.C. California» war etwa bereits 22, als die erste Staffel erschien. Die Buffy-Darstellerin Sarah Michelle Gellar war im echten Leben bereits 20, obwohl sie eine 16-jÀhrige VampirjÀgerin verkörperte. Die etwa 16-jÀhrige Popkultur-Ikone Regina George aus «Girl's Club - Vorsicht bissig!» wurde von Rachel McAdams gespielt, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten aber schon rund zehn Jahre Àlter war.
Linke sieht darin einen besonderen Grund. «In Teenie-Serien und -Filmen wird eher auf Begehrlichkeiten einer jungen Zielgruppe reagiert. Jugendliche streben nach Idolen, sie wollen oft Ă€lter und eigenstĂ€ndiger sein. Das ist ganz natĂŒrlich, denn in dieser Lebensphase sucht man nach der einen IdentitĂ€t.» In entsprechenden Serien werde daher ein unrealistisches Bild von Teenagerkörpern geschaffen, so Linke. «Das ist eine Besonderheit dieses Genres und das ist aber trotzdem durchaus zu hinterfragen.»
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