Der Wert der Vergebung: Verzeihen ist heilsam fĂŒr Opfer und TĂ€ter / Ein gesunder Selbstwert mindert die KrĂ€nkbarkeit und stĂ€rkt die Bereitschaft zur Vergebung
26.10.2023 - 10:07:12Ein Beispiel: Wenn Markus F. an seine Mutter denkt, dann erinnert er sich an DemĂŒtigungen, Verbote, an all die vielen Arbeiten, die er tĂ€glich verrichten musste, so dass er viel zu wenig Zeit hatte, genug fĂŒr die Schule zu tun. Sein Vater trat kaum in Erscheinung. WĂ€hrend der Woche war der meistens beruflich unterwegs. An den Wochenenden verschwand der in irgendwelchen Kneipen. Sobald Markus F. konnte, verlieĂ er sein Elternhaus. Obwohl er kein Abitur hatte, gelang es ihm, einen Platz an der Kunstakademie zu bekommen. Sein kreatives Schaffen half ihm, sich selbst in gewisser Weise das Ăberleben zu sichern. Um sein Leben wirklich zu genieĂen, fehlten ihm StabilitĂ€t und Sicherheit. Frauen kamen und gingen. Erst als er Stefanie kennenlernte, begann er zu begreifen, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Da ihm eine Beziehung zu ihr wichtiger war als alles andere in seinem Leben, suchte er sich professionelle Hilfe. Er fand einen Psychotherapeuten, zu dem er Vertrauen aufbauen konnte. WĂ€hrend der Psychotherapie konnte ein Prozess entstehen, der es Markus F. nach und nach ermöglichte, schlieĂlich seiner Mutter all die ihm zugefĂŒgten Verletzungen zu verzeihen. Die reale Beziehung zu seiner Mutter hat sich dadurch nicht verĂ€ndert. Aber er kann das erste Mal eine tiefere Bindung zu einer Frau aufbauen.
Verzeihen sollte nicht dazu fĂŒhren, in schĂ€dlichen Lebenskonstellationen zu verharren. RachegefĂŒhle sind emotional normal und notwendig, um mit der Situation innerlich umzugehen. Rache dann tatsĂ€chlich auszuleben, ist etwas ganz anderes. Jemandem etwas ĂŒbelzunehmen und das auch zu Ă€uĂern oder zu zeigen, zeugt von gesunder Selbstachtung. Denn wer stets vergeben muss, um eine soziale Beziehung aufrecht erhalten zu können, sollte konkret ĂŒber Distanz oder sozialen RĂŒckzug nachdenken. Dies insbesondere, wenn beim auslösenden GegenĂŒber keine Reue oder VerhaltensĂ€nderung zu sehen ist.
Das Wort Verzeihen spricht von Verzicht aufs Rachenehmen und drĂŒckt damit eine StĂ€rke aus. Vergebung erzĂ€hlt eine gleichwertige Beziehung von Schenkendem und Beschenktem. Das Erlittene muss dabei auch nicht vergessen werden, es bleibt Teil der Lebensgeschichte. Das Annehmen des Geschehenen ist nicht gleichzusetzen mit der Akzeptanz von Unrecht. Verzeihung stellt den inneren Frieden wieder her, ansonsten wird oft rastlos ĂŒber die Person und das erlittene Unrecht oder die innere Verletzung nachgedacht.
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Versöhnung
Versöhnung wiederum ermöglicht einen Neustart. Eine menschliche NĂ€herung kommt nur auf, wenn eine Reuebekundung stattgefunden hat. Dadurch werden die Rollen TĂ€ter und Opfer aufgehoben. Langfristig gehegte RachegefĂŒhle zerstören die soziale Beziehung vollends. In der europĂ€ischen Kultur gab es gelebte Rache, jedoch ist erwiesen, dass ausgelebte Rache eben keine Versöhnung herstellen kann.
Selbstvergebung
Es macht fĂŒr die eigene Gesundheit und emotionale Verfassung keinen Unterschied, ob man sich selbst oder anderen nicht verzeihen kann. Die Folge können in beiden FĂ€llen Angst, Depressionen und ein geschwĂ€chtes Immunsystem sein. Sich selbst zu verzeihen, bewirkt eine Akzeptanz des Vorgefallenen. Die eigene Schuld zu fĂŒhlen und anzuerkennen, fĂŒhrt ĂŒber die Reue dazu, Verantwortung fĂŒr das eigene Handeln zu ĂŒbernehmen. Sich Fehler einzugestehen, kann zur Wiedergutmachung fĂŒhren. Es gibt Menschen mit einem geringen SelbstwertgefĂŒhl, die sich ĂŒber Taten und Erfolge definieren, und denen es schwerfĂ€llt, sich Fehler zu erlauben. FĂŒr sie ist ein Ritual wichtig, um nicht im Verlies der Unversöhnlichkeiten gefangen zu bleiben. Denn Vergebung und Versöhnung fĂŒhren zu einem besseren Leben.
Lesen Sie unser Dossier "Verzeihen kann heilsam sein"
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