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«Tatort» aus Wien: Ein Kammerspiel um Wut und Frust

26.04.2026 - 05:10:04 | dpa.de

Sie sind gestrandet - schon in jungen Jahren. Die Bewohner einer Sozialeinrichtung in Wien kennen vor allem ZurĂŒckweisung und EnttĂ€uschung. Kann das ein Motiv fĂŒr einen Mord sein?

Krassnitzer und Neuhauser spielen in ihrem vorletzten Fall Ă€ußerst ĂŒberzeugend ein Ermittler-Duo voller Weisheit und Empathie. - Foto: Katharina MĂŒckstein/ARD Degeto/dpa
Krassnitzer und Neuhauser spielen in ihrem vorletzten Fall Ă€ußerst ĂŒberzeugend ein Ermittler-Duo voller Weisheit und Empathie. - Foto: Katharina MĂŒckstein/ARD Degeto/dpa

Sie sind zu Hause, wo niemand wohnen will: im schĂ€bigen GebĂ€ude einer sozialpĂ€dagogischen Wohngemeinschaft mit dem fast zynischen Namen «Sonnenhof» am Rand von Wien. FĂŒr die 14- bis 18-jĂ€hrigen «Klienten», wie sie genannt werden, ist das Areal zwar eine Zuflucht, aber auch ein Signal, wie sehr abgeschoben sie sind, wie weit weg von der Gesellschaft, wie fern der Hoffnung auf ein gelingendes Leben. Es herrscht eine oft beklemmende AtmosphĂ€re. TrĂ€nen, WutausbrĂŒche, Hass - das Regulieren von Emotionen funktioniert einfach nicht. Und dann ist plötzlich auch noch der Leiter der Wohngruppe tot.

In der «Tatort»-Folge «Gegen die Zeit» (ARD, 20.15 Uhr) werden die Mord-Ermittlungen von Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ĂŒber weite Strecken wie ein filmisches Kammerspiel inszeniert. Fast jede Action im Sinne von Blaulicht-EinsĂ€tzen ist verbannt, keine aufwendige Spurensuche am Tatort, keine Obduktion mit launigen Bemerkungen der Gerichtsmediziner. Es wird stattdessen geredet - und gebrĂŒllt. «Da kriegt man ja SchĂ€delweh», sagt Fellner nach einem Schreiduell mit einem VerdĂ€chtigen.

Das Ermittler-Duo glÀnzt mit Empathie

Der Fall? David Walcher (Roland Silbernagl), der Chef der Jugendwohngruppe, ist tot. Er wurde in der NĂ€he des «Sonnenhofs» erschlagen. Regisseurin und Drehbuch-Co-Autorin Katharina MĂŒckstein filmt aber nicht allein die Ermittlungen, viele Szenen drehen sich um die Vorgeschichte des Mordes. Die VerdĂ€chtigen, und das sind alle Bewohner inklusive der drei Betreuer, werden ganz ohne Hektik und schnelle Schnitte charakterisiert. «Ich trau' jedem alles zu», sagt einer der Betreuer - und das Publikum wird nicht widersprechen.

Krassnitzer und Neuhauser spielen in ihrem vorletzten Fall Ă€ußerst ĂŒberzeugend ein Ermittler-Duo voller Weisheit und Empathie. Ihr EinfĂŒhlungsvermögen verschafft ihnen den Zugang zu den «Klienten». HauptverdĂ€chtiger ist Cihan (Alperen Köse). Der Jugendliche ist seit der Tatnacht verschwunden. Er tigert durch die Stadt, sucht Familie und Freunde auf, um sich durchzuschlagen. Cihan hat wie andere aus der WG ein Vorstrafenregister. Sein Laufduell mit Kriminalassistentin Meret Schande (Christina Scherrer) endet damit, dass er sein Messer zĂŒckt und die Beamtin ihre Pistole.

Psychisch auffÀlliger Waffennarr als Nachbar

Und da ist noch der ominöse Nachbar des «Sonnenhofs». Der finstere Zeitgenosse mit SchĂ€ferhund und Gewehr (Roman Blumenschein) hat den «Sonnenhof»-Bewohnern schon mit dem Tod gedroht, weil sie seine GrundstĂŒcksgrenze missachtet und GegenstĂ€nde beschĂ€digt hĂ€tten. Erst als Eisner mit der Spezialeinheit Cobra auftaucht, öffnet er sein GrundstĂŒckstor und stellt sich unter theatralischen UmstĂ€nden den Fragen des Ermittlers.

Bei der Suche nach dem Motiv blitzt dann die andere Seite des Opfers auf. Walcher war nicht nur ein engagierter Leiter der Sozialeinrichtung. Privat hat er das Leben seiner Ex-Frau mit seinen Stalking-Attacken zur Hölle gemacht.

Krassnitzer: Der Film ist ein langes GesprÀch

Im Interview mit der ARD geht Krassnitzer auf die aktuelle Debatte um Jugendgewalt ein: «Was unsere Protagonisten erlebt haben, sind traumatische Geschichten von Flucht, Verwahrlosung, Ablehnung und tÀglichen Erniedrigungen.» Strafen und Restriktionen hÀtten in dem brutalen Biotop, in dem der Film spiele, keine Wirkung, findet der Schauspieler.

Er hat recht, dass dieser «Tatort» zu den außergewöhnlichen Folgen zĂ€hlt und sagt: «Der Film ist eine Art langes GesprĂ€ch, das mit kurzer Unterbrechung von der Nacht bis zum nĂ€chsten Tag dauert und eine Erkenntnis hervorbringt, die mich tief berĂŒhrt.»

Duo tritt nach rund 40 FĂ€llen ab

Das Duo Eisner-Fellner zÀhlt zu den lÀngstdienenden «Tatort»-Ermittlerinnen und Ermittlern. Krassnitzer ist bereits seit 1999 dabei. Zwölf Jahre spÀter wurde ihm Bibi Fellner zur Seite gestellt. Die beiden haben zumindest noch einen Fall zu lösen. Unter dem Titel «Dann sind wir Helden» gehen sie nach rund 40 gemeinsamen FÀllen im Herbst zum letzten Mal auf Verbrecherjagd.

Ihren Nachfolger stehen schon fest: Es sind Miriam Fussenegger und Laurence Rupp. Die 35-jÀhrige Fussenegger, die auch als Buhlschaft im «Jedermann» im Salzburg bekannt wurde, und der 38 Jahre alte Rupp werden ab 2027 KriminalfÀlle in Wien lösen.

Mit dem neuen Team soll fĂŒr den österreichischen «Tatort» ein neues Kapitel beginnen - mit einer neuen Generation und einem völlig neuen Zugang. Das Duo werde in seinen Rollen als Halbgeschwister agieren, hieß es vonseiten des ORF. Drehstart fĂŒr den ersten Fall werde voraussichtlich im FrĂŒhjahr 2026 sein.

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