Berlin, Deutschland

Fernglas statt Handy: Warum die Gen Z jetzt Birden geht

10.05.2026 - 05:00:07 | dpa.de

Zehn Jugendliche treffen sich an einem Sonntagnachmittag. 3,5 Stunden lang wird fast niemand aufs Handy schauen. Sie beobachten Vögel. Wie Teenager ein Hobby mit Alt-Herren-Image fĂŒr sich erobern.

  • Ohne Fernglas geht beim Birden nichts. - Foto: Fabian Sommer/dpa
    Ohne Fernglas geht beim Birden nichts. - Foto: Fabian Sommer/dpa
  • Cora ist einmal extra nach DĂ€nemark gereist, um sich an einer Vögel-ZĂ€hlaktion zu beteiligen.  - Foto: Fabian Sommer/dpa
    Cora ist einmal extra nach DÀnemark gereist, um sich an einer Vögel-ZÀhlaktion zu beteiligen. - Foto: Fabian Sommer/dpa
  • Ole steht fĂŒrs Birding manchmal sehr frĂŒh auf. - Foto: Fabian Sommer/dpa
    Ole steht fĂŒrs Birding manchmal sehr frĂŒh auf. - Foto: Fabian Sommer/dpa
  • Einige Jugendliche sind schon seit Jahren mit dabei. - Foto: Fabian Sommer/dpa
    Einige Jugendliche sind schon seit Jahren mit dabei. - Foto: Fabian Sommer/dpa
Ohne Fernglas geht beim Birden nichts. - Foto: Fabian Sommer/dpa Cora ist einmal extra nach DĂ€nemark gereist, um sich an einer Vögel-ZĂ€hlaktion zu beteiligen.  - Foto: Fabian Sommer/dpa Ole steht fĂŒrs Birding manchmal sehr frĂŒh auf. - Foto: Fabian Sommer/dpa Einige Jugendliche sind schon seit Jahren mit dabei. - Foto: Fabian Sommer/dpa

Ist das ein Rotmilan? Dahinten fliegt ein Reiher! Hörst du den Gesang der Grauammer? FĂŒr die meisten Jugendlichen sind das eher ungewöhnliche SĂ€tze. FĂŒr die zehn jungen Leute, die an einem Sonntagabend auf dem ehemaligen GelĂ€nde des Flughafens Tegel in Berlin stehen und mit FernglĂ€sern in die Luft gucken, nicht. Sie sind zwischen 12 und 26 Jahren alt - und sie sind Vogel-Vollprofis. 

«Seit ich im Young Birders Club bin, gehe ich ungefĂ€hr jedes Wochenende raus», sagt Ole, 12 Jahre alt. Birding heißt so viel wie Vogelbeobachtung, klingt aber ein bisschen cooler. Deutschlandweit hat der Nabu etwa fĂŒnf dieser Gruppen. In Berlin ist Ole der JĂŒngste. «Meine Freunde finden mich auch ein bisschen verrĂŒckt, weil ich recht frĂŒh aufstehe.» 

Ole und die anderen Jugendliche rĂ€umen mit einem weit verbreiteten Klischee auf: Dass Vogelbeobachten etwas fĂŒr alte MĂ€nner in Trekking-Outfits sei. Auf Instagram und YouTube gibt es immer mehr junge Influencer, die ihre Beobachtungen teilen und ĂŒber Vögel aufklĂ€ren. Über Apps vernetzt sich die Szene miteinander, teilt ungewöhnliche Sichtungen, organisiert Treffen. 

Laut einer Studie aus Großbritannien, ĂŒber die die britische Zeitung «Guardian» berichtet hat, ist Vogelbeobachtung nach dem Schmuckbasteln das am zweitschnellsten wachsende Hobby der Generation Z. Fast 750.000 Angehörige dieser Generation der zwischen 1995 und 2010 Geborenen in Großbritannien beobachten demnach regelmĂ€ĂŸig Vögel.

Immer mehr Frauen finden Gefallen an dem Hobby

Vergleichbare Zahlen gibt es fĂŒr Deutschland nicht, aber: «Auf jeden Fall sinkt das Alter», sagt Christopher König vom Dachverband Deutscher Avifaunisten. «Lange Zeit hatte das Hobby den Ruf, dass das nur alte MĂ€nner in komischen Klamotten machen.» Doch inzwischen gebe es immer mehr junge Vogel-Enthusiasten. «Auch der Frauenanteil nimmt zu ĂŒber die Jahre.» 

Auf dem GelĂ€nde des ehemaligen Flughafens Tegel holt Cora ihr Spektiv raus. Die 18-JĂ€hrige geht in der Regel mindestens einmal in der Woche Birden, inklusive Kamera, Fernglas und Audiorekorder fĂŒr Vogelstimmen. Auf ihrem Handy hat sie ein PDF eines sehr detaillierten Handbuchs fĂŒr europĂ€ische Vögel - leider nur auf HollĂ€ndisch. 

«Ich habe mich generell schon viel fĂŒr Natur interessiert. Dann habe ich irgendwann ein Fernglas geschenkt bekommen. Dann war Corona und ganz ganz viel Zeit, um draußen zu sein», erzĂ€hlt Cora. Wenn man die Jugendlichen fragt, wie sie zum Birden kamen, fĂ€llt hĂ€ufig das Stichwort Corona. Auch die 18-jĂ€hrige Charlotte ist wĂ€hrend der Pandemie aus Langeweile mehr rausgegangen und entdeckte so ihre Begeisterung fĂŒr Natur und Vögel. «Mir macht es Spaß, weil es ein Weg ist, draußen zu sein.» FĂŒr sie sei es auch ein guter Ausgleich zum Smartphone. 

Es ist auffĂ€llig, dass die jungen Birder wĂ€hrend der dreieinhalbstĂŒndigen Exkursion fast gar nicht aufs Handy schauen. Die Unterhaltungen werden höchstens von begeisterten Ausrufen und einem in die Höhe schnellenden Finger unterbrochen, wenn jemand einen Vogel entdeckt. 

Manchmal folgt beim nĂ€heren Hinsehen ErnĂŒchterung: «Ah, das ist eine Taube.» Doch es sind auch einige Highlights dabei. «Stopp, eine Weihe!», ruft Gruppenleiter Manuel Tacke einmal plötzlich. Lauter FernglĂ€ser richten sich zum Himmel. Teilnehmer Theo hat eine Kamera mit riesigem Objektiv und versucht den Vogel wie ein Paparazzo aufs Bild zu kriegen. SpĂ€ter stellt sich heraus, dass das am Himmel eine Wiesenweihe war, ein sehr seltener Brutvogel, der so gut wie nie in Berlin gesichtet wird.

Der Reiz des Analogen zĂ€hlt zu den GrĂŒnden, warum das Hobby gerade bei jungen Menschen Anklang findet. In einer stressigen Welt tue es einfach gut, in der Natur zu sein, sagt Laura Muschiol, Co-Leiterin des Young Birders Clubs. «In der aktuellen Weltlage ist es, glaube ich, total wohltuend, zu sehen, dass bestimmte Sachen immer wieder kommen. Der Vogel, den ich bei mir im Park habe, der ist auch dieses Jahr wieder da, egal, was in den Nachrichten gerade abgeht. Und das ist auch ein bisschen was Tröstendes, glaube ich», sagt die 33-JĂ€hrige. Die Jugendlichen trĂ€fen sich auch abseits der Touren und beteiligten sich an deutschlandweiten Monitoring-Programmen. 

Viele nutzen dafĂŒr die Plattform ornitho.de, die vom Dachverband Deutscher Avifaunisten betrieben wird. Auch Hobby-Ornithologinnen und Ornithologen können sich dort registrieren und ihre eigenen Beobachtungen eintragen, wenn möglich, mit Foto und Tonaufnahme. Unterwegs geht das ĂŒber die App Naturalist. 500 sogenannte Regionalkoordinatoren sichten die eingehenden Beobachtungen und ĂŒberprĂŒfen sie auf ihre PlausibilitĂ€t.

Tausende Vogel-Meldung pro Tag

«Wir sind begeistert, wie hoch der Zuspruch ist», sagt König. Allein vergangenes Jahr hĂ€tten sich 6.000 Menschen neu bei Ornitho registriert. «Das ist ein neuer Rekord.» Bei gutem Wetter wĂŒrden pro Tag teilweise mehr als 100.000 Meldungen eingehen. «Wir merken in den letzten Jahren auf jeden Fall einen Zustrom.» In der Pandemie ging es so richtig los. Die Begeisterung fĂŒr Vögel hielt auch danach an. 

FĂŒr die Wissenschaft ist das ein Gewinn, sagt König. ZusĂ€tzlich zu offiziellen ZĂ€hlungen helfen die Daten von Hobby-Ornithologen, BestandsverĂ€nderungen zu bemerken, wie der Biogeograph erklĂ€rt. Vor allem Vögeln der Agrarlandschaften gehe es in Deutschland schlecht. «Da haben wir Arten, die sehr, sehr stark zurĂŒckgegangen sind.» Beispiele seien das Rebhuhn, die Feldlerche oder der Kiebitz. 

Die jungen Hobby-Ornithologinnen und -Ornithologen aus Berlin haben bis zum Ende ihres Ausflugs zwei Kiebitze entdeckt. Auch sonst ist ihre Liste beeindruckend: 45 verschiedene Vogelarten stehen darauf, darunter 7 Mauersegler, 150 NebelkrÀhen, 5 Braunkehlchen - eine stark gefÀhrdete Art -, 6 SteinschmÀtzer, 2 Schwarzmilane und ein Girlitz. SelbstverstÀndlich haben sie alle Beobachtungen online gemeldet.

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