Fahrrad-Verband: Viele UnfÀlle beim Rechtsabbiegen
25.08.2023 - 07:16:23Europa-Allee in Frankfurt, ein «Ghost-Bike» erinnert an den Unfalltod eines 34-jÀhrigen Radfahrers, der hier vor vier Jahren von einem Lastwagen beim Rechtsabbiegen erfasst und tödlich verletzt wurde.
Das ausrangierte, weiĂ gestrichene Fahrrad dient gleichzeitig als Mahnmal. Denn solche schweren UnfĂ€lle geschehen immer wieder, bundesweit. Vergangenes Jahr starben dabei nach einer Auswertung des Fahrrad-Verbands ADFC 19 Radfahrerinnen und Radfahrer, in diesem Jahr bis Mitte August 12. Die Zahlen seien zwar zurĂŒckgegangen, sie seien aber noch immer unertrĂ€glich hoch, kritisiert der Verband.
Assistenzsysteme sollen helfen
Offizielle Statistiken werden zu den UnfĂ€llen nicht gefĂŒhrt. Nach einer Auswertung von Polizei- und Pressemeldungen des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) waren die jĂ€hrlichen Unfallzahlen bis zum Jahr 2020 mit im Schnitt mehr als 30 getöteten Radfahrerinnen und Radfahrern noch viel höher.
Den RĂŒckgang fĂŒhrt der Verband auf die seit April 2020 geltende Pflicht fĂŒr schwere Kraftfahrzeuge zur Schrittgeschwindigkeit beim Rechtsabbiegen zurĂŒck - und auf Abbiegeassistenten, die den Fahrer des Lastwagens warnen, wenn sich neben dem Fahrzeug ein Mensch befindet.
Eine Pflicht zum Einbau dieser Technik ist beschlossen, sie tritt aber nur schrittweise in Kraft. Seit 2022 mĂŒssen die Assistenten europaweit in allen neuen Fahrzeugtypen vorhanden sein. Erst ab 7. Juli kommenden Jahres werden alle neu zugelassenen Lastwagen und Busse ab 3,5 Tonnen von der Einbau-Pflicht erfasst.
«FĂŒr einen frĂŒheren Zeitpunkt gab es auf EU-Ebene keine Mehrheit», teilt eine Sprecherin des Bundesverkehrsministeriums mit. Das Ministerium fördert den freiwilligen Einbau. Bisher seien Gelder fĂŒr rund 43.500 Assistenzsysteme bewilligt worden. Nach EinschĂ€tzung des ADFC sind derzeit maximal zehn Prozent der Lkw mit der Technik ausgestattet, also neun von zehn Lastwagen ohne unterwegs.
Wunsch nach Fördermitteln fĂŒr mehr Sicherheit
In einem gemeinsamen Appell hatten der Bundesverband GĂŒterverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) und der ADFC vor drei Jahren Politik und Unternehmen aufgefordert, den Umbau von Kreuzungen, getrennte Ampelschaltungen und die NachrĂŒstung mit dem Abbiegeassistenten voranzutreiben. Mit bisher nicht ausreichendem Ergebnis, wie beide VerbĂ€nde kritisieren.
Der BGL zeigt zwar VerstĂ€ndnis, dass der aufwendige Umbau von Kreuzungen Zeit brauche. Doch die Forderung nach zeitlich getrennten Ampelschaltungen fĂŒr geradeaus Radelnde und rechtsabbiegende Lastwagen und Autos wĂ€re laut BGL zeitnah umsetzbar - und werde dennoch ignoriert. ZusĂ€tzliche Fördermittel fĂŒr mehr Sicherheit wĂŒrde sich der Verband zudem sehr wĂŒnschen, wie ein Sprecher mitteilte.
Opfer von Rechtsabbiege-UnfĂ€llen werden in der ĂŒberwiegenden Anzahl Radfahrer, wie der Unfallexperte Siegfried Brockmann sagt. FuĂgĂ€nger hĂ€tten immer die Chance, einen Schritt zurĂŒckzutreten. Der Radfahrer sei dagegen mit höherer Geschwindigkeit unterwegs, bei 20 Stundenkilometern betrage sein Bremsweg 10 Meter. «Wir haben hier ein sehr groĂes Problem, weil der Starke und der Schwache sich unweigerlich begegnen mĂŒssen», sagt der Leiter der Unfallforschung der Versicherer.
Bessere Sichtbeziehungen nötig
Lastwagen verursachten fast immer besonders schwere UnfĂ€lle, Hauptunfallgegner sei aber das Auto, sagt Brockmann. Die meisten UnfĂ€lle geschehen seinen Angaben zufolge dort, wo es keine Ampel gibt, etwa an Ein- und Ausfahrten von Tankstellen, SupermĂ€rkten und anderen GrundstĂŒcken.
Gegenmittel wĂ€ren bessere Sichtbeziehungen, also ein direkter Blick auf den Radweg ohne parkende Autos und Hecken. Stoppschilder, Warnschilder und Haltelinien wĂŒrden die Sicherheit zusĂ€tzlich erhöhen. An Kreuzungen wirbt Brockmann fĂŒr getrennte Ampelschaltungen, doch die Kommunen nutzen die Möglichkeit noch zu wenig: «Da ist noch viel Luft nach oben», sagt Brockmann.
Dass die Pflicht zum Einbau der Abbiegeassistenten bei neuen Fahrzeugen erst im Sommer nĂ€chsten Jahres in Kraft tritt, kritisiert auch Brockmann. In der Praxis seien noch ganze Lkw-Flotten ohne unterwegs. Die Förderung des Bundes fĂŒr deren freiwilligen Einbau reiche nicht aus.
Ohne die Technik seien Lastwagenfahrer auf ihre Spiegel angewiesen - wie den Weitwinkel-Spiegel, in dem ein Radfahrer jedoch sehr klein erscheine, zudem mĂŒsse der Fahrer auch nach vorne schauen, sagt der Unfall-Experte. Er selbst sei als Radfahrer an Kreuzungen mit Lastwagen sehr zurĂŒckhaltend: «Ich wĂŒrde immer raten, so langsam vorbei zu fahren, dass man im Zweifel noch anhalten kann.»


