Mit Suppe gegen GemĂ€lde: KlimaschĂŒtzer trotzig nach Urteil
27.09.2024 - 18:02:50 | dpa.deWieder Suppe, wieder van Gogh - und wieder die National Gallery in London. Doch diesmal sind es gleich zwei «Sonnenblumen»-GemĂ€lde des niederlĂ€ndischen Malers, die Ziel eines Protests der Gruppe Just Stop Oil werden.Â
Damit demonstrieren die Aktivisten nicht nur fĂŒr mehr Klimaschutz. Es sei «ein Zeichen des Trotzes»: Nur Stunden zuvor sind zwei Mitglieder von Just Stop Oil wegen eines Suppenangriffs auf dasselbe van-Gogh-GemĂ€lde vor zwei Jahren zu Haft verurteilt worden.
Die UmweltschĂŒtzer sind wegen des harten Durchgreifens der britischen Justiz empört. 25 ihrer Mitglieder seien derzeit hinter Gittern, betont Just Stop Oil. Eine der Aktivistinnen, die heute in der National Gallery zuschlugen, sagt: «KĂŒnftige Generationen werden diese politischen Gefangenen auf der richtigen Seite der Geschichte sehen.» Die zwei Frauen und ein Mann werden festgenommen, wie das Museum auf Anfrage mitteilt.
Ăber das wenige Stunden zuvor gefĂ€llte Urteil zeigt sich die Organisation empört: «Eine Glasscheibe auf einem GemĂ€lde genieĂt gerade mehr Schutz als Menschenleben.» Phoebe Plummer (23) und Anna Holland (22) wurden wegen SachbeschĂ€digung zu zwei Jahren beziehungsweise einem Jahr und acht Monaten Haft verurteilt.
Das berĂŒhmte GemĂ€lde «Sonnenblumen» (1888) von Vincent van Gogh war mit einer Glasplatte geschĂŒtzt und bei der Aktion im Oktober 2022 unversehrt geblieben. BeschĂ€digt wurde der goldfarbene Rahmen des Kunstwerks. Die Rede ist von 10.000 Pfund Schaden, umgerechnet etwa 12.000 Euro.
Die beiden Frauen plÀdierten auf nicht schuldig, doch Richter Christopher Hehir sah das völlig anders. Der «Kulturschatz» sei in Gefahr gewesen, sagte er. Suppe hÀtte durch das Glas triefen und das GemÀlde schwer beschÀdigt werden können. «Sie hatten kein Recht, das mit "Sonnenblumen" zu machen.»
Mildere Strafen in Deutschland
Auch in Deutschland wurden Kunstwerke zum Ziel. In Dresden klebten sich im August 2022 eine junge Frau und ein junger Mann am Rahmen des berĂŒhmten AltargemĂ€ldes «Sixtinische Madonna» in der GemĂ€ldegalerie Alte Meister Dresden fest. KĂŒrzlich stimmten sie ĂŒberraschend zu, 5.550 Euro Schadenersatz zu zahlen. Die fast doppelt so hohe Forderung des Freistaats fand ein Zivilrichter zu hoch. Haftstrafen gibt es nicht. Mehrere deutsche Museen kooperierten 2023 sogar mit der Gruppe Letzte Generation: Aktivisten, Mitarbeiter und Besucher verlasen Texte, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel stehen.
Nach einer Art Hochphase im zweiten Halbjahr 2022, bei dem Museen weltweit teilweise verzweifelt ĂŒberlegten, wie sie ihre Werke besser schĂŒtzen könnten, hatten die Aktivisten sich wieder anderen Protestformen zugewandt. Mit der Racheaktion in der National Gallery könnte Kunst nun zumindest in GroĂbritannien wieder ins Visier rĂŒcken.
Der Zeitung «Guardian» zufolge hatten sich zwar zuletzt mehr als 100 KĂŒnstler, Kuratoren und Kunsthistoriker dafĂŒr ausgesprochen, den Aktivistinnen eine GefĂ€ngnisstrafe zu ersparen. Doch der Richter entschied anders. Es war derselbe, der vor gut zwei Monaten mehrere Menschen, darunter Extinction-Rebellion-MitgrĂŒnder Roger Hallam, zu mehrjĂ€hrigen Haftstrafen verurteilte, weil sie einen Protest an einer Autobahn organisiert hatten.Â
Am selben Tag wie Plummer und Holland wurden auch zwei weitere Aktivisten verurteilt, sie erhielten Gerichtsauflagen wie 100 Stunden unbezahlte Arbeit. Die UrteilsbegrĂŒndung laut Just Stop Oil: Sie waren 20 Minuten lang eine StraĂe entlanggelaufen.
Demonstrationsrecht eingeschrÀnkt
Unter dem verschĂ€rften Public Order Act, wie das britische Gesetz genannt wird, steht es der Polizei frei, langsam bewegende DemonstrationszĂŒge zu untersagen. Mit den Strafen halten sich die Gerichte exakt an die Vorgaben der frĂŒheren konservativen Regierung, die das Demonstrationsrecht wiederholt eingeschrĂ€nkt hatte.
Dabei hatte die damalige Regierung nach EinschĂ€tzung von Kommentatoren explizit Protestformen von Klimaaktivisten im Visier wie Festketten oder Festkleben an Objekten und anderen Menschen. Oft genug hatten konservative Spitzenpolitiker wie der im Juli abgewĂ€hlte Premierminister Rishi Sunak sich beschwert, dass bei Aktionen von Extinction Rebellion oder Just Stop Oil der Verkehr groĂflĂ€chig lahmgelegt wurde. Hart arbeitende Menschen wĂŒrden in ihrem Alltag belĂ€stigt, schimpfte Sunak wiederholt.
Aktivisten entgegnen, genau dies sei ja der Sinn ihrer Proteste. Sie wollten wachrĂŒtteln und darauf hinweisen, dass der Klimawandel und nicht gewaltlose Demonstrationen der gemeinsame Feind sein mĂŒssten. Wissenschaftliche Fakten wĂŒrden als Ideologie und persönliche Meinung abgetan, wĂ€hrend man die Klimakrise als gröĂte Bedrohung fĂŒr das Leben als irrelevant erachte, sagte Phoebe Plummer vor Gericht.
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