Löwin, Kleinmachnow

Raubkatzen-Alarm: Polizei setzt Suche fort

20.07.2023 - 23:23:39

An der Landesgrenze von Berlin und Brandenburg soll eine Löwin frei umherlaufen. Polizei und Feuerwehr suchen nach dem Tier - mit Hubschraubern, Drohnen und WÀrmebildkameras. Es gibt viele Hinweise.

Gesehen und wieder verschwunden: Eine freilaufende Raubkatze - mutmaßlich eine Löwin - soll in Berlin und Brandenburg gesichtet worden sein. Wohngebiete wurden abgesperrt, Menschen sollten zu Hause bleiben. Hunderte Polizisten waren im Einsatz, unterstĂŒtzt von JĂ€gern und TierĂ€rzten - doch bis zum spĂ€ten Abend konnte das Tier nicht gefangen werden. Wo ist es?

Die erste Warnung erreichte die Bevölkerung sĂŒdlich von Berlin in der Nacht zu Donnerstag: Ein «freilaufendes gefĂ€hrliches Wildtier» soll in der Gemeinde Kleinmachnow in Brandenburg gesichtet worden sein. Ein nur wenige Sekunden langes Handyvideo eines Zeugen zeigt das Tier dort zwischen BĂŒschen und BĂ€umen umherschleichen. Das Video schĂ€tzen die Ermittlungsbehörden als echt ein. In der Nacht hĂ€tten auch Polizeibeamte die Raubkatze «gesichert» gesehen, sagte eine Behördensprecherin.

Mehr als 100 Polizistinnen und Polizisten im Einsatz

Eine weitere mögliche Sichtung gab es dann am Nachmittag auf Berliner Stadtgebiet, nahe der sĂŒdlichen Grenze zu Brandenburg. Aufgrund der Hinweise suchten Polizisten am Nachmittag in Zehlendorf im Bereich des Waldfriedhofs - die Spur fĂŒhrte aber ins Leere. «Es fanden sich keine Hinweise oder Spuren, dass das Tier sich dort tatsĂ€chlich befunden hat», teilte die Polizei auf Twitter mit.

Doch am Abend soll das Tier in dieser Gegend nochmals aufgetaucht sein. Die Berliner Polizei konzentriert darum ihre Suche auf den Bereich - auch in der Nacht. Etwa 220 Polizistinnen und Polizisten waren dort bis zum Abend im Einsatz, sagte eine Polizeisprecherin. In der Nacht sollten etwa 70 KrĂ€fte weiter Ausschau halten. Beteiligt an der Suche seien der StadtjĂ€ger und VeterinĂ€rmediziner. Es sollten NachtsichtgerĂ€te und eine Nachtsichtdrohne eingesetzt werden. Die Polizei berichtete, dass auch «LöwengebrĂŒll» gehört wurde.

Parallel dazu setzte auch die Polizei in Brandenburg in der Nacht ihre Suche fort. Mehr als 100 Polizistinnen und Polizisten seien im Einsatz, hieß es. Mit Drohnen, Hubschraubern und WĂ€rmebildkameras suchten sie nach der mutmaßlichen Löwin, unterstĂŒtzt von TierĂ€rzten und JĂ€gern sowie Feuerwehrleuten. In der Nacht seien mehrere Gruppen unterwegs, sagte ein Polizeisprecher am Abend. «Wir gehen jedem Hinweis nach», betonte er.

Ist es eine Löwin?

ZunĂ€chst fehlte jedoch jede Spur von dem Tier. Weder Blut noch Kot oder PfotenabdrĂŒcke deuteten auf seine PrĂ€senz in der Region hin. Aus Sicht des VeterinĂ€rmediziners Achim Gruber von der Freien UniversitĂ€t Berlin bleiben nicht zuletzt deswegen Zweifel, ob es sich wirklich um eine Löwin handelt. «Ich halte es fĂŒr möglich, dass das eine Löwin ist, bin aber nicht davon ĂŒberzeugt», sagte er am Abend im RBB-Spezial. Er setze auf die Jagdhunde, die nach dem Tier suchten. Wenn diese keine Spuren fĂ€nden, sei dies «ein starkes PuzzlestĂŒck» gegen die Hypothese, dass man es mit einer Löwin zu tun habe.

Sollte es tatsĂ€chlich eine Löwin sein, bleibt die Frage: Woher kommt sie? Aus den Zoos, Tierparks und Zirkussen dieser Region jedenfalls nicht, wie die Polizei herausfand. Dort vermisste niemand eine Großkatze. Private Halter seien in Kleinmachnow nicht bekannt, sagte BĂŒrgermeister Michael Grubert (SPD) am Donnerstag bei einer Pressekonferenz. Er sprach von einer «ernsten Lage».

Die private Haltung von Wildtieren ist in Deutschland LĂ€ndersache. In Berlin ist sie verboten, in Brandenburg gibt es keine spezielle Regelung neben der Bundesartenschutzverordnung. Erkenntnisse ĂŒber eine illegale Haltung wurden zunĂ€chst nicht bekannt. Nach Angaben des Landesumweltamtes ist in Brandenburg die Haltung von 23 Löwen angemeldet. Dabei handle es sich um drei Zirkusunternehmen, zwei Zoos und eine private Haltung.

Wichtiger Rat an Anwohnerinnen und Anwohnern

Der ruhige Ort Kleinmachnow, der direkt an Berlin grenzt, wurde von der Suche kalt erwischt. «Wenn ich heute Morgen nicht frĂŒh angerufen worden wĂ€re um 6.00 Uhr von einer Person der Feuerwehr, bei der ich wusste, dass die mir nicht um 6.00 Uhr eine Geschichte erzĂ€hlt (...), hĂ€tte ich zuerst an einen Scherz geglaubt», sagte Grubert.

In Kleinmachnow waren bereits in der Nacht Hubschrauber im Einsatz. Am Donnerstagmorgen wirkte in der Gemeinde laut einem dpa-Reporter alles völlig normal. Von der Suche nach einem gefÀhrlichen Raubtier war kaum etwas zu merken. Radfahrer waren unterwegs, SpaziergÀnger mit Hunden, Menschen auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen.

Die Gemeinde versuchte, das alltĂ€gliche Leben möglichst laufen zu lassen, ohne zu große Gefahren einzugehen. So ließ Kleinmachnow die KindergĂ€rten offen, bat aber, dass die Kinder auf dem GelĂ€nde bleiben. Der Wochenmarkt wurde verkleinert. Ein CafĂ© im Zentrum sollte die TĂŒren geschlossen halten. Was auf die Suche nach einer Löwin hindeutete, war die Polizei, die teils prĂ€sent war.

Ein Wildtierexperte riet den Anwohnerinnen und Anwohnern, bei einer zufĂ€lligen Begegnung mit der mutmaßlichen Löwin nicht plötzlich zu agieren. «Das Wichtigste ist, dass die Tiere das GefĂŒhl haben, die Kontrolle ĂŒber die Situation zu behalten», sagte Heribert Hofer, Direktor des Leibniz-Instituts fĂŒr Zoo- und Wildtierforschung der dpa in Berlin. Ein Überraschungseffekt mĂŒsse vermieden werden. «Das ist eine Situation, wo sie einen Kontrollverlust der Situation erlebt.» Daraus könnten sich Reaktionen ergeben, weil sich das Tier gefĂ€hrdet fĂŒhlt und sich deswegen eventuell verteidigen wĂŒrde.

Schicksal des Tieres noch ungeklÀrt

Die Warnmeldung des Bundesamts bezieht auch den SĂŒden Berlins, etwa Steglitz, Marienfelde und Neukölln, mit ein. Auch die Stadt Potsdam rief ihre Einwohnerinnen und Einwohner zu Wachsamkeit auf: «Augen auf! Potsdam ist nicht weit entfernt», teilte die Stadt auf Twitter mit.

Laut EinschĂ€tzungen von Expertinnen und Experten aus Zoo und Tierpark in Berlin kĂ€me eine Löwin in den Sommermonaten durchaus in einem heimischen WaldstĂŒck zurecht. In einem ihr unbekannten Terrain könne davon ausgegangen werden, dass sie sich ins Unterholz zurĂŒckziehe und nicht aktiv den Kontakt zum Menschen suche, teilten die Einrichtungen mit.

«Auch die Gefahr, dass ein Wildtier auf freier FlĂ€che wie beispielsweise im Wald, Park oder Feld einen Menschen direkt angreift ist geringer, als wenn es sich in einem Wohngebiet in die Enge getrieben und bedroht fĂŒhlt.»

Noch ungeklĂ€rt ist das Schicksal des Tieres, sollte es gefunden werden. Eine Sprecherin des Landkreises Potsdam-Mittelmark sagte, es seien eine TierĂ€rztin und zwei JĂ€ger mit Waffen mit vor Ort. Wenn man das Tier finde, werde entschieden, ob man mit BetĂ€ubung arbeite oder es erschießen mĂŒsse. Kleinmachnows BĂŒrgermeister setzte auf einfangen und wenn nötig betĂ€uben.

TierÀrztin schildert mögliche Probleme

Wenn ein Tier in freier Wildbahn gefangen werden sollte, werde Tele-Injektion mit einem Narkosegewehr eingesetzt, sagte May Hokan von der Umweltstiftung World Wide Fund For Nature (WWF) der dpa in Berlin. Das könnten am besten etwa ZootierÀrzte, die mit solchen Situationen auch unter Stress gut umgehen könnten.

Die TierÀrztin schilderte mögliche Probleme: «Wenn man so einen Löwen trifft, fÀllt der nicht direkt um und schlÀft ein. Es gibt eine Stressphase, er hat diesen Pfeil im Hintern, wird erst mal losrennen und Radau machen.» Dies dauere einige Minuten, auch abhÀngig von der Art des Narkosemittels. «Wir haben dann eine schwierige Phase, bevor das Tier einschlÀft und man sich dem Tier nÀhern kann.»

Theoretisch denkbar wĂ€re auch ein Abschuss. «Je nachdem, wie die Situation wahrscheinlich von Tierarzt und Polizei eingeschĂ€tzt wird, wird das Tier in solchen Situationen auch erschossen. Dabei muss natĂŒrlich die Sicherheit gegeben sein, dass da keine Menschen in der NĂ€he sind. Das ist auch nicht so einfach», sagte die TierĂ€rztin.

@ dpa.de