Polizeigewalt, Frankreich

Tödlicher Polizeischuss auf 17-JÀhrigen: Krawalle bei Paris

28.06.2023 - 02:41:47

Bei einer Verkehrskontrolle erschießt ein Beamter einen Autofahrer aus nĂ€chster NĂ€he. Videoaufnahmen befeuern die öffentliche Empörung: Wieder gibt es Krawalle und brennende Autos in Pariser VorstĂ€dten.

Im Pariser Vorort Nanterre sind nach einem tödlichen Polizeischuss auf einen 17 Jahre alten Autofahrer bei einer Verkehrskontrolle schwere Krawallen ausgebrochen.

MĂŒlltonnen, Autos und eine Grundschule wurden von aufgebrachten Menschen in Brand gesetzt und EinsatzkrĂ€fte mit großen Mengen explodierender Feuerwerkskörper beworfen, berichteten französische Medien wie die Zeitung «Le Figaro» unter Verweis auf die Behörden. Zwischen den Hochhaussiedlungen wurden Barrikaden errichtet und FeuerwehrkrĂ€fte bei ihren EinsĂ€tzen behindert.

Die Unruhen, die gestern Abend mit einer Demonstration vor der Polizeiwache von Nanterre begonnen hatten, griffen in der Nacht auf angrenzende Orte ĂŒber. In Mantes-la-Jolie wurde ein Rathaus in Brand gesetzt. Die Polizei setzte TrĂ€nengas und Gummigeschosse ein, musste sich angesichts der massiven Angriffe aber teils im Laufschritt zurĂŒckziehen. Nach Behördenangaben wurden 15 Menschen festgenommen.

Beamter in Polizeigewahrsam

Eine Motorradstreife der Polizei hatte das mit drei Menschen besetzte Auto gestern Morgen gestoppt. Ein vom Sender France Info verifiziertes Video zeigt, wie einer der Beamten seine Waffe auf Höhe der FahrertĂŒr in das stehende Auto richtete. Der Bereich vor dem Auto ist frei. Als der 17-JĂ€hrige am Steuer plötzlich losfĂ€hrt, feuert der Beamte aus nĂ€chster NĂ€he auf den Jugendlichen und verletzt ihn tödlich.

Wie France Info berichtete, wurde der Beamte unter Totschlagsverdacht in Polizeigewahrsam genommen. Nach Angaben von Innenminister Gérald Darmanin nahm die Polizeiaufsicht nach dem Tod des jungen Autofahrers Ermittlungen auf, um den Vorfall aufzuklÀren.

Der tödliche Polizeieinsatz löste in Frankreich Empörung aus, angesichts der Videoaufnahmen ist von völlig ĂŒberzogener Polizeigewalt die Rede. Immer wieder kommen Menschen in Frankreich bei banalen Fahrzeugkontrollen ums Leben, wenn sie sich nicht an Polizeianweisungen halten. Oft geht es dabei nicht um Schwerkriminelle, sondern wie auch im Fall von Nanterre um Menschen, die mit Bagatelldelikten aufgefallen sind. Der 17-JĂ€hrige soll wegen frĂŒherer Verkehrsdelikte polizeibekannt gewesen und auch diesmal wegen eines solchen Verstoßes angehalten worden sein, wie France Info berichtete.

«Die Todesstrafe gibt es in Frankreich nicht mehr»

Auch deshalb löste der jĂŒngste Todesfall bei einem Polizeieinsatz eine heftige politische Debatte aus. «Die Todesstrafe gibt es in Frankreich nicht mehr. Kein Polizist hat das Recht zu töten, es sei denn, es handelt sich um Notwehr», twitterte Linkspolitiker Jean-Luc MĂ©lenchon. Die Polizei bringe die AutoritĂ€t des Staates in Verruf und mĂŒsse von Grund auf reformiert werden.

Der PrĂ€sident der konservativen RĂ©publicains, Éric Ciotti, sprach den PolizeikrĂ€ften in Nanterre seine UnterstĂŒtzung aus. «Es wird eine harte Nacht werden, Sie sind die Verteidiger unserer kollektiven Sicherheit. Dieses Chaos ist durch nichts zu rechtfertigen!»

@ dpa.de