Psychologie, Deutschland

Warum Dauerstress dick machen kann

17.07.2023 - 12:10:38

Bei Stress greifen viele Menschen zu Schokolade oder anderen hochkalorischen Lebensmitteln. Warum eigentlich?

Die Zeit rennt, der Chef macht Druck. Der Haushalt ruft, und die Kinder streiten sich. In Stresssituationen greifen viele Menschen gern zu Schokolade, NĂŒssen, Chips und anderen kalorienreichen Lebensmitteln. Das kann insbesondere bei anhaltender Beanspruchung zum Problem werden.

«Stress schaltet den Bereich des Gehirns aus, der uns signalisiert, dass wir genug gegessen haben», erklĂ€rt der Neurobiologe Herbert Herzog vom Garvan Institut fĂŒr medizinische Forschung in Sydney. Herzog und Kollegen haben an MĂ€usen untersucht, wie sich chronischer Stress auf Essverhalten und Gewicht auswirkt.

Was macht der Stress mit den Menschen?

«Wir haben gezeigt, dass chronischer Stress in Verbindung mit einer kalorienreichen ErnĂ€hrung zu einer immer stĂ€rkeren Nahrungsaufnahme und zu einer Vorliebe fĂŒr sĂŒĂŸe, schmackhafte Lebensmittel fĂŒhren kann, was wiederum Gewichtszunahme und Fettleibigkeit fördert», so Herzog. «Gestresste MĂ€use mit einer fettreichen ErnĂ€hrung nahmen doppelt so viel Gewicht zu wie MĂ€use mit derselben Nahrung, die nicht gestresst waren», erklĂ€rt sein Forscherkollege Kenny Chi Kin Ip.

Auch andere wissenschaftliche Daten zeigten, dass Stress dazu fĂŒhren könne, dass vermehrt hochkalorische, ungesunde Nahrung zu sich genommen werde, sagt AndrĂ© Kleinridders von der UniversitĂ€t Potsdam. Es sei aber noch immer nicht hinreichend verstanden, warum manche Menschen stressempfĂ€nglich sind und andere nicht. Auch nicht ausreichend erforscht sei, warum manche Menschen bei Stress mehr essen - und andere weniger. 

Das GlĂŒckshormon Dopamin gibt es nicht bei Brokkoli

Psychologisch lasse sich der Griff zum Essen mit der besĂ€nftigenden Wirkung erklĂ€ren, sagt der Psychologische Psychotherapeut und Autor Michael Macht («Hunger, Frust und Schokolade»). Die besĂ€nftigende Wirkung sorge dafĂŒr, dass Menschen ĂŒberhaupt Ă€ĂŸen. Bei emotionalem Stress werde diese Wirkung zweckentfremdend genutzt, nĂ€mlich um mit dem Stress besser zurechtzukommen. «Das ist ein Muster, das auf Lernprozessen beruht», so Macht. 

Vielen Menschen ist zwar bewusst, dass der Gang zum KĂŒhlschrank oder der Griff in die SĂŒĂŸigkeitenschublade ungesund ist. Und trotzdem tun sie es immer wieder. Kleinridders erklĂ€rt das so: «Man weiß, dass unsere geistigen FĂ€higkeiten in Stresssituationen beeintrĂ€chtigt werden und eher Fehlentscheidungen getroffen werden. Die ImpulsivitĂ€t geht hoch», so der Professor fĂŒr molekulare und experimentelle ErnĂ€hrungsmedizin. 

«Wohlschmeckende, energiereiche Nahrung hat an sich schon einen großen Anreiz und einen starken emotionalen Effekt. Außerdem ist die VerfĂŒgbarkeit sehr groĂŸÂ», ergĂ€nzt Michael Macht. FĂŒr viele Menschen sei das Essen daher eine besonders einfache Möglichkeit, Stress zu bewĂ€ltigen. 

Zucker und andere kalorienreiche Lebensmittel sorgen laut Kleinridders fĂŒr einen Ausstoß des GlĂŒckshormons Dopamin auch im gesĂ€ttigten Zustand. «Das funktioniert nicht mit Brokkoli.» Die GlĂŒckshormone sorgten fĂŒr eine kurzfristige Verbesserung. «Aber wenn man immer wieder negativen Stress hat und zu SĂŒĂŸem und Fettigem greift, kommt man in einen Teufelskreis, der zu Übergewicht und Insulinresistenz fĂŒhrt», so Kleinridders. 

Um kalorienreiche Fehltritte zu vermeiden sei es sinnvoll, den Stress langfristig zu reduzieren und abzubauen. Dem einen helfe Sport, dem anderen Meditation. «Das ist ganz individuell», so Kleinridders. 

«Es gibt kein Wundermittel. Wichtig ist, mit Bedacht zu essen. In stressigen Situationen vielleicht eher zu Obst und GemĂŒse zu greifen als zu Keksen und Schokolade, oder den KĂŒhlschrank leer zu rĂ€umen», ergĂ€nzt Herzog. 

Man muss negative GefĂŒhle aushalten

Theoretisches Wissen reiche allerdings nicht, so die Erfahrung Kleinridders. Menschen brÀuchten konkrete Hilfen. «Wir brauchen interdisziplinÀre Forschung, auch mit Psychologen und Sozialforschern. Man muss Leuten etwas an die Hand geben», fordert er.  

Eine solche Hilfe - ein achtsamkeitsbasiertes Trainingsprogramm - wurde an der UniversitĂ€t WĂŒrzburg entwickelt. In dem Programm lernen die Teilnehmer, ihre Verhaltensmuster in Stresssituationen zu erkennen. Außerdem werden individuelle Möglichkeiten erarbeitet, negative GefĂŒhle anders zu bewĂ€ltigen als mit Essen. «Und es geht um Impulskontrolle, also wie ich mit dem Verlangen nach Nahrung umgehe», erklĂ€rt Macht, der an der Entwicklung beteiligt war. Es gehe auch darum, negative GefĂŒhle aushalten zu lernen. 

@ dpa.de