Deutlicher Anstieg der ClankriminalitÀt in Berlin
18.07.2024 - 16:42:36Warenkreditbetrug, Diebstahl, Hehlerei, Unterschlagung, Betrug, Drogenhandel, Beleidigung, Bedrohung: Wegen sage und schreibe 65 Straftaten ermittelte die Berliner Polizei gegen ein 24-jĂ€hriges Clan-Mitglied. Der VerdĂ€chtige sicherte sich damit den unrĂŒhmlichen Spitzenplatz im neuen Lagebild ClankriminalitĂ€t der Berliner Innenverwaltung.Â
Dieses zeigt eine alarmierende Entwicklung: Denn die registrierten FĂ€lle sogenannter ClankriminalitĂ€t nahmen in der Hauptstadt, die als ein bundesweiter Hotspot dieser Form der organisierten KriminalitĂ€t gilt, im Jahr 2023 deutlich zu. 1.063 entsprechende Straftaten zĂ€hlten die Ermittler, die von - oft arabischstĂ€mmigen - GroĂfamilien ausgingen. Das sind fast 200 FĂ€lle mehr als im Jahr zuvor - ein sattes Plus von ĂŒber 20 Prozent.Â
Statistik umfasst auch TötungsdelikteÂ
Die Liste ist ebenso lang wie facettenreich. Verkehrsstraftaten (158), Körperverletzung (135), Diebstahl und Unterschlagung (132), Drogendelikte (112) sowie Betrug (103) kommen besonders hĂ€ufig vor. Es folgen Bedrohung auch mit Waffen (66), Beleidigung (55), Raub (41) oder GeldwĂ€sche (30). Auch fĂŒnf Tötungsdelikte sind darunter (2022: 3).Â
Wie es weiter hieĂ, wurden zu den Straftaten 298 VerdĂ€chtige ermittelt (2022: 303). Insgesamt 633 Menschen rechneten Ermittler mit Stand 31. Dezember 2023 dem Milieu der ClankriminalitĂ€t in Berlin zu (2022: 582). Wie es scheint, ist es eine MĂ€nnerdomĂ€ne: Nur 37 Frauen sind darunter.Â
Knapp die HĂ€lfte der ermittelten TatverdĂ€chtigen (45,2 Prozent) sind deutsche StaatsbĂŒrger. 23,2 Prozent - also fast ein Viertel - werden in der Statistik als libanesisch oder deutsch-libanesisch gefĂŒhrt. Bei gut 17 Prozent ist die StaatsbĂŒrgerschaft unklar. Ferner ordnen die Ermittler unter anderem noch tĂŒrkische oder deutsch-tĂŒrkische Staatsangehörige (6,2 Prozent), Syrer (2,5 Prozent) und Schweden (1,3 Prozent) der ClankriminalitĂ€t in Berlin zu.
Die Straftaten von Clanmitgliedern hatten 2023 etwa 0,2 Prozent Anteil an der gesamten KriminalitĂ€t in Berlin, bei der Zahl der TatverdĂ€chtigen sind es 0,5 Prozent. Dennoch gehen die Behörden spĂ€testens seit 2018 verstĂ€rkt und koordiniert gegen diese Gruppen vor.Â
Ein Auslöser dĂŒrfte der spektakulĂ€re Raub einer 100 Kilogramm schweren GoldmĂŒnze 2017 aus dem Bode-Museum gewesen sein, an dem Mitglieder einer arabischstĂ€mmigen GroĂfamilie nach Ăberzeugung von Gerichten beteiligt waren.
Behörden zielen auf VermögenswerteÂ
Ein wichtiger Punkt des seinerzeit beschlossenen Aktionsplans sind hoher Kontrolldruck und die Abschöpfung von Clan-Vermögenswerten, die mutmaĂlich aus Straftaten stammen. Denn das trifft die Gruppen hĂ€rter als Haftstrafen, die im Milieu hĂ€ufig sogar als «Auszeichnung» betrachtet werden, wie Ermittler berichten.Â
In diesem Zusammenhang rĂŒckten Polizei und andere Stellen wie OrdnungsĂ€mter, Zoll- und Finanzbehörden 2023 zu insgesamt 126 KontrolleinsĂ€tzen aus, bei denen 486 GeschĂ€fte wie CafĂ©s, Shishabars, SpĂ€tkauflĂ€den, FriseurgeschĂ€fte, WettbĂŒros, AutohĂ€ndler und -vermietungen oder Bordelle ĂŒberprĂŒft wurden. 20 dieser LĂ€den wurden dichtgemacht, 324 Strafanzeigen gefertigt und 21 Haftbefehle vollstreckt.Â
Zudem beschlagnahmten Ermittler diverse GegenstĂ€nde und Bargeld, darunter 20 Autos, 49 GeldspielgerĂ€te, 15 Waffen sowie massenhaft unversteuerte Zigaretten, E-Zigaretten, 62,7 Kilo Wasserpfeifentabak und Hunderte Verkaufseinheiten Drogen. In der Gesamtschau lag das Volumen dieser eingezogenen Dinge laut Statistik aber niedriger als 2022.Â
Polizeigewerkschaft forderte neue Ermittlungsinstrumente
«Die ClankriminalitĂ€t in Berlin untergrĂ€bt seit Jahrzehnten unser Recht- und Wertesystem», erklĂ€rte Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) zu dem neuen Lagebild. «Wir werden auch weiterhin den kriminellen Strukturen gezielt den NĂ€hrboden entziehen.» Diese Parallelwelten mĂŒssten Schritt fĂŒr Schritt aufgelöst werden.Â
«Ein ErfolgsschlĂŒssel zur effektiven BekĂ€mpfung der ClankriminalitĂ€t bleiben Finanzermittlungen, die wir mit dem Ziel fĂŒhren, inkriminierte Vermögenswerte abzuschöpfen, welche ĂŒber den legalen Wirtschaftskreislauf eingeschleust werden», sagte PolizeiprĂ€sidentin Barbara Slowik. «Unser Fokus gilt in Berlin vor allem dem Gebrauchtwagenhandel, dem Bau-, Sicherheits- und GaststĂ€ttengewerbe.»
Nach EinschĂ€tzung des Landesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Stephan Weh, braucht der Staat hier einen langen Atem. «Wir haben den behördenĂŒbergreifenden Druck auf kriminelle Clans in Berlin in den letzten Jahren hochgefahren, aber es wird viel Zeit brauchen, dieser Hydra endgĂŒltig das Handwerk zu legen.»Â
Weh forderte neue MaĂnahmen, etwa eine vollstĂ€ndige Beweislastumkehr bei der Vermögensabschöpfung. Ein VerdĂ€chtiger ohne EinkĂŒnfte und Vermögen mĂŒsste dann selbst nachweisen, woher er Geld fĂŒr den Kauf einer Villa oder eines Luxus-Autos hat.Â
Begriff stigmatisiert und diskriminiert
Die Bezeichnung ClankriminalitĂ€t ist umstritten, weil er nach Ansicht von Kritikern Menschen mit Migrationshintergrund alleine aufgrund ihrer Familienzugehörigkeit und Herkunft stigmatisiert und diskriminiert. Laut Definition der Polizei ist ein Clan eine informelle soziale Organisation, die durch ein gemeinsames AbstammungsverstĂ€ndnis ihrer Angehörigen bestimmt ist.Â
ClankriminalitĂ€t umfasst demnach «delinquentes Verhalten» von Clan-Angehörigen. «Die Clanzugehörigkeit stellt dabei eine verbindende, die Tatbegehung fördernde oder die AufklĂ€rung der Tat hindernde Komponente dar, wobei die eigenen Normen und Werte ĂŒber die in Deutschland geltende Rechtsordnung gestellt werden können.»Â





