AnÀsthesist bekommt nach Hepatitis-Skandal BewÀhrungsstrafe
30.06.2023 - 11:50:07Es war ein «Medizinskandal bundesweiter Tragweite», wie es der Vorsitzende Richter formulierte. Dennoch bekam der AnÀsthesist, der in den Jahren 2017 und 2018 diesen Skandal um Hepatitis-C-Infektionen von mehr als 50 Krankenhaus-Patienten ausgelöst hat, ein mildes Urteil.
Das Landgericht Augsburg verurteilte den 61-JĂ€hrigen wegen gefĂ€hrlicher Körperverletzung in 51 FĂ€llen und Unterschlagung zu zwei Jahren Haft, die zur BewĂ€hrung ausgesetzt wurden. Der Narkosearzt hatte ein umfassendes GestĂ€ndnis abgelegt und leidet selbst unter erheblich psychischen und körperlichen Erkrankungen. Trotzdem stellte Richter Christoph Kern unmissverstĂ€ndlich fest, dass der Mann seine Ă€rztlichen Pflichten «mit FĂŒĂen getreten» habe.
«Eklatante VerstöĂe gegen Hygieneregeln»
Wegen einer schmerzhaften chronischen Darmerkrankung hatte sich der AnĂ€sthesist an seinem Arbeitsplatz in der Donau-Ries Klinik im nordschwĂ€bischen Donauwörth immer wieder Opiate abgezweigt und selbst gespritzt. Dabei sei es zu «eklatanten VerstöĂen gegen die Hygieneregeln» gekommen, sagte Kern. Folge war, dass es zu einem Blutaustausch zwischen dem Arzt und den im OP-Saal liegenden Kranken kam.
Das Gericht ging davon aus, dass sich der Mediziner erst selbst bei einem Patienten mit Hepatitis C angesteckt hat, ohne die Erkrankung zu bemerken. In den Monaten danach ĂŒbertrug der Mann unwissentlich die LeberentzĂŒndung an Dutzende weitere Patienten.
Nach Bekanntwerden des Falls wurden 1700 MĂ€nner und Frauen aufgefordert, sich auf Hepatitis C testen zu lassen. Sie alle wurden im untersuchten Zeitraum in dem Krankenhaus von dem Narkosearzt behandelt.
Die Staatsanwaltschaft hatte eine dreijĂ€hrige GefĂ€ngnisstrafe verlangt und will nun prĂŒfen, ob Revision gegen das Urteil eingelegt wird. Einige geschĂ€digte Patienten waren in dem Prozess NebenklĂ€ger. Sie leiden heute insbesondere psychisch an den Folgen, da durch neue Medikamente Hepatitis C inzwischen fast immer heilbar ist.
Mediziner muss voraussichtlich Schadenersatz zahlen
Der Narkosearzt selbst ist nunmehr Rentner. Er hat seine Ă€rztliche Approbation nach Bekanntwerden des Skandals zurĂŒckgegeben. Ob er jemals wieder als Mediziner arbeiten wird, ist insofern fraglich. Vor Gericht bezeichnete der 61-JĂ€hrige das Geschehene als «Alptraum, der mich vermutlich mein ganzes Leben verfolgt und nicht mehr loslĂ€sst». Der Mann leidet seit mehr als 20 Jahren auch an einer Depression. Letztlich war er wegen seiner eigenen Krankheiten vermindert schuldfĂ€hig, wie ein psychiatrischer Gutachter feststellte.
Vermutlich kommen auf den Mediziner noch hohe Schadenersatzforderungen zu. Denn die Versicherung der Klinik hat den Patienten Schmerzensgeld gezahlt, der Gesamtschaden der Versicherung wurde in dem Prozess auf 2,6 Millionen Euro beziffert. Eine Sprecherin der Versicherungskammer Bayern wollte sich noch nicht konkret dazu Ă€uĂern, ob diese Summe nun bei dem Mann eingefordert wird. Man sei aber «grundsĂ€tzlich verpflichtet», mögliche RegressansprĂŒche genau zu prĂŒfen, betonte die Unternehmenssprecherin.
Der Prozess hat allerdings auch Fragen zum Handeln der Klinikverantwortlichen aufgeworfen. Eine regelmĂ€Ăige Untersuchung des Personals, durch das die Hepatitis-C-Erkrankung des AnĂ€sthesisten frĂŒher hĂ€tte auffallen können, gab es nicht.
Zudem gab es in dem Haus lĂ€ngst den Verdacht, dass der Mediziner schmerzmittelabhĂ€ngig ist und sich Narkosemittel abzweigt. Ein frĂŒherer Kollege des Angeklagten sagte als Zeuge in dem Prozess, dass der AnĂ€sthesist oft auffĂ€llig lange auf den Toiletten verschwunden sei. Von dort sei er «euphorisch» und mitunter ein Lied trĂ€llernd zurĂŒckgekommen.
Weil der Verbrauch an Nadeln in dem OP so hoch war, wurden diese vor dem Narkosearzt sogar regelrecht versteckt, wie der Zeuge berichtete. FĂŒr die Patienten hatte der Medikamentenmissbrauch mitunter dramatische Folgen. Einige wachten nach der OP vorzeitig mit Schmerzen auf, weil sie durch das Abzweigen zu wenig Narkosemittel erhalten hatten. Die Pfleger mussten dann nachspritzen.


